Der Industrieraum Ostbayern-Westböhmen wächst immer mehr zusammen - Positive Erfahrungen
Fruchtbare Nachbarschaft

Pilsen (links) und Regensburg sind für ihre wunderschönen Altstädte berühmt. Die Gemeinsamkeiten gehen jedoch noch weiter: Die Industriestrukturen Westböhmens und Ostbayerns sind bemerkenswert ähnlich. Bilder: Hartl, dpa
Lokales
Bayern
17.04.2013
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Grammer zum Beispiel. Der Amberger Automobilzulieferer hat 1993 den Schritt über die Grenze gewagt. Drei Werke und rund 1400 Mitarbeiter zählt Grammer CZ mit Sitz in Tachau (Tachov) inzwischen. Hinzu kommen noch die 230 Mitarbeiter von Nectec. Vergangenes Jahr übernahm Grammer den tschechischen Zulieferer. Das Unternehmen ist damit eins von vielen Beispielen von Oberpfälzer Unternehmen, die von Zusammenwachsen der Industrieregionen dies- und jenseits der Grenze profitieren.

Als ursprüngliche Gründe für das Engagement in Tschechien gibt Ralf Hoppe, Pressesprecher von Grammer, das "akzeptable Lohnkostenniveau" an. Daneben spielten aber auch die gute Ausbildung der Mitarbeiter, die Industrietradition vor Ort und Kundennähe eine Rolle. Probleme gebe es natürlich auch, vor allem die unterschiedliche Gesetzgebung in Deutschland und Tschechien.

Trotzdem überwiegen bei Hoppes Ausführungen die Standortvorteile in Westböhmen. So verlaufe etwa die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden "sehr gut". Positiv sei - beim Sitz in Tachov - auch die Nähe zur Grenze und zur Zentrale in Amberg. Ein weiterer Vorteil seien schließlich noch Kooperationen mit Bildungseinrichtungen wie der Universität Pilsen und der Maschinenbauschule Tachov. Zusammen mit der Schule erarbeite man beispielsweise Qualifikationsangebote für Mitarbeiter.

Gleiche Probleme

Die Geschichte von Grammer spiegelt typische Erfahrungen deutscher Unternehmen wieder, die im Nachbarland einen Standort aufgebaut haben: Viele ziehen Vorteile aus dem Miteinander Ostbayerns und Westböhmens. Sibylle Aumer, Standortreferentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Oberpfalz-Kelheim, weiß jedenfalls nur von wenigen zu berichten, die ihre Segel gestrichen und den Rückzug nach Deutschland angetreten haben.
Zwar mache der Fachkräftemangel den Unternehmen jenseits der Grenze zu schaffen. Dieses Problem gibt es in der Oberpfalz jedoch auch. Unterm Strich gelte: "Die Verzahnung wird immer enger."

Wobei - auch das betont Aumer - die Zeit der großen Wanderung nach Osten vorüber sei. Versuchten in den ersten zehn Jahren nach dem EU-Beitritt noch zahlreiche Unternehmen, dort Fuß zu fassen, stehe jetzt eher die Sicherung der Expansion im Vordergrund. Und dabei sei der akute Fachkräftemangel eines der größten Probleme, das Fehlen eines dualen Ausbildungssystems wie in Deutschland einer der unerfüllten Wünsche der Unternehmen.

Mit niedrigen Löhnen könne der Nachbar im Osten in der Regel nicht mehr locken. Dennoch, so Aumer, gebe es weiterhin zahlreiche gute Gründe für ein Engagement in Tschechien. Wichtig sei nicht zuletzt "die Ausrichtung nach Osten". Der Markt in Polen etwa lasse sich leichter von Tschechien aus erschließen. Daneben punkte die Region mit der "sehr guten" Universität Pilsen.

Arbeitsplätze gesichert

Unterm Strich, sagt Aumer, gewinnen beide Seiten durch die Verzahnung. Deutsche Unternehmen schufen neue Betriebe jenseits der Grenze. Aber auch in der Oberpfalz selbst "profitieren einzelne Branchen ganz klar" von den offenen Grenzen. Als Beispiel nennt Aumer das Hotel- und Gaststättengewerbe, das ohne Fachkräfte aus Tschechien wohl nur mehr schwer Stellen besetzen könnte.

Die Befürchtung, dass durch die neuen Standorte deutscher Firmen in Westböhmen Arbeitsplätze abwanderten, teilt Aumer nicht. Im Gegenteil: Im Osten hätten die Firmen die Möglichkeit gefunden, sich breiter aufzustellen. "Deutsche Unternehmen sichern ihre Arbeitsplätze hier in der Region in Tschechien."

Ostbayern und Westböhmen sind sich ohnehin auch wirtschaftlich ähnlicher, als mancher auf den ersten Blick glauben mag. Die IHK Regensburg-Kelheim vergleicht regelmäßig die Industriestrukturen dies- und jenseits der Grenze. Ergebnis: Bei den umsatzstärksten Branchen dominieren auf deutscher wie auf tschechischer Seite dieselben: der Automobilsektor und der Maschinenbau. Ähnlichkeiten finden sich auch, wenn man die Anzahl der Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten gegenüberstellt.

Dabei zeigt sich, dass drei der vier größten Industriebranchen identisch sind: die Herstellung von Metallerzeugnissen, die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln und Getränkeherstellung sowie der Maschinenbau. Damit verbunden ist laut IHK auch die hohe Bedeutung der Querschnittstechnik Mechatronik für beide Regionen.

"Ein Innovationsmotor"

Unterschiede gibt es natürlich auch - diese sind der IHK zufolge industriegeschichtlich bedingt: Während in der Oberpfalz viele Betriebe in der Verarbeitung von Glas und Keramik sowie Steinen und Erden tätig sind, liegt ein Schwerpunkt in Westböhmen in der gummi- und kunststoffverarbeitenden Industrie. Letztlich sind es jedoch die Gemeinsamkeiten, die überwiegen und zu Kooperationen zwischen Unternehmen oder zwischen Wirtschaft und Hochschulen führen und so einen "grenzüberschreitenden Innovationsmotor" bilden, wie die IHK in ihrem Vergleich bilanziert. Ein Motor, der noch nicht so schnell ins Stottern kommen sollte. Die IHK sieht jedenfalls in dem Zusammenspiel beider Industrieregionen noch "viel Potenzial" für die Zukunft.
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