04.09.2017 - 20:38 Uhr
Deutschland & Welt

Das Kanzlerduell geht in die Verlängerung Guttenberg gegen Schulz

Nachspielzeit am Gillamoos: Alle wollen zu KT, dem verlorenen Sohn der CSU. Ein Zelt weiter müht sich Martin Schulz um die Korrektur des verlorenen Kanzlerduells.

Wieder "dahoam"? Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) auf dem Gillamoos-Festplatz. Bild: Peter Kneffel/dpa
von Jürgen UmlauftProfil

Abensberg. Dafür, dass der Mann eigentlich im Exil lebt und gar nicht zur Wahl steht, ist das Interesse am diesjährigen Gillamoos-Redner der CSU erstaunlich groß. Das Festzelt ist schon Minuten vor seinem Auftritt wegen Überfüllung geschlossen, drinnen kommen die Bedienungen mit ihren Maßkrügen kaum noch durchs Gedränge. Alle wollen zu KT, zu Karl-Theodor zu Guttenberg.

Einst der Star der CSU, dann als "Glühwürmchen" entschwunden und nun als Wahlkampfhelfer wieder da. "Es ist schön, zuhaus zu sein im Bayernland", schmachtet der seit sechs Jahren in den USA lebende Oberfranke seine Fans an - und die jubeln, als sei er nie wegen seiner abgeschriebenen Doktorarbeit weg gewesen.

2009 stand Guttenberg schon einmal hier. Im Prinzip ist der Gillamoos 2017 also ein Déjà-vu. Dass acht Jahre ins Land gezogen sind, merkt man aber nicht nur daran, weil sich in den jungenhaften Teint des Barons ein paar Falten eingegraben haben und das Gel aus den Haaren verschwunden ist. Guttenberg hat nach seinem Absturz aus höchsten Höhen auch gelernt, Demut zu zeigen. Wie viel davon echt ist und wie viel Koketterie, weiß wohl nur er selbst. Er glaube nicht, dass er diesen herzlichen Empfang verdient habe, so als "kleiner abgehalfterter Minister wie ich". Er spielt auf seinen Auftritt 2009 an, als der Hardrock-Fan mit dem AC-DC-Klassiker "Highway to Hell" begrüßt wurde. "Die Autobahn zur Hölle habe ich anschließend auf der Überholspur genommen." Er sei "auf die Schnauze gefallen" und habe noch einmal neu angefangen. Diese dezent eingestreuten Einsichten ("Mit Raubkopien kenne ich mich aus.") kommen gut an im Zelt.

Guttenberg hält keine klassische Wahlkampfrede. Er mutet den Menschen vor ihren Maßkrügen streckenweise schwere Kost zu - trotz des Versprechens, kein Proseminar in Außenpolitik halten zu wollen. Er tut es dann aber doch, auch wenn er seine Aussagen mit eher unakademischen Spitzen gegen den "blonden Schachterlteufel" im Weißen Haus zu Washington oder den "mobbeligen Herrn aus Pjöngjang" würzt.

Hing das Publikum Guttenberg anfangs selig an den Lippen, so steigt der Geräuschpegel später minütlich. Bei einem Redner ohne Guttenbergs Charisma wäre das Zelt schon bald halbleer gewesen. Leben kommt erst wieder in die Bude, als Guttenberg die Themen Innere Sicherheit und Leitkultur streift. Er kann eben auch richtig Bierzelt, das hat er damals als CSU-Generalsekretär gelernt.

Ein ebenfalls voll besetztes Bierzelt weiter müht sich derweil SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, das am Vorabend für ihn nicht optimal gelaufene TV-Duell doch noch zu gewinnen. Endlich darf er ausführlich und ohne Zwischenfragen über Gerechtigkeit und Bildung sprechen, endlich kann er sich als Anwalt des kleinen Mannes und der hart arbeitenden Menschen präsentieren, der zu seiner schütteren Haarpracht steht und keine Lackschuhe trägt.

Ja, er kann

Im Prinzip lässt sich seine einstündige Rede in einer kurzen Sequenz zusammenfassen: "Kann ein Mann mit Bart und Glatze, mit Kassengestell und Klamotten von der Stange - aber ohne Abitur - Kanzler werden?", fragt er und antwortet Obama-mäßig: "Ja, er kann." Dass andere ihm das nicht zutrauten, zeige eine "tiefe Verachtung" gegenüber der Mehrheit der Menschen in diesem Land.

Verachtung zeigt Guttenberg nicht, als er auf Schulz zu sprechen kommt. Das Kanzleramt traut er ihm trotzdem nicht zu. Angesichts der vielen Krisenherde auf der Welt wolle er "an der Spitze dieses Landes jemanden mit der Erfahrung von Angela Merkel und nicht einen Novizen aus Brüssel". Schulz sieht das naturgemäß anders: "Es gibt jemanden, der will die Vergangenheit verwalten, der heißt Angela Merkel. Und es gibt jemanden, der will die Zukunft gestalten, und der heißt Martin Schulz." Wie also ist das Bierzelt-Duell Guttenberg vs. Schulz ausgegangen? Mit einem klaren Unentschieden.

Es gibt jemanden, der will die Vergangenheit verwalten, der heißt Angela Merkel. Und es gibt jemanden, der will die Zukunft gestalten, und der heißt Martin Schulz.Martin Schulz über sich selbst

Zur Änderung der Überschrift: Der Leser Anwalt schreibt: Der "Lügenbaron" war ein Fehlgriff

Zitate


"In der Türkei regiert ein Mann, der zu einem Gegenputsch ausgeholt hat. Aber was jetzt in der Türkei läuft, das ist eine Art Säuberungswelle. Irgendwann muss man dem auch mal sagen: Genug ist genug." SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz am Montag in seiner Rede auf dem niederbayerischen Volksfest Gillamoos. "Wir müssen darauf achten, dass die Menschen verstehen, wofür eine bürgerliche und konservative Politik steht." Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

"Er nimmt deutsche Geiseln in der Türkei und will sie nach Vorbild eines Mafiosi eintauschen."

"Wenn die Hoffnung war, und das war sie ja offensichtlich, 'wenn ich nett bin zu Erdogan, ist Erdogan nett zu mir', dann muss man sagen: Diese Politik ist kläglich gescheitert." Grünen-Chef Cem Özdemir

"Wenn Schulz jetzt plötzlich den EU-Beitritt der Türkei ablehnt, dann frage ich mich, warum er das die letzten fünf Jahre als EU-Parlamentspräsident nicht getan hat." Hubert Aiwanger, Vorsitzender der Freien Wähler (FW)

"Diese ganze Merkel-Regierung hat uns offensichtlich totales Migrationschaos und innere Unsicherheit wie noch nie beschert." AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen

"AfD heißt Abstieg für Deutschland." CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer

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