08.11.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Münchner Staatsoper begeistert mit origineller Inszenierung von Mozarts "Die Hochzeit des ...: Charmant quirliges Spiel

München. Das Dirigat ist flott, die Inszenierung zauberhaft, Mozarts "Figaros Hochzeit" erstaunlich kurzweilig. Das liegt in erster Linie an der originellen Inszenierung. Zur Ouvertüre erscheint ein Marionettentheater, die Staatsopernbühne en miniature, Figaro in Originalgröße zwängt sich von unten wie ein Riese hinein, streichelt liebevolle die Marionetten-Susanna und purzelt auf die große Bühne als Wohnraum zwischen Türen und Blicke in den Garten, aufgeschlagen wie ein Bilderbuchseite.

Durch das Spiel mit den Größenverhältnissen degradieren die Sänger zu Mozarts Spielfiguren Olga Kulchynska (Susanna), Alex Esposito (Figaro) und Christian Gerhaher (Graf) (von links). Bild: Winfried Hösl
von Autor MILProfil

Spiel mit Relationen

Dieses Spiel mit den Größenverhältnissen (Bühne Johannes Leiacker) durchzieht als witziges Motiv die ganze Inszenierung und signalisiert mit zunehmender Größe der Türen bis zur skurrilen Riesentür im vierten Akt die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Figuren. Sie sind nur Marionetten künstlerischen Ausdrucks und extravagante Ideen Mozarts. Vor kleinen Türen wirken die Figuren mächtig, im Real-Geschehen entstehen ausgewogene Proportionen. Mit der Vision der Ständegleich degradieren sie immer mehr zu Spielfiguren einer burlesk herzerfrischenden Komödie zwischen Boulevard und Commedia dell'Arte.

Die Watschen knallen, die Emotionen explodieren, entsprechend temperamentvoll, zuweilen sehr zornig die Rezitative, wild die Fortissimi aus dem Orchestergraben. Olga Kulchynska mausert sich als Susanna vom zarten Frauchen in Burgunderrot im strahlenden Brautkleid zum staatlichen Pendant der Gräfin. Zwischen beiden Erscheinungen verschmälern sich die Männer zu hilflosen Hampelmännern. "Einer Frau zu trauen ist eine Dummheit" verkehrt sich in das Gegenteil. Der "Figaro" mutiert zum Frauenstück. Cherubino legt sein historisch kitschiges Outfit ab, mutiert zum Teenagertransvestit der "Rolling Fifties" (Kostüme Klaus Bruns) und liebt trotzdem noch die Frauen. Alles ist in Bewegung. Drei Jahre vor der Französischen Revolution fallen in Mozarts "Figaro" schon die Ständeschranken, zweifelsohne ein Märchen.

Die Rollen sind trefflich besetzt. Gesanglich überstrahlt Federica Lombardi alle. Mit ihrem klangvollen Sopran macht sie jede Arie zum Ereignis. Olga Kulchynska gibt Susanna immer mehr Ausdruck und steht ihr am Schluss auch gesanglich fast ebenbürtig gegenüber. Unter der subtilen Personenregie von Christof Loy agieren die Sänger mit der Expression von Schauspielern. Figaro zeichnet Alex Esposito mit witzig, wie eine Figur aus der Commedia dell'Arte. So gar kein Träumer, aber ein eingesprochen gewieftes und agiles Kerlchen, der beherzt auch aus dem Fenster springt. Cherubino gelingt mit Solenn Lavannant-Linke eine überzeugende androgyne Optik, doch gesanglich sticht sie nicht heraus. Nicht so Christian Gerhaher: seine gefühlvolles Mozartverständnis als Sänger und sein schauspielerisches Talent machen den Grafen zum Bonvivant, dem man gar nicht böse sein kann.

Charmante Interpretation

Unter der musikalischen Leitung von Constantinos Carydis wird Mozarts "Hochzeit des Figaro" rasant und sehr tänzerisch präsentiert. Die Hörner überraschen schon bei der Ouvertüre durch ihren Feinklang, Cembalo und Hammerklavier durch ihre parlierendes Begleiten, die Fortissimi bei den Tuttis. Ansonsten unterstützt das Bayerische Staatsorchester klar akzentuierend und effektvoll dynamisierend in erster Linie die Sänger. Das ist sehr schmissig, für Mozartliebhaber zuweilen zu schnell dirigiert, ergibt aber insgesamt eine in sich sehr stimmige, witzig charmante "Figaro"-Interpretation.

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Das Stück ist noch zwei Mal im Juli 2018 an der Staatsoper in München zu sehen. Tickets: Tageskasse (Marstallplatz 5), Abendkasse (Max-Joseph-Platz 2) per E-Mail an tickets[at]staatsoper[dot]de sowie telefonisch unter 08921/85 19 20.

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