30.01.2018 - 21:04 Uhr
Deutschland & Welt

Klinikdirektoren und Verdi wenden sich gemeinsam an die Politik Unübliche Allianz

In einem gemeinsamen Schreiben haben sich der Verband der bayerischen Krankenhausdirektoren und die Gewerkschaft Verdi an die Politik gewandt. Es ist eine ungewöhnliche Allianz, die aber nötig ist.

Fehlendes Geld und Personalmangel sind zwei der Hauptprobleme in bayerischen Kliniken. Deswegen hat sich der Verband der bayerischen Krankenhausdirektoren mit Josef Götz aus Weiden an der Spitze zusammen mit der Gewerkschaft Verdi an die Politik gewandt. Bild: Schönberger
von Eva Hinterberger Kontakt Profil

München/Weiden. In ihrem Brief wenden sich der Verband der bayerischen Krankenhausdirektoren und die Gewerkschaft Verdi an Ministerpräsident Horst Seehofer, Gesundheitsministerin Melanie Huml (beide CSU) sowie die SPD-Landesvorsitzende Natascha Kohnen und ihren Generalsekretär Uli Grötsch. Sie appellieren an die Politiker, ihren Einfluss auf die Bundes- und Landespolitik geltend zu machen, um eine wohnortnahe und hochwertige Krankenhausversorgung in Bayern zu erhalten und dem Personalmangel zu begegnen.

Krankenhäuser seien chronisch unterfinanziert und der Personalmangel führe bereits zu Einschränkungen der Versorgungskapazitäten und ganzer Leistungsbereiche, erklären Josef Götz, Vorsitzender der bayerischen Landesgruppe des Verbandes der Krankenhausdirektoren und Vorstand der Kliniken Nordoberpfalz, als auch Robert Hinke, Landesfachbereichsleiter für Gesundheit und Soziales bei Verdi Bayern. Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang, dass sich Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter zusammentun. "Verdi hat gemerkt, dass es nichts bringt, mehr Personal zu fordern, wenn wir dieses nicht bezahlen können oder gar nicht erst bekommen", erklärt Götz die "unübliche Allianz". Er spricht damit zwei Hauptprobleme der Krankenhäuser an: Geld- und Personalmangel. "2016 schrieben 42 Prozent der bayerischen Krankenhäuser ein Defizit. Dieser Prozentsatz wird sich 2017 noch weiter verschlechtern und ohne Kurskorrekturen gerade in ländlichen Regionen mittelfristig zu spürbaren Versorgungsengpässen führen", fährt Götz fort. Hinke betont, dass Personalmangel seit Jahren zur dauerhafter Überlastung des Klinikpersonals führe: "Leistungsmenge und Leistungsintensität übersteigen die Grenzen des Tolerablen, Krankenstände und Überstunden erreichen vielfach Rekordniveaus, die Flucht in Teilzeit und andere Berufe ist gang und gäbe." Die Klinikdirektoren und Verdi hoffen deswegen, dass die von ihnen angeschriebenen Politiker Problempunkte in die Koalitionsverhandlungen einbringen und im darauf folgenden Koalitionsvertrag festhalten. Eine Möglichkeit, die Lage der Kliniken langfristig zu verbessern, sieht Götz zum Beispiel darin, die Berufe im Gesundheitswesen wieder attraktiver zu machen. Denn nicht nur den Kliniken fehle Personal, auch im ambulanten Bereich - vor allem auf dem Land - fänden viele Ärzte keine Nachfolger. Um dem entgegenzuwirken müsse sich aber einiges ändern, sowohl "harte" als auch "weiche" Faktoren, wie der Landesgruppenvorsitzende betont. "Harte Faktoren sind zum Beispiel die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen. Zum Beispiel könnte man bei Zeiten, an denen es unattraktiv ist zu arbeiten, wie Weihnachten, Ostern oder Wochenenden, etwas an der Bezahlung machen", erläutert Götz. Ein "weicher" Faktor sei beispielsweise die Wertschätzung. "Viele Pflegekräfte beklagen, dass Politik und Krankenkassen nur sehen, wie viel Geld sie kosten. Nicht aber, was sie für die von ihnen betreuten Menschen und die Gesellschaft leisten."

Sollte es nicht gelingen, diese Faktoren zu verbessern, um die personelle Situation an den Klinken zu verbessern, könne sich das Versorgungsproblem weiter verschlechtern. "Fachärzte könnten in bestimmten Regionen nicht mehr verfügbar sein. Das würde für Patienten längere Wege bedeuten", erläutert Götz. Kleine Kliniken könnten ganz schließen müssen. "Weil sie kein Personal finden, oder weil sie vom Landkreis nicht mehr finanziert werden können, weil sie unwirtschaftlich sind."

Eine solche Situation wolle in Bayern aber keiner, sagt der Landesgruppenvorsitzende. Das haben auch Gespräche mit Politikern gezeigt. Eine Antwort von Seehofer, Huml, Kohnen und Grötsch liege ihm allerdings noch nicht vor. "Das erwarte ich aber auch noch nicht, wir haben den Brief erst letzte Woche abgeschickt."

Viele Pflegekräfte beklagen, dass in der Politik und von den Krankenkassen nur gesehen wird, wie viel Geld sie kosten.Josef Götz, Vorsitzender der bayerischen Krankenhausdirektoren

Je kleiner, desto besser

Die Erfahrungen von Müttern im Kreißsaal und auf der Wöchnerinnenstation sind einer Umfrage zufolge umso negativer, je größer die Geburtsklinik ist.

Neun Prozent der Mütter, die an einer Klinik mit mehr als 2000 Geburten pro Jahr entbunden hatten, sprachen von einer mittelmäßigen oder schlechten Erfahrung, wie aus der Studie des Hamburger Picker-Instituts hervorgeht.

An Kliniken mit weniger als 1000 Geburten pro Jahr taten dies nur gut fünf Prozent. Zudem gaben 34 Prozent der Mütter in großen Häusern an, in den ersten Wochen nach der Geburt unzureichend Gelegenheit gehabt zu haben, mit Hebammen zu sprechen. An kleinen Kliniken taten dies 19 Prozent. Auch fühlten sich die Frauen in kleinen Kliniken besser betreut, wenn es um Informationen zum Stillen oder um die Frage ging, ob bei Bedarf eine Hebamme da war oder die Frauen in Entscheidungen einbezogen wurden.

Für die Studie befragten die Forscher 9 600 Wöchnerinnen in 77 deutschen Kliniken. (epd)

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