Licht und Schatten: Die Beschäftigungsentwicklung in der mittleren und nördlichen Oberpfalz
Teilzeitarbeit auf dem Vormarsch

Wohnen auf dem Land, arbeiten im Zentrum: Menschen, die ihren Wohnsitz woanders gemeldet haben, belegen knapp zwei Drittel der Arbeitsplätze in den Städten Amberg und Weiden.
Lokales
Bayern
17.04.2013
2
0

"Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war auch in der Mitte und im Norden der Oberpfalz eine Wachstumsperiode, schaffte Arbeitsplätze und sicherte die Stabilität unseres Sozialsystems." Dieser Satz kann in einer zukünftigen Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsgeschichte der Oberpfalz stehen und wäre nicht zu widerlegen.

Dennoch sollte ein genauer Blick auf das Zahlenwerk über Arbeitsplätze und Beschäftigungsstruktur die eine oder andere zu euphorische Aussage in öffentlichen Ansprachen etwas relativieren. Da ist zunächst der Vergleich mit der Gesamtentwicklung in Bayern notwendig. Durchschnittlich 6,4 Prozent Beschäftigungswachstum ohne Minijobs in den Landkreisen und kreisfreien Städten zwischen Schwandorf und Tirschenreuth stehen dem Vergleichswert von 10,6 Prozent des gesamten Freistaats gegenüber.

Eine Wachstumsinsel

So hat das ehemalige Grenzland zwar positive Zahlen, liegt aber auch innerhalb der Oberpfalz hinter den besonderen Wachstumsregionen wie der Stadt Regensburg und den Landkreisen Cham und Neumarkt. Dennoch gibt es auch hier eine Wachstumsinsel: Sie heißt Landkreis Schwandorf, wo es mehr als 5000 zusätzliche Arbeitsplätze seit dem Jahr 2000 gibt. Anders sieht die Lage in den Landkreisen Tirschenreuth und Amberg-Sulzbach aus. Diese konnten nämlich ihren Wert vom Jahr 2000 gerade einmal halten. Auch durch die dort deutlich rückläufigen Einwohnerzahlen relativiert sich dieses Ergebnis nur ein wenig. Und die Stadtregionen Weiden und Amberg liegen mit ihrem Beschäftigungswachstum von 7,0 beziehungsweise 6,3 Prozent nur im regionalen Durchschnitt, weit weg vom gesamtbayerischen Ergebnis.
Ebenfalls aufschlussreich ist das Strukturbild der Beschäftigung. Es zeigt, dass mancherorts seit dem Jahr 2000 der Beschäftigungsgewinn ausschließlich auf Teilzeitarbeitsplätze entfällt - stellenweise sogar begleitet von einem Rückgang der Vollzeitstellen.

Für Interpretationen gibt es vielfältige Möglichkeiten: Mehr familienfreundliche Arbeitszeiten, insbesondere für Frauen - das ist eine Sichtweise. Eine andere: Da gleichzeitig auch noch die Minijobs mehr wurden, könnte dahinter auch die Auswirkung der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes samt der Angst davor, zum "Hartz-IV-Aufstocker" zu werden, stecken. Die Antwort hängt, wie so oft, vom persönlichen Weltbild des Betrachters ab.

In jedem Fall auffallend sind die regionalen Unterschiede (siehe Grafik Seite 17). Spitzenreiter in der Teilzeitquote und im Wachstum der Teilzeitarbeit ist das Handels- und Dienstleistungszentrum Stadt Weiden, wo 2012 fast jeder vierte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Teilzeit arbeitet und die Vollzeitarbeit langfristig gesehen stagniert.

Boom ohne Bewegung

In allen hier aufgeführten Bezirken nahm die Teilzeitarbeit zu. Auch in der industriegeprägten Stadt Amberg, wo sich - ähnlich wie in Weiden - trotz Exportboom bei der Vollzeitbeschäftigung wenig bewegt. Und im Landkreis Amberg-Sulzbach war das Plus bei der Teilzeitarbeit dringend erforderlich, um den starken Verlust von Vollzeitarbeit unter anderem bei der Maxhütte auszugleichen.

