01.05.2018 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

Der BLLV fordert einen Kurswechsel von der Politik Wahlkampf um Schule der Zukunft

Paulsdorf/München. Markus Söder möchte als neuer Ministerpräsident als Musterschüler in die Geschichtsbücher künftiger bayerischer Schüler eingehen. Für seinen Katalog der 100 Projekte hat der 51-Jährige mit vielen Experten gesprochen, darunter auch mit Simone Fleischmann, Chefin des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrer-Verbandes (BLLV).

BLLV-Landesvorsitzende Simone Fleischmann (links) und Bezirksvorsitzende Ursula Schroll kämpfen für einen Kurswechsel in der Schulpolitik: Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Bei einem wichtigen Vorhaben kann der Franke nicht mit der Unterstützung der gelernten Hauptschullehrerin mit familiären Wurzeln in Kastl rechnen: "Wir wollen alle Kinder fördern, und nicht Migrationskinder separieren", wehrt sich Simone Fleischmann gegen Söders Plan, Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien erst dann zum normalen Schulunterricht zuzulassen, wenn sie in sogenannten Deutschklassen Sprach- und Wertekurse bestanden haben. "Wenn man eigentlich abschieben will, kann man auch gleich separieren", vermutet sie ein klares Ziel hinter der Aussortierung. Ein Klassen-Ghetto für Flüchtlingskinder sei die denkbar schlechteste Voraussetzung für Integration.

4000 neue Lehrer

Neben diesem Konfliktthema gibt es allerdings auch eine Reihe von Forderungen, bei denen der vierfache (Landes-) Vater Bayerns dem mit 63 000 Mitgliedern größten Lehrerverband entgegenkommt: "Erziehungsarbeit, die früher woanders geleistet wurde, wird zunehmend in die Schule verlagert", sagt Söder im Redaktionsgespräch. Insofern hat er Verständnis für die Forderung des BLLV nach multiprofessionellen Teams, die die Lehrer bei der Übernahme von Erziehungsaufgaben unterstützen: "Wir werden 4000 neue Lehrer einstellen und mit 500 Schulpädagogen und Schulpsychologen wollen wir die Schule öffnen."

Auch das Ziel der "individuellen Förderung", das in Bayern Verfassungsrang genießt, leuchtet Söder ein: "Man muss jedem einzelnen die Chance geben, sich zu entwickeln." Das fände der Ministerpräsident auch aus eigener Erfahrung nachvollziehbar, erzählt Fleischmann. In seiner Kampagne "Zeit für Bildung", mit der der BLLV seinen Forderungen im Landtagswahlkampf Nachdruck verleihen will, stellt der Verband elf fiktive Schüler und ihre unterschiedlichen Voraussetzungen vor:

Da ist etwa die begabte Ann-Sophie, die sich langweilt, weil es ihr im Unterricht nicht schnell genug geht. Weil sie ihre Stärken nicht ausspielen kann, verliert sie den Spaß an der Schule.

Sebastian wirkt oft abwesend. Wer nicht weiß, dass sich seine Eltern kürzlich getrennt haben, würde ihn für desinteressiert halten. Er bräuchte eigentlich einen Schulpsychologen oder Förderlehrer, der sich um ihn kümmert.

Akilah ist erst seit kurzem in Bayern. Sie freut sich auf die Schule und möchte schnell Freunde finden - aber noch fehlen ihr oft die Worte. Die wenigen Stunden, in denen sie gemeinsam mit anderen Kindern Deutsch lernt, reichen nicht aus, um sich im alltäglichen Unterricht gut zu verständigen.

"Unser Dilemma" beschreibt Ursula Schroll, BLLV-Bezirksvorsitzende so: "In unseren Klassenzimmern sitzen häufig Kinder mit schwierigen Lebensumständen - vom getrennten Elternhaus über Schulangst und Überforderung bis zu Ausgrenzung und Mobbing." Dabei hätten die Lehrer schon alle Hände voll zu tun, auch nur den Unterricht abzuhalten: "Ständiger Personalmangel, Mehrarbeit, Vertretungen, Projekte, nicht zu Ende gedachte Reformen, wenig Unterstützung bei Inklusion und Integration lassen keinen Spielraum, um auf die einzelnen Schüler und ihre Problemlagen einzugehen."

Kinder motivieren

Dabei sei nach wissenschaftlichen Erkenntnissen genau das - weit mehr als die Digitalisierung - ein Rezept für die erfolgreiche Schule: "Kinder verstehen, erreichen und motivieren" ist laut Professor Joachim Bauer, Hirnforscher aus Berlin und Referent beim Oberpfälzer Lehrertag, der Schlüssel zur Kompetenzvermittlung: "Wenn Lehrer das schaffen, stärken sie nicht nur ihre Beziehungskompetenz, sondern schützen dadurch auch ihre Gesundheit."

BLLV-Kampagne "Zeit für Bildung"

"Bayern hat keine anderen Ressourcen als Kinderköpfe", macht BLLV-Landeschefin Simone Fleischmann deutlich, warum ihr Verband mit der Kampagne "Zeit für Bildung" im Landtagswahlkampf Druck machen will. "Es ist zwar schön, wenn jeder dritte Euro des Haushalts in der Bildung steckt", sagt sie, aber die Frage sei, wo genau?

"Wir müssen immense Kosten stemmen, weil viele Kinder aus dem Bildungssystem fallen, um sie mühsam und teuer über den zweiten Bildungsweg zu qualifizieren." Andere würden es gar nicht schaffen, landeten im Sozialsystem oder mit Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Deshalb fordert der BLLV einen Kurswechsel, der bereits im vorschulischen Bereich beginne. Die Vision des Lehrerverbandes:

"Bereits im Kindergarten ist der Förderbedarf meist erkennbar", sagt BLLV-Bezirksvorsitzende Ursula Schroll. "Je früher die Förderung beginnt, desto größer die Chancen, solche Negativkarrieren zu verhindern."

Die Probleme der Gesellschaft würden zunehmend in den Schulen abgeladen, ohne dass diese entsprechend ausgestattet würden: "Sind dicke Kinder, Kinder, die nicht schwimmen können oder im Online-Medienangebot untergehen unser Problem?", fragt Fleischmann. "Das machen wir gerne, aber dann brauchen wir eine entsprechende Ausstattung."

In der Lehrerausbildung hätten viele Kollegen von Digitalisierung, Inklusion, Integration, individueller Förderung oder Ganztagsschule noch nichts gehört. Das müsse sich ändern.

Der Lehrermangel sei Folge falscher Schülerprognosen, die zu spät erkannt worden seien: "Eine Misswirtschaft in der Personalplanung."

Die Schule der Zukunft brauche einen modularisierten Stundenplan , der die Förderung der Schüler nach ihren individuellen Stärken und Schwächen im jeweiligen Tempo ermögliche. "Das Ergebnis muss dasselbe sein, aber der Weg zu Mathe- oder Sprachkenntnissen kann ein anderer sein", erklärt Schroll.

Chancengleichheit könne man am besten dadurch gewährleisten, die Kinder viel länger, etwa bis zur 10. Klasse gemeinsam, aber eben mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten zu unterrichten, anstatt schon nach der Grundschule auszusortieren: "Wir haben gelebte Separation aufgrund von drei Noten: 2,33 fürs Gymnasium, 2,66 für die Realschule - und ab 2,67 alle anderen." (jrh)

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