23.01.2018 - 21:08 Uhr
Deutschland & Welt

Ur-Aufführung von "Fack ju Göhte - Se Mjusicäl" in München Fack Herr Müller, das rockt vielleicht

Endlich frei. Doch es dauert nicht lange bis Zeki wieder tief in Schwierigkeiten steckt. Gerade aus dem Knast entlassen, wird er von einem Drogen-Boss unter Druck gesetzt und geht mit seiner Stripperin-Freundin auf die Suche nach seiner Diebesbeute. Es ist ein rasanter Start in eine packende Ur-Aufführung von "Fack ju Göhte - Se Mjusicäl", die mit tosenden Ovationen endet.

Das junge Ensemble hatte sichtlich Spaß. Die rund 700 Zuschauer im Werk 7 auch. Bild: Tobias Schwarzmeier
von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

München. Zunächst jedoch beginnt für den Kleinganoven eine Tour de Force durch den tückischen Schulalltag. Eigentlich wollte der Ex-Knacki nur in Ruhe unter der Turnhalle nach seinem Geld graben. Statt als Hausmeister wird "Herr Müller" aber als Vertretungslehrer eingestellt und gleich auf die "Amok-Klasse" losgelassen. Die begrüßt ihn mit einem Affentanz ("Alle drehen durch") und klebt ihn erst einmal an die Tafel.

Von den köstlichen Lehrer-Stereotypen, darunter eine klebstoffschnüffelnde Rektorin (herrlich zynisch und dominant: Elisabeth Ebner) und die politisch-ökologisch-pädagogisch-korrekte Referendarin Lisi Schnabelstedt (Johanna Spantzel) kann Zeki (Max Hemmersdorfer) kaum Hilfe erwarten. Doch er schießt zurück. Seine unorthodoxen Methoden und klare Ansprache auf Augenhöhe zeigen bei den Problemschülern Wirkung. Und auch bei der überspannten Lisi.

Mehr als eine Kopie

Allein den kompletten Plot des Kino-Hits in ein Theaterstück zu pressen, wäre an sich schon sportlich. Doch "Se Mjusicäl" ist weit mehr als eine musikalisch veredelte Kopie des Films. Zwischen milder Satire und glänzender Show schüttelt das Musical schon mit der Premiere belastende Vergleiche mit den Filmen ab. Trotz der bekannten Handlung und lockeren Sprüchen wie "Chantal, heul leise" oder "Sie ist ne Nutte. Sie weiß, was gut aussieht" als Gerüst gehen Inszenierung und Protagonisten eigene Wege. Neben der gesanglich und darstellerisch herausragenden Spantzel begeistert dabei auch Hemmersdorfer die rund 700 Zuschauer. Der Berliner, der den unvermeidbaren Vergleich mit Film-Zeki Elyas M'Barek nicht scheuen muss, spielt den Geläuterten deutlich härter und kantiger, mit viel Street Credibility.

Das hohe Spieltempo, perfekte Übergänge und die gleichzeitig federleichte Umsetzung des Stoffs gibt selbst kleinsten Pausen und Unterbrechern inhaltliche Tiefe und umschifft so billige Halbstarken-Klischees. Satirisch, bewegend und - gerade wegen der ruppigen Gangart - authentisch spielt die intelligente Bearbeitung von Regisseur Christoph Drewitz elegant mit diesen genialen Momenten, Tempo- und Stimmungswechseln. Etwa wenn Lisis kleine Schwester Laura (frech: Sandra Leitner) um ihre Eltern trauert, die Schüler sich plötzlich öffnen und über Zukunftsängste sprechen, oder wenn die Schulaufführung von Romeo & Julia zum Stück im Stück wird.

Aber auch die ernsten Augenblicke sind alles andere als gediegen: Die Sprache ist laut, entwaffnend krass, kreativ und knallhart - ebenso wie die Crossover-Beats der sechsköpfigen Musicalband und die eingestreuten Aktionszenen. Da surft Zeki auf einem Snackautomaten oder "Romeo" (Lukas Sandmann) schwingt à la Tarzan von der Empore auf die Bühne. Die Energie des jungen, frischen Casts beeindruckt und wird in der ambitionierten Choreographie von Frederik Rydmann brutal gefordert, wie bei einem Bollywood-Exkurs, einem Synchron-Trockenschwimmen oder einer Hommage an die Deichkind-Bühnenshows.

Einprägsame Songs

Den Unterschied machen mitreißende Songs wie "Spring ins kalte Wasser", "Weg von hier" oder "Zeitkapsel", denen das Kreativ-Trio Nicolas Rebscher (Frontmann "Lauter Leben"), Kevin Schröder (Songtexter, Musical-Übersetzer) und Simon Triebel (Komponist für "Juli", Adel Tawil oder Mark Forster) ein ungewöhnlich hohes Hit-Potenzial mitgibt. Die Kulissen im neuen atmosphärischen Werk7-Theater - von der Stripperstange über einen Zug bis hin zum kompletten Schwimmbad alles Geräte aus dem Sportunterricht - runden das Gesamtbild ab. Prädikat absolut sehenswert. Isch schwör! Gönn dir!

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