Vor 80 Jahren wurde der Publizist und NS-Gegner Fritz Gerlich erschossen
"Der Nationalsozialismus ist eine Pest!"

Späte Erstkommunion: Nach einer aufrüttelnden Begegnung mit der "Resl von Konnersreuth", die er zunächst für eine Schwindlerin gehalten hatte, trat der bereits 48-jährige Fritz Gehrlich in die katholische Kirche ein. Archivbild: NT/AZ
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Bayern
27.06.2014
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In großen roten Lettern schrieb der Münchner Journalist Fritz Gerlich in den Jahren 1932 und 1933: "Deutsche, Eure Menschenrechte sind in Gefahr!" und "Sperrt die Führer ein!". Die Rache der Nationalsozialisten kam vier Tage nach den Reichstagswahlen im März 1933. SA-Horden stürmten die Redaktion, transportierten Manuskripte und Akten ab, schlugen den Chefredakteur der Wochenzeitung "Der gerade Weg" halbtot und brachten ihn ins Münchner Polizeigefängnis. Später wurde Gerlich in die Haftanstalt Stadelheim verlegt und in der Nacht zum 1. Juli 1934 bei der Einlieferung ins KZ Dachau ermordet.

Gerlich war mit seiner scharfen Feder und seiner zwingenden Argumentation einer der profiliertesten Nazi-Gegner in der deutschen Presselandschaft. 1883 in eine Stettiner Kaufmannsfamilie geboren, begeisterte er sich zunächst für Mathematik und Naturwissenschaft. Nach dem Geschichtsstudium arbeitete er im Königlich Bayerischen Geheimen Staatsarchiv. Zugleich betätigte sich Gerlich als stockkonservativer Publizist, der die Kriegsführung der Reichsregierung als zu lasch kritisierte und sich in endlosen Leitartikeln als wütender Antikommunist gab. Dies brachte eine Gruppe rheinischer Schwerindustrieller, die die angesehenen "Münchner Neuesten Nachrichten" gekauft hatte, 1920 auf die Idee, den stramm nationalkonservativen, hochgebildeten Archivar ohne Zeitungserfahrung zum Chefredakteur des Blattes zu machen.

Konsequente Linie

Gerlich überraschte in zweifacher Hinsicht: Einmal zeigte er sich lernwillig, verknappte und vereinfachte seine umfangreichen Abhandlungen und zerriss seine Leitartikel sofort, wenn sie keine Gnade vor den Augen der Redaktionskollegen und Setzer fanden. Zum andern entzog er den Nationalkonservativen und den "Hakenkreuzlern" nach dem missglückten braunen Putsch im Bürgerbräukeller 1923 entschlossen sämtliche Sympathien. Gerlich entwickelte ein im damaligen Bayern ausgesprochen seltenes Wohlwollen für die Weimarer Republik und warb für Stresemanns Außenpolitik - was zum Bruch mit der Verlagsleitung führte. 1928 verließ Gerlich die Redaktion.

Begegnung mit der "Resl"

Nach einer aufrüttelnden Begegnung mit der stigmatisierten Mystikerin "Resl" (Therese Neumann) von Konnersreuth, die er zunächst für eine Schwindlerin gehalten hatte, trat der bereits 48-Jährige in die katholische Kirche ein. In Konnersreuth (Kreis Tirschenreuth) war es auch, wo Gerlich den Fürsten Erich von Waldburg und Zeil traf und wo die ersten Pläne für eine neue Zeitung geschmiedet wurden. Mit Geld des Fürsten und Unterstützung aus dem "Resl"-Freundeskreis erwarb Gerlich 1930 den "Illustrierten Sonntag" und nutzte das später in "Der gerade Weg" umbenannte Blatt im Kampf gegen Hitler.

Mit Preisausschreiben und populären Artikeln warb seine Zeitung erfolgreich um Leser. Gerlich führte auffallende rote Druckfarbe für die Schlagzeilen ein und verfasste Glossen und Kommentare, die es an Eindeutigkeit nicht fehlen ließen. "Der Nationalsozialismus ist eine Pest!", schrieb er. Von der bayerischen Regierung verlangte der Chefredakteur, die Führer der NS-Partei zu verhaften.

Gerlich wusste zu viel. Er hatte angeblich Informationen darüber, dass Goebbels mit Görings Hilfe den Reichstagsbrand inszeniert hatte. Im Gefängnis Stadelheim wurde der Publizist immer wieder auf einen Prozess beim Obersten Reichsgericht vertröstet. Er fiel darauf nicht herein. Einem Mithäftling erklärte er: "Ich weiß, man wird mich ermorden."
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