„Night of the Proms“ in München
Balladen über Trauer, Liebe und echte Helden

Balladen zum Niederknien: Simple Minds mit Sänger Jim Kerr sorgten für die besonderen Momente der Proms. Bild: Tobias Schwarzmeier
Kultur BY
Bayern
14.12.2016
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Versammelte Pop-Prominenz: Jim Kerr, Ronan Keating und John Miles (von links). Bild: Tobias Schwarzmeier

München. Jim Kerr geht auf die Knie. Life goes on - das Leben geht weiter, singt er. In unserer terror-geprägten Zeit kommen auch die klassischen "Night of the Proms" nicht am schrecklichen Alltagsthema vorbei. So ist es der emotionale, aber ruhige Simple-Minds-Klassiker "Belfast Child" - über den blutigen Nordirlandkonflikt Ende des vergangenen Jahrhunderts - der für den Gänsehautmoment an einem bombastischen Abend sorgt.

Wie alle Titel aus dem Repertoire der Schotten ist der 80er-Jahre-Hit den Musikfans in der Olympiahalle wohlbekannt. Dennoch halten sie den Atem an. Selten hat die berührende Ballade - basierend auf einem irischen Volkslied - so atmosphärisch geklungen, wie in München. Der Grund ist neben Kerrs nach wie vor feinem Gespür für die Nuancen in Tempo und Intonation auch der Einfluss von "Time for Three".

Die "erste Garagenband der Klassik", wie sich die drei Streichmusiker aus den USA gerne bezeichnen, veredeln den Sound der Tin Whistle und Bodrhán-Trommel vom getragenen Intro bis hin zum Staccato im zweiten Teil mit dramatischen Violinenklängen. Einfach wunderbar. Mit "Paradise Of Free Souls" - für die Opfer des Anschlags auf den Club "Bataclan" - hat das Trio auch einen eigenen Gedenk-Song im Gepäck. Auch der Schweizer Wirbelwind Stefanie Heinzmann profitiert von den drei extravaganten Streichern. Während die 27-Jährige bei ihren eigenen Hits wie "My Man Is a Mean Man" oder "On Fire" über die Bühne fegt, jammt sie mit viel Spaß mit Nick Kendall, Charles Yang (beide Violine) und Ranaan Meyer (Bass) den Jackson-Five-Song "I want You Back".

Die richtige Mischung macht's eben. Auch beim bereits 64. Konzert der etablierten Veranstaltungsreihe in Deutschland, die mittlerweile die Marke von 600 000 Besuchern geknackt hat, sind es die clever gemischten Formationen, die sich am Abend finden, die den Unterschied zu anderen Klassik-Pop-Crossover-Konzerten ausmachen.

Mit Boygroup-Schmelz

Allen voran das Duo John Miles/Ronan Keating. Mit "Father and Son" von Cat Stevens treffen das Flaggschiff der Proms und der Frauenschwarm im Gleichklang genau den richtigen Ton. Mit den Liebesballaden "If Tomorrow Never Comes" und "When You Say Nothing At All" legt Keatings boygroup-weiche Stimme die weiblichen Fans endgültig an die Kette. Kreischen, Schmachten und Seufzen inbegriffen.

Für den Rhythmuswechsel sorgen dann wieder Kerr, der etwas Anlaufzeit brauchte, und sein Gitarrist Charlie Burchill mit "Alive And Kicking" und dem bejubelten Breakfast-Club-Kracher "Don't You (Forget About Me)". Neben Heinzmann gibt auch Sängerin Natasha Bedingfield (schön: "These Words", "Soulmate") ansprechend Gas.

Die Proms wären aber nicht die Proms, wenn das Hymnische zu kurz kommen würde. Das spielfreudige Orchester "Il Novecento" und der Chor "Fine Fleur" - mit der neuen brasilianischen Maestra Alexandra Arrieche, die den Dirigentenstab von Proms-Ikone Robert Groslot übernahm - lässt jeden Titel in Klangfülle erstrahlen. Die Künstler besingen die verstorbenen Helden des Pop und die Musik an sich. Das ist bei John Miles "Music" genial, bei der Jackson-Hommage von Heinzmann/"Time for Three" inspirierend und misslingt bei Bedingfields Prince-Cover "Purple Rain". Beim gemeinsamen Finale mit David Bowies "Heroes" - dem zweiten echten Gänsehautmoment - ist es einfach nur großartig.
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