Erinnerungsort für das Olympia-Attentat 1972
Kein Museum

Politik BY
Bayern
01.09.2017
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Bei der Planung und Gestaltung des Erinnerungsorts zum Olympia-Attentat 1972 haben Jörg Skriebeleit, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und Architekt Peter Brückner (rechts) eng zusammengearbeitet. Von der Resonanz auf das Projekt sind sie überwältigt. Bild: Hinterberger

45 Jahre nach dem Olympia-Attentat 1972 wird am Mittwoch in München der neue Erinnerungsort eingeweiht. Es ist ein besonderer Tag für die Hinterbliebenen der Opfer. Aber auch für alle, die an der Gestaltung des Erinnerungsortes mitgewirkt haben. 

München. Israels Präsident Reuven Rivlin und Hinterbliebene der Opfer werden für die Einweihung nach München reisen. Auch Bundespräsident Franz-Walter Steinmeier und Ministerpräsident Horst Seehofer werden anwesend sein. "Wir sind ein bisschen überrumpelt", sagt Jörg Skriebeleit. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg leitet auch die Projektgruppe zum "Einschnitt", wie der Projektname des Erinnerungsorts lautet. Mit einer solchen Resonanz hätten weder er noch Architekt Peter Brückner gerechnet.

Der Tirschenreuther Architekt hatte mit seinem Team den Wettbewerb um die bauliche Gestaltung gewonnen. "Es ist ein sehr gutes Gefühl", formuliert Brückner seine Gedanken zur bevorstehenden Eröffnungszeremonie. "Das ist der Tag, an dem ein Projekt das aufnimmt, wofür es gedacht ist - die Menschen."

Für den Erinnerungsort wurde der Lindenhügel - ganz in der Nähe des Pressehügels, wo die Medien 1972 das Geschehen unmittelbar mitverfolgen konnten - abgetragen und durch eine Metallkonstruktion ersetzt. Anschließend wurde der obere Teil der Konstruktion mit Erde aufgeschüttet und begrünt. Das Innere des Hügels ist auf drei Seiten offen. Es wirkt wie ein Einschnitt ins Gelände. "Das Attentat war ein Einschnitt in die Leben der Menschen und die Olympischen Spiele. Es war der Beginn des internationalen Terrorismus", erklärt Brückner die Symbolik des Bauwerks.

Im Inneren des Hügels steht eine zwölf Meter lange Medienwand. Sie zeigt damalige Medienberichte zu den Ereignissen, die Chronologie des Attentats und Infos zu Hintergründen, wie den deutsch-israelischen Beziehungen. "Wir wollten möglichst ohne eigenen Text auskommen und auf Originaldokumente zurückgreifen", betont Skriebeleit. "Das ist uns fast gelungen." Er und sein Team hätten in Archiven im In- und Ausland nach Material gesucht. Schwierig bis unmöglich sei die Recherche aber in arabischen Archiven gewesen. "In Teilen der arabischen Gesellschaft werden die Täter noch als Helden verehrt", erklärt Skriebeleit.

Individuelle Erinnerungen

Im vorderen Teil informiert eine Tafel über die Biografien der Opfer - elf israelische Sportler und einen Polizisten aus Bayern. Die Biografien enthalten individuelle Erinnerungen an die einzelnen Sportler. Zum Beispiel das Olympiamaskottchen "Waldi", das der israelische Fechttrainer Andrei Spitzer für seine Tochter gekauft hatte, ihr aber nicht mehr geben konnte. "Es wird als 3-D-Projektion zu sehen sein", sagt Skriebeleit.

"Wir waren bei allen Familien der Opfer", betont Skriebeleit. Er war mit seinem Team in Israel, Brückner hat sich mit Hinterbliebenen in München getroffen. Die Treffen seien beeindruckend gewesen, sagt der Architekt. "Der Erinnerungsort war auch ein Wunsch der Hinterbliebenen", betont Skriebeleit. Es gebe zwar eine Gedenktafel in der Connollystraße in München und Denkmäler an der Hanns-Braun-Brücke im Olympiapark und am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, aber "dort wird nicht erklärt, was passiert ist", erläutert er. Beim Erinnerungsort im Olympiapark gehe es auch darum, zu erklären, was 1972 geschehen ist.

Immer offen

Sowohl Kuratoren als auch Architekten war es wichtig, kein Museum zu erschaffen, sondern einen Ort, der frei zugänglich ist - 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr, wie das Olympiagelände auch. Angst vor Beschädigung und Vandalismus haben sie nicht, auch wenn sie auf die Verwendung besonders robuster Materialien geachtet haben. "Es kann nicht die Konsequenz sein, dass solche Themen wegen Sicherheitsbedenken hinter verschlossene Türen kommen", betont Brückner.

Dass das Olympia-Attentat aber eine Thematik ist, die polarisiert, haben Brückner und Skriebeleit schnell gemerkt. Die Anwohner hatten sich gegen den ursprünglich geplanten Standort am Connollyberg gewehrt. "Manchmal haben wir uns schon gefragt, ob es da wirklich nur darum geht, dass die Menschen keine Veränderung wollen", erklärt Skriebeleit.

Manche Kommentare seien politisch sehr fragwürdig gewesen. "Die Aussagen haben uns teilweise persönlich betroffen gemacht", sagt Brückner. Durch ihre Arbeit seien die Beteiligten dem Thema näher gekommen, es sei ihnen wichtig geworden. "Diese Aussagen haben uns aber auch bestärkt, dass wir inhaltlich das richtige machen", betont Skriebeleit.

Beide Teams haben sich intensiv mit dem Attentat von 1972 beschäftigt. "Wir sind mit viel Respekt vor dem Thema und den Hinterbliebenen an die Arbeit gegangen. Wir haben uns aber nicht die Freude an der Arbeit nehmen lassen", erklärt Brückner. Er spricht für sein gesamtes Team. Aus diesem Respekt sei eine Stärke entstanden, aus der auch die Idee zum "Einschnitt" entstanden sei. "Um so ein Projekt umzusetzen braucht man Mut, den hat man aber nicht, wenn man bedrückt ist."

Brückner betont aber auch, dass er mit "so einem Projekt kein Büro finanzieren" könne. Insgesamt kostete der "Einschnitt" mit Personalkosten rund zwei Millionen Euro. Darum gehe es aber auch nicht. "Es ist ein kleines Projekt mit einer gigantischen Strahlkraft, das uns auch in unserer Persönlichkeit sehr geprägt hat."

Das AttentatWährend der Olympischen Sommerspiele 1972 in München stürmten am 5. September bewaffnete Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September" das Quartier der israelischen Mannschaft in der Connollystraße im Olympischen Dorf. Sie nahmen elf Mitglieder als Geiseln. Zwei von ihnen starben zu Beginn der Geiselnahme, neun sowie ein bayerischer Polizist bei der missglückten Befreiungsaktion am Flugplatz in Fürstenfeldbruck. Dabei kamen auch fünf der Terroristen ums Leben, drei wurden festgenommen. (ehi)
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