28.11.2017 - 21:40 Uhr
Deutschland & Welt

Bedarf neu berechnen: Praktisch fehlen Kinderärzte

Der Gesundheitsausschuss des Landtags fordert eine rasche Neuberechnung des Bedarfs an Kinderärzten in Bayern. Denn: Statistisch ist der Freistaat fast flächendeckend mit Kinderärzten überversorgt, tatsächlich aber gibt es in vielen Praxen eine Aufnahmesperre.

Ein Stethoskop und Spielzeug liegen in einer Kinderarztpraxis. Viele Kinderarztpraxen haben Aufnahmestopp. Bild: Britta Pedersen/dpa
von Jürgen UmlauftProfil

München. Der Aufnahmestopp sei nötig, um dem Patientenandrang Herr werden zu können. Gründe dafür seien die immer umfangreicheren Regel- und Vorsorgeuntersuchungen sowie die Tendenz zum häufigeren Arztbesuch, erläuterte der Landesvorsitzende des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte, Martin Lang. In den ländlichen Regionen werde die rechnerisch gute Versorgung zudem oft durch zum Teil lange Anfahrtswege zum nächsten Kinderarzt konterkariert.

Nach Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), die für die flächendeckende Arztversorgung verantwortlich ist, sind in der gesamten Oberpfalz derzeit 83 Kinderärzte tätig. Sie teilen sich nach dem Versorgungsschlüssel 64 Niederlassungsstellen. Auf eine Stelle kommen damit 2761 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre. Das liegt deutlich über dem Landesdurchschnitt von 2460 Kindern und Jugendlichen. Statistisch herrscht dennoch mit Ausnahme des Kreises Tirschenreuth in der ganzen Oberpfalz eine Überversorgung.

In der Region Amberg-Sulzbach beträgt der Versorgungsgrad 161 Prozent, in den Region Weiden-Neustadt/WN 122,5 Prozent und im Landkreis Schwandorf 115 Prozent. Im Landkreis Tirschenreuth herrscht demnach Regelversorgung mit 102 Prozent. In vielen Regionen konzentrieren sich die Kinderärzte aber auf die jeweilige Kreisstadt. Im Raum Weiden-Neustadt/WN praktizieren zum Beispiel zehn der zwölf Kinderärzte in der Stadt Weiden, von den 14 im Landkreis Amberg-Sulzbach arbeiten 11 in Amberg und 3 in Sulzbach-Rosenberg. In den kommenden Jahren droht eine Verschlechterung der Versorgungslage, da knapp ein Viertel der Kinderärzte in der Oberpfalz bereits über 60 Jahre alt ist. Nach Ansicht des Grünen Ulrich Leiner bilden die Daten der KVB die Realität in Bayern nicht mehr ab. "Die hohen Versorgungsgrade suggerieren eine Situation, die mit der Wirklichkeit draußen nichts mehr zu tun hat", erklärte Leiner. In manchen Regionen Bayerns sei die Lage "erschütternd", die Fälle der Ablehnung von Patienten häufe sich, Anfahrtswege und Wartezeiten würden immer länger.

Karl Vetter (Freie Wähler) sagte, "es brennt an allen Ecken und Enden". Staatsregierung und KVB müssten sich endlich ihrer Verantwortung stellen. Von einem "massiven Kinderarztproblem in Bayern", sprach Ruth Waldmann (SPD). Jürgen Baumgärtner (CSU) erklärte, das offizielle Gerede von der Überversorgung in Bayern müsse bei Eltern und Ärzten, die an der Belastungsgrenze arbeiteten, wie Hohn klingen.

Zur Lösung der Probleme sprach sich der Ausschuss für eine aktualisierte und am wirklichen Bedarf orientierte Versorgungsplanung aus. In diese müsse auch das erweiterte Aufgabenspektrum von Kinderärzten eingearbeitet werden. Um die Versorgung im ländlichen Raum wohnortnäher zu gewährleisten, sei eine kleinräumigere Planung mit regionalen Stellschrauben nötig.

Außerdem müsse die Ärzteaus- und -weiterbildung forciert werden. Bei Staatsregierung und KVB verwies man auf die bundeseinheitlichen Vorgaben zur Ärzteniederlassung. Für die Zuweisung zusätzlicher Ärzte brauche es auch eine Erhöhung der Honorarbudgets, erklärte ein KVB-Vertreter. Dies zu ermöglichen, sei Aufgabe der Politik.

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