Zu den wichtigsten Charakteristika der Beschäftigungsstruktur einer Region zählt der Anteil der Arbeitsplätze für Hochschul- und Universitätsabsolventen. Gerade daraus lassen sich die Aussichten für spätere wohnortnahe Arbeitsplätze der regionalen Abiturienten ablesen.

Je mehr Arbeitsplätze für Hochqualifizierte, desto geringer der Abwanderungsdruck bei Abiturienten. Und bei diesen Arbeitsplätzen gibt es in der nördlichen Hälfte der Oberpfalz enormen Nachholbedarf. Nur ganz allmählich sind die positiven Auswirkungen der Hochschule Amberg-Weiden zu spüren, trotz ihrer hohen Einmündungsquoten in die Region.

Schub durch HAW?

Aber ohne die HAW wäre der Abstand zu Gesamtbayern noch viel größer. In Zahlen ausgedrückt: Zwischen Schwandorf und Tirschenreuth stieg diese "Akademikerquote" zwischen 2000 und 2011 - neuere Zahlen liegen nicht vor - lediglich von 3,4 auf 4,8 Prozent, in Bayern dagegen von 8,2 auf 10,8 Prozent.

Dieser Unterschied ist eigentlich nicht überraschend. Denn die Arbeitsplatzstrukturen in der Region sind nunmal weniger auf Hochqualifizierte und Führungspersonal ausgerichtet. Und so etwas kann sich nicht von heute auf morgen ändern. So gibt es im Handels- und Dienstleistungszentrum Weiden etwa viel kaufmännisches und Verkaufspersonal, im Industriezentrum Amberg viele Arbeitskräfte in der Produktion. Letzteres gilt auch für Industriestandorte der Region wie zum Beispiel Weiherhammer, Wackersdorf, Kemnath oder Tirschenreuth.

Die mittlere und nördliche Oberpfalz ist traditionell produktionsorientiert, ohne dass sich hier die vielen wissenschaftlichen Institute, Firmen- und Finanzzentralen einer Großstadt finden. Vielleicht schaffen sich eines Tages die HAW-Absolventen ihre eigene Beschäftigungsstruktur durch Neugründungen und Innovationen.

Risiken für die Entwicklung des Arbeitsmarkts in der Region liegen im vergleichsweise hohen Beschäftigten-Anteil von Arbeitnehmern ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Bei ihnen ist die Gefahr, arbeitslos zu werden, hoch. Während hier der Anteil der "Ungelernten" an allen Beschäftigten zwischen 2000 und 2011 von 23,7 auf 17,7 Prozent sank, verzeichnete Bayern insgesamt einen Rückgang von 20,7 auf 14,9 Prozent. Prägend für das Bild der Beschäftigung in der Region sind aber auch die beiden Städte Amberg und Weiden in ihrer Funktion als Einpendler-Zentrum. 63,1 Prozent aller Beschäftigten kommen in Amberg aus dem Umland, in Weiden sind es sogar 64,3 Prozent. An diesen Werten hat sich seit der Jahrtausendwende kaum etwas verändert.

Die Konsequenz war, dass Beschäftigungsgewinne meist nicht den Einwohnern dieser Städte zugutekamen, sondern den Menschen aus der Umgebung. Es wäre eine wissenschaftliche Untersuchung wert, zu klären, warum Arbeitgeber häufiger den Mitarbeiter aus dem Umland als den aus der eigenen Stadt einstellen.

Höhere Quote in Städten

Beobachtungen dieser Art macht der Arbeitgeber-Service der Arbeitsagentur Weiden seit Jahren regelmäßig. Die Folge dieser Situation ist, dass der Begriff "Arbeiten am Wohnort" unter Berücksichtigung der Auspendler nur für rund 8900 Amberger und 9200 Weidener Gültigkeit hat. Und deshalb sind auch die Arbeitslosen-Quoten in den Stadtgebieten höher als im Umland, bekanntlich besonders bei der Stadt Weiden mit einer der landesweit höchsten Hartz-IV-Quoten unter den Arbeitslosen.

Der Autor war bis 2012 Chef der Arbeitsagentur Weiden. Seit seinem Eintritt in den Ruhestand schreibt er regelmäßig für das Medienhaus "Der neue Tag".
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.