13.03.2018 - 22:14 Uhr
Deutschland & Welt

Das bayerische Kabinett tagt letztmals in alter Besetzung Horst Seehofer und die Wehmut des Abschieds

München. Abschied weht durch die Gänge der Staatskanzlei. Oben im vierten Stock haben sich die Minister und Staatssekretäre versammelt. Wie die Ritter der Tafelrunde sitzen sie um den großen ovalen Tisch und warten - natürlich nicht auf König Artus, sondern auf Horst Seehofer. Mit etwas Verspätung kommt er aus seinem Arbeitszimmer nebenan herangeschlendert, umkreist den Tisch und nimmt mittig vor der Fensterfront Platz. Eigentlich ist alles wie immer seit seinem Amtsantritt im Oktober 2008. Bis Seehofer in die Runde schaut und sagt: "Liebe Kollegen, ich begrüße Euch zu unserer letzten Kabinettssitzung in dieser Formation."

Etwas Wehmut überkommt Horst Seehofer (CSU) nach seiner letzten Sitzung des bayerischen Ministerrats schon, als er in der Staatskanzlei vor die Presse tritt. Bild: Peter Kneffel/dpa
von Jürgen UmlauftProfil

Der 13. März 2018 ist Seehofers letzter Arbeitstag als Ministerpräsident. Auch für einige Kabinettsmitglieder könnte es das letzte Mal in diesem Kreis sein. Zum Beispiel für Sozialministerin Emilia Müller oder Agrarminister Helmut Brunner, die beide nicht mehr zur Landtagswahl antreten. Ob Markus Söder, der am Freitag zum Nachfolger Seehofers gewählt werden wird, sie noch einmal beruft, steht in den Sternen. Wie denn sein neues Kabinett aussehen werde, ist Söder vor der Sitzung gefragt worden. "Da bin ich auch drauf gespannt", seufzt er. Die Last der Verantwortung scheint langsam auf die Schultern zu kriechen.

Als "geschäftsmäßig, aber auch historisch" ordnet Söder die letzte Kabinettssitzung unter Seehofer ein. Das stimmt auch insofern, als Seehofer entgegen der Gepflogenheiten die anschließende Pressekonferenz selbst übernimmt. Mit den Inhalten hält er sich nicht auf. Er dankt vielmehr seinen Ministern und Staatssekretären für die gute Zusammenarbeit, lobt die Mitarbeiter in Ministerien und Staatsverwaltung über den grünen Klee und bilanziert sein eigenes Wirken.

Immer habe sein Blick den "kleinen Leuten" gegolten, denn die seien die gesellschaftliche Mitte. Er sei der tiefen Überzeugung gefolgt, "dass eine Gesellschaft nur bei sich bleiben kann, wenn Recht und Ordnung gelten" - und als oberster Grundwert die Achtung der Menschenwürde. Als seine größten Erfolge wertet Seehofer die Aussöhnung mit Tschechien und die "beste Wirtschaftslage, die es in Bayern je gegeben hat" und die in allen Landesteilen zu spüren sei. Die Frage nach Niederlagen übergeht er. Dafür dass Horst Seehofer das Amt 2008 eher zugefallen ist, als dass er es angestrebt hätte, ist der Trennungsschmerz jetzt doch groß. "Es war eine wunderschöne Zeit", haucht er beinahe verklärt. Der Wechsel aber gehöre zum Leben. "Es ist auch für mich eine Zäsur, die ein Stück weit unter die Haut geht und die Seele erfasst", versucht er sein Innenleben in Worte zu fassen. Er hege aber keinen Groll, blase keine Trübsal, doch spüre er die Wehmut des Abschieds von jahrelang loyalen Menschen.

In eigener Sache ist ihm noch eines wichtig: "Ich trete nicht zurück, weil wir Schwierigkeiten oder Skandale in Bayern hätten." Seine Klage über die "Demontage" aus den eigenen Reihen wiederholt Seehofer nicht, erinnert aber doch an die Verantwortung der CSU-Abgeordneten im Landtag an der aktuellen Entwicklung. Dann sagt er: "Das Werk ist vollbracht." Ganz verabschieden mag sich Seehofer nicht. Als Bundesinnenminister werde er "weiter auf Bayern schauen und Bayern unterstützen". Seinen Lebensmittelpunkt werde er in Ingolstadt behalten. Außerdem sei er noch Vorsitzender der CSU - wobei er das "noch" gleich wieder streicht, weil Übelmeinende da hineininterpretieren könnten, auch in diesem Job stünden die Zeichen auf Abschied. Ob er am Freitag zur Vereidigung Söders komme, stehe noch nicht fest. Er würde gerne, könne aber die Terminlage in Berlin noch nicht abschätzen.

Als Abschiedsgeschenk bekommt er die gesammelten Protokolle aller seiner Kabinettssitzungen. Er habe nichts anderes gewollt, hört man. Vielleicht braucht er die spröde Lektüre ja mal als Gedächtnisstütze für seine Memoiren. Außerdem haben ihn warme Worte von unerwarteter Seite erreicht. "Ich danke Ihnen für Ihren unbestritten unermüdlichen Einsatz für unsere Heimat und bringe meine Anerkennung zum Ausdruck, dass Sie über viele Jahre bis an den Rand der eigenen gesundheitlichen Belastbarkeit im Land unterwegs waren", lässt Oppositionsführer Markus Rinderspacher übermitteln. Nach einer Abschiedsrunde bei Mitarbeitern setzt sich Seehofer ins Auto nach Berlin und fährt dem Tag 1 als Bundesinnenminister entgegen.

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