Interview mit Professor Stefan Beer und Siegfried Schröpf zur Energiewende: Albtraum ...
"Altmaier ist mehr Spielball als Regisseur"

In vielen Punkten einig: Solar-Praktiker Siegfried Schröpf (links) und Energie-Theoretiker Professor Stefan Beer im Expertengespräch. Bild: Herda
Lokales
Bayern
17.04.2013
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Der Bundesumweltminister hantiert mit fragwürdigen Zahlen: Die Energiewende könne eine Billion Euro kosten, orakelt Peter Altmaier. Nicht einmal seine eigenen Fachleute wissen, wie er darauf kommt. Zur Versachlichung der Debatte befragen wir zwei Experten: Professor Stefan Beer, Umwelttechniker der HAW, und Siegfried Schröpf, Geschäftsführer von Grammer Solar.

Wie finden Sie es, dass die Energiewende bei Illner unter dem Etikett "Albtraum" diskutiert wird?

Schröpf: Für mich ist die Überschrift ein Albtraum, wenn man sich wie ich 20 Jahre für Solarenergie engagiert hat, wo oft nicht viel verdient war. Beer: Das ist eine typisch deutsche Eigenschaft. Wir neigen halt zur Übertreibung. Die Energiewende ist auch wirtschaftlich positiv für Deutschland, für Europa, weil wir durch sie vermeiden, dass die fossile und die Atomenergie zu teuer werden. Leider wird das in Talkshows zerredet, von Teilnehmern, die Partikularinteressen vertreten oder den Überblick nicht haben. Das liegt auch daran, dass sich die Berliner Politik schlecht verkauft. Altmaier ist mehr Spielball als Regisseur. Schröpf: Die Energie würde ohne das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) schon mittelfristig noch viel teuerer werden. Beer: Sehr richtig. Ein knapper werdendes Gut wird teurer. Auch der Hype mit Fracking, das die Amerikaner propagieren, ist in zehn Jahren vorbei. Früher bohrte man in Saudi Arabiens Boden, und das Öl sprudelte. Heute muss ich irgendwo im Meer in 3000 Meter Tiefe buddeln und bekomme dann ein Öl-Sand-Gemisch, das ich aufwendig aufbereiten muss.
Umweltminister Peter Altmaier möchte mit seiner Strompreisbremse u.a. alte Solaranlagen im Nachhinein schlechter stellen - eigentlich ein Verstoß gegen das Prinzip der Rechtssicherheit?

Beer: Nach meinem Rechtsempfinden ist das so nicht machbar und ich glaube nicht, dass das vor dem Bundesverfassungsgericht Bestand hätte. Schröpf: Fairerweise muss man sagen, Merkel hat das bereits gecancelt.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin fordert, energieintensive Industriebetriebe zu belangen, die von der Finanzierung der Energiewende ausgenommen sind. Sind die vielen Ausnahmen gerechtfertigt?

Beer: Die sogenannten energieintensiven Branchen, die vom Erneuerbaren-Energien-Gesetz befreit wurden, machen weniger als einen Prozent vom Strompreis aus. Schröpf: Es ist nicht besonders gerecht, dass der Bürger etwas mehr bezahlen muss. Genauso muss man dann aber auch festhalten, dass die EEG-Umlage nicht allein verantwortlich ist für die Strompreiserhöhung. Beer: Gerade mal 14 Prozent des Strompreises ist auf das EEG zurückzuführen. Der Vorschlag des bayerischen Ministerpräsidenten, die Stromsteuer zu senken, ist da zielführender. Man muss die Probleme an der Wurzel packen und Speicherkapazitäten schaffen. Schröpf: Ich halte das Argument, es gebe zu viel alternativen Strom im Netz, für absurd. Wenn wir die Energiewende politisch wollen, dann haben wir zu viel Kohle im Netz. Beer: Das Problem ist nur, dass man konventionelle Anlagen, wie etwa Atomstrom, gar nicht so schnell zurückregeln kann. Die Kernkraftwerke sind sehr träge. In Bayern kommen noch die Donaustaustufen dazu, das kann man mit der Speicherkapazität sehr gut regeln. Es gibt auch erneuerbare Energie, die regelbar ist wie die Biomasse, aber Solar und Wind eben nicht - dafür liefern die gratis. Schröpf: Bei einem Gaskraft- oder einem Pumpkraftspeicherwerk würde die Drosselung bei Bedarf auch funktionieren. Wir brauchen Speicher, aber Eon sagt, ein Werk wie in Trausnitz rechnet sich nicht. Beer: Das gehört jetzt einer französischen Gruppe. Wir brauchen einfach eine bessere Speichertechnologie und einen Ausbau der Nord-Süd-Trassen.
Wohin fließt der Stromüberschuss?

Beer: Zum Glück können wir einiges im europäischen Verbundnetz unterbringen. Ich bin auch der Ansicht, dass wir fossile Energie verdrängen müssen, aber dann brauchen wir einen finanziellen Ausgleich. Die Regelleistung muss höher bezahlt sein als die Grundleistung.

Was bedeutet das genau?

Schröpf: Das ist Energieleistung im Bereitschaftsdienst, wie bei der Feuerwehr - die muss auch bezahlt werden. Ich verstehe nicht, warum man das nicht unter einen Hut bringt - konventionelle und regenerative Energieerzeuger könnten gemeinsam unter Moderation der Wissenschaft die Wende vorwärtstreiben.

Fortsetzung auf Seite 21
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