Gedenkstätte für Opfer des Olympia-Attentats 1972
"Mahnmal für die ganze Welt", nicht nur für München

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim Festakt zur Enthüllung des Denkmals für die Opfer vom Olympia-Attentat 1972 in der BMW-Welt in München. Im Hintergrund die eigentliche Gedenkstätte im Olympiapark, die rund um die Uhr für jedermann zugänglich ist. Bilder: Matthias Balk/dpa
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Bayern
06.09.2017
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Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin sagte: "Terror muss angeprangert werden, an jedem Ort und unter jeder Bedingung".

Es war eine dunkle Stunde in der Olympia-Geschichte: Im September 1972 sterben bei den Spielen in München elf israelische Sportler und ein Polizist bei einem Attentat. Am Mittwoch wurde eine Gedenkstätte für die Opfer eröffnet. Zu spät, finden einige.

München. Wären die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Münchner Olympia-Anlagen vor 45 Jahren doch genauso streng gewesen wie an diesem trüben Septembertag 2017. Dann wäre es den palästinensischen Terroristen nicht so leicht gefallen, in die Zimmer der israelischen Sportler im Olympia-Dorf einzudringen, gleich zwei von ihnen zu ermorden und neun weitere als Geiseln zu nehmen. Vielleicht hätte sich dann auch die später völlig aus dem Ruder gelaufene Befreiungsaktion mit 15 weiteren Toten auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck vermeiden lassen. Aber 1972 war niemand vorbereitet auf den internationalen Terrorismus, der in München in die Wahrnehmung der globalen Öffentlichkeit platzte.

Am Mittwoch, zur Eröffnung der Gedenkstätte an die Opfer des Überfalls auf die israelischen Sportler von 1972, ist viel Polizei unterwegs auf dem Olympia-Gelände. Keine Maus käme wohl ohne Akkreditierung und Sicherheitscheck zu dem Einschnitt in den Lindenhügel des Olympia-Parks - vom Tirschenreuther Architekturbüro Brückner & Brückner erdacht und vom Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, mitkonzipiert. Der 5. und der 6. September 1972 waren eben auch ein tiefer Einschnitt für die Arbeit der Sicherheitsbehörden.

Mit dem "Einschnitt" haben die Brückners auch die Metapher für die Feierlichkeiten zur Eröffnung der 2,35 Millionen Euro teuren Gedenkstätte gefunden. Kaum ein Festredner kommt ohne dieses Wort aus. Das beginnt schon bei der bewegenden Einweihung mit den aus Israel angereisten Angehörigen der Terroropfer. "Der Erinnerungsort kommt spät, aber nicht zu spät", gibt Kultusminister Ludwig Spaenle die Tonlage vor, als er sich direkt an die Familien der Ermordeten wendet. "Sie haben Menschen verloren, deren Verlust wir nicht verhindern konnten", erinnert er an die dilettantischen Versuche zur Geiselbefreiung. "Das beschämt uns bis heute." Umso mehr sei den Angehörigen zu danken, dass sie unbeirrt auf diesen Erinnerungsort gedrängt hätten und bei der Eröffnung dabei seien.

Es sind die berührendsten und eindringlichsten Momente des Festakts, als die Witwen, Brüder und Kinder der Toten der Reihe nach die Gedenktafeln für jedes Opfer enthüllen, um ihnen wieder ein Gesicht zu geben. "Lange, viel zu lange fehlte dieser Ort. Lange, viel zu lange sind die Opfer in der öffentlichen Wahrnehmung hinter den Tätern verblasst", wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier später sagen. Für Ilana Romano, die Witwe des getöteten Gewichthebers Yossef Romano und treibende Kraft hinter der Gedenkstättenidee, ist dieser Augenblick ein "höchst bewegendes Ereignis". Seit 1978 habe sie mit Mitstreitern versucht, diesen Gedenkort zu verwirklichen.

Widerstände überwunden

Bitter blickt Romano zurück in diese Zeit, als sie gegen große Widerstände in Deutschland und im Internationalen Olympischen Komitee ankämpfen musste. Auf Antisemitismus sei sie gestoßen und auf den unfassbaren Vorwurf, Israels Sportler hätten den Terror nach Deutschland gebracht. Umso herzlicher geht ihr Dank an die heutige Generation von Politikern, die - beginnend mit dem Versprechen von Ministerpräsident Horst Seehofer vor fünf Jahren - den Gedenkort verwirklicht hätten. So erfülle es sie auch mit Genugtuung, dass Seehofer den Anschlag als das bezeichnet, war er war: Eine "grausame Geiselnahme durch Terroristen" und ein "brutaler Mord".

Gegen "Kreis des Hasses"

Israels Staatspräsident Reuven Rivlin, der die Gedenkstätte als "Mahnmal für die ganze Welt bezeichnet", sagte: "Wir dürfen dem Terror nicht nachgeben." Er setze darauf, mit Aufklärung den "Kreis des Hasses" zu durchbrechen. Wie aktuell das ist, zeigt sein Verweis auf die palästinensische Fatah-Bewegung, aus deren Reihen der Münchener Anschlag noch vergangenes Jahr als "heroische Tat" bezeichnet worden sei. Auch er bezeichnete die Errichtung des Gedenkortes als überfällig. "Fast ein halbes Jahrhundert haben die Familien der Opfer und der Staat Israel auf diesen Moment gewartet", sagte er.

In einer über den Tag hinaus denkwürdigen Rede ordnet Steinmeier die Ereignisse von 1972 in historischen Kontext. "Der Versuch, ein weltoffenes Deutschland zu zeigen, ist damals auf tragische Weise gescheitert", erklärt er. An der Katastrophe, dass es dem demokratischen Deutschland nicht gelungen sei, das Leben jüdischer Sportler zu schützen, trage man bis heute schwer. Und er betont, dass die Absage an jede Form des Antisemitismus "zu unserer Art zu leben gehört". Das gelte auch für die, die aus anderen Kulturen zu uns kämen und ihre Zukunft suchten. Der Gedenkort für die Opfer des Olympia-Attentats sei mehr als die Erinnerung als elf ermordete Sportler und einen getöteten Polizisten.
1 Kommentar
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Heinz Rahm aus Weigendorf | 07.09.2017 | 20:08  
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