Werner Schwabs "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" als totale Provokation in ...
Zwischen Grusel und Amüsement

Kultur BY
Bayern
03.05.2013
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Außer einigen angeranzten Schaumstoffmatratzen gibt es wenig zu sehen. Die immerhin füllen die ganze Bühne aus. Schicht auf Schicht bilden sie eine scheinbar undurchdringliche Mauer. Auch geredet wird erst mal nichts - ist da überhaupt jemand? Die Blicke gleiten nach links, wo sich Daniel Scholz als Herrmann Wurm positioniert. Halt suchend gleitet er die Matratzenmauer entlang. Immer noch herrscht Stille. Der blasse Pullunder-Träger schüttet sich flaschenweise Schnaps hinter die Binde. Vollgetankt greift er in die Schaumstoffschlitze und zieht wie eine Hebamme seine Mutter hervor. Immer mehr Vertreter der Kovacic-Familie gleiten aus dem schäbigen Geburtskanal.

Einst Shooting-Star

Ziemlich abgefahren, was hier in den Kammerspielen unter der Regie von Schirin Khodadadian auf die Welt beziehungsweise Bretter gebracht wird. Das Stück "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" wird auch gerne als Radikalkomödie oder Fäkaliendrama bezeichnet. Werner Schwab schuf mit der Figur Herrmann Wurm auch so etwas wie sein Alter Ego.
Als man den 35-jährigen Autor am 1. Januar 1994 mit 4,1 Promille tot in seiner Wohnung fand, galt er bereits als Shooting-Star der deutschsprachigen Theaterszene. Seine Produktion hält also nicht nur der Gesellschaft, sondern auch sich selbst einen Spiegel vor. Zu Recht betont Schauspieldirektor Klaus Kusenberg bei der Premiere, dass so eine "totale Provokation nicht einfach am Schreibtisch entsteht". "Sprachschlachten - Sprache schlachten" so könnte man diese schrille Typenrevue auch überschreiben. Geht es doch auch um die Sprachlosigkeit zwischen Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben. Da vergreift sich Herr Kovacic (Thomas Nunner) nicht nur im Ton, sondern auch an seinen Töchtern und zerpresst einen Hamster, bis das Blut spritzt. Da ist die rachsüchtige Frau Grollfeuer (Gast-Schauspielerin Karin Nennemann), die zum Geburtstagfest einlädt, um die Hausbewohner mit Süßem zu vergiften. Und da sind die naiv dreinblickenden Töchter Desiree und Bianca, die von Josephine Köhler und Louisa von Spies in bewunderswerter Banalität auf den Punkt gebracht werden.

Derbes Bollwerk

Man schüttelt verwundert den Kopf, hat eine Menge zu lachen und staunt angesichts der Wortgewalt, die in Werner Schwabs Sprache steckt. Gruseln und Amüsieren werden hier zu Nachbarn, die es kaum beieinander aushalten. Kein Wunder, dass am Ende selbst die Schaumstoffmatratzenmauer in sich zusammenfällt. Was bleibt? Ein aggressives und derbes Bollwerk des schrägen Humors, das von Regisseurin Khodadadian kräftig entstaubt wird, um schräg und witzig über die Rampe zu rumpeln.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/
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