Frühkindliche Bildung in Bayern: Bertelsmann-Stiftung attistiert große regionale Unterschiede
Schlechte Stimmung wegen Studie

Familienministerin Emilia Müller kritisiert die Studie der Bertelsmann-Stiftung: Kinderbetreuung sei ein komplexes Thema, dem Personenschlüssel und schlecht bewertete Zahlen nicht gerecht würden. Archivbild: Petra Harl
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Bayern
28.08.2017
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Der Freistaat ist ein großes Land mit vielen Unterschieden. Bei der frühkindlichen Bildung ist dies laut einer Studie aber weder ein Vorteil für Kinder noch ihre Eltern. Doch Familienministerin Müller übt Kritik an der Studie.

Gütersloh/München. Die bayerische Familienministerin Emilia Müller (CSU) hat der Bertelsmann-Stiftung eine unseriöse Arbeitsweise beim Ländermonitoring zur frühkindlichen Bildung vorgeworfen. "Das reine Aufzählen von Personalschlüsseln und die negative Bewertung der Zahlen wird der komplexen, verantwortungsvollen Aufgabe der Kinderbetreuung und dem Engagement der Betreuer nicht gerecht", sagte sie in München.

Müller reagierte damit auf das schlechte Abschneiden des Freistaats im Ländermonitoring der Stiftung. Demnach gibt es in Bayern die größten regionalen Qualitätsunterschiede in der Kinderbetreuung. Die Autoren der Studie leiten dies an den unterdurchschnittlichen Personalschlüsseln und an der Ausbildung der Fachkräfte ab. "Die Studie der Stiftung ist sicher gut für eine Schlagzeile - für eine fachliche Beurteilung der frühkindlichen Bildung taugt sie aber nicht", so Müller. Den Autoren warf sie vor, mit der Studie schlechte Stimmung verbreiten zu wollen.

Beratung vor Ort

Die Zahl der pädagogischen Fachkräfte in Bayern - darunter fallen Erzieherinnen sowie Sozialpädagogen - habe sich seit 2006 auf 46 300 fast verdoppelt, betonte Müller. Zudem gebe es innovative Strategien wie die sogenannten Qualitätsbegleiter. 81 Personen sind bei dem Modellprojekt im Einsatz und beraten Kitas und Kindergärten zur Qualitätsverbesserungen vor Ort.

Immerhin attestiert die Studie dem Freistaat geringfügig eine flächendeckende Verbesserung der Betreuung. "Wir brauchen verlässliche Kita-Qualität in ganz Deutschland", sagte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Nach Ansicht der Autoren lässt sich die Qualität vor allem an der Entwicklung des Personalschlüssels ablesen. Kamen im Freistaat 2012 noch 4,0 ganztags betreute Kinder auf eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft in Krippen, waren es im März 2016 3,7. In den Kindergärten verbesserte sich der Personalschlüssel von 9,0 auf 8,7 Kinder pro Fachkraft. Trotz der leichten Verbesserungen sind die Schlüssel im Freistaat für beide Altersgruppen leicht schlechter als das westdeutsche Mittel (1 zu 3,6 und 1 zu 8,5).

Verschiedene Schlüssel

Die Qualität hängt auch vom Wohnort ab. So liegt der Personalschlüssel im Landkreis Rosenheim im Krippenbereich bei 1 zu 2,7, im Landkreis Hof hingegen bei 1 zu 5,0. Dies ist unter allen Flächenländern die größte Spanne zwischen den Kreisen. In Kindergartengruppen unterscheiden sich die Schlüssel ebenfalls zwischen den Kreisen, jedoch ist die Spannweite kleiner. Während in Memmingen 7,7 Kinder von einer Fachkraft betreut werden, sind es im Landkreis Kulmbach bis zu 10,5 Kinder.

Bundesweiter Spitzenreiter beim Personalschlüssel im Krippen- (1 zu 3,0) und Kindergartenbereich (1 zu 7,2) ist Baden-Württemberg. Schlusslicht bei den jüngeren Kindern ist Sachsen (1 zu 6,5) und bei den Älteren Mecklenburg-Vorpommern (1 zu 13,7). Die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt einen qualitätssichernden Personalschlüssel von 1 zu 3,0 in Krippen- und 1 zu 7,5 in Kindergartengruppen. Trotz der Verbesserungen in den letzten vier Jahren hat Bayern den Autoren der Studie zufolge ähnlich wie die meisten anderen Bundesländer noch keinen pädagogisch angemessenen Wert erreicht. 23 von 96 Kreisen in Bayern entsprechen im Krippenbereich der Empfehlung oder sind dieser sehr nah.

Für den Kindergartenbereich treffe die Empfehlung nur auf vier Kreise zu. "Es ist zu klären, ob diese Unterschiede Ergebnis einer gezielten Steuerung durch Landesregelungen zur Personalausstattung sind, oder sich hier unbeabsichtigte Steuerungseffekte zeigen. Bund und Länder müssen einheitliche Qualitätsstandards umsetzen", sagte Dräger.

Personal rekrutieren

Nach Berechnungen der Stiftung müssen in Bayern für einen kindgerechten Personalschlüssel zusätzlich 8400 Vollzeitkräfte rekrutiert und weitere 389 Millionen Euro jährlich bereitgestellt werden. Notwendig seien genügend sowie "gut" qualifiziertes Personal.

In Bayern verfügt nur knapp die Hälfte (49 Prozent) der rund 79 300 pädagogisch Tätigen in Kitas über einen einschlägigen Fachschulabschluss, etwa zur Erzieherin. Dies ist unter allen Bundesländern der geringste Anteil. Den formal niedrigeren Berufsfachschulabschluss haben in Bayern 37 Prozent der Fachkräfte.
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