06.04.2017 - 19:50 Uhr
Deutschland & Welt

Neues G9 in Bayern Leben neben der Schule

Eltern und Lehrer atmen auf. Die Schüler sowieso. Einen Tag, nachdem die CSU das Ende des G8 verkündet hat, fühlen auch viele Kritiker Genugtuung.

Eine Ausstellung am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Schwandorf. Zur Schule gehört nicht nur das Lernen, sondern auch der persönliche Reifeprozess der jungen Menschen. Dafür soll das neue G9 mehr Zeit bieten. Archivbild: Hirsch
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Weiden. Kultusminister Ludwig Spaenle hat am Donnerstag weitere Einzelheiten des Bildungspaktes erläutert. Obwohl das neue G9 offiziell erst zum Schuljahr 2018/19 starten wird, werden auch schon die im September 2017 übertretenden Fünftklässler davon profitieren. Ihre Umstellung erfolgt dann in der 6. Klasse. Spaenle ging nicht davon aus, dass das neue G9 sehr viel mehr Schüler anziehen wird. In den Ballungsräumen sei das Potenzial praktisch ausgeschöpft, auf dem Land könnte der geringere Anteil an Nachmittags- unterricht das Gymnasium jedoch attraktiver machen. Kein Problem sah Spaenle darin, dass 2026 fast ein kompletter Abijahrgang ausfallen werde. Für die Hochschulen werde dies lediglich eine kurzfristige Entlastung sein.

Der Entwurf der CSU-Landtagsfraktion erfährt unterdessen sowohl von Eltern als auch Direktoren Lob:

Georg Hecht , Schulleiter des Stiftland-Gymnasiums in Tirschenreuth : "Das zusätzliche Jahr wird den Schülern für ihren Reifeprozess guttun." Der Qualitätsanspruch des Gymnasiums sei nun für die nächsten Jahrzehnte gesichert. "Es ist wichtig, dass ein grundständig einheitliches neues Gymnasium aus einem Guss entstehen wird. Viele Schüler, vor allem Fahrschüler mit teilweise langen Anfahrtsstrecken, werden es als sehr angenehm empfinden, dass es künftig in der Unter- und Mittelstufe weitgehend keinen Nachmittagsunterricht mehr gibt. Für Schüler, die unbeaufsichtigt zu Hause wären oder für Schüler, die gerne auch am Nachmittag unter Freunden sein wollen, wird aber die Möglichkeit der Ganztagesschule und des gemeinsamen Mittagessens aufrecht erhalten."

Sigrid Bloch , Schulleiterin des Kepler-Gymnasiums Weiden , das auch Hochbegabtenklassen anbietet: "Ich freue mich, dass die Politik nun endlich zu einer Entscheidung gekommen ist, und ich freue mich vor allem darüber, wie die Entscheidung ausgefallen ist." Schüler hätten jetzt mehr Zeit bis zum Abitur und könnten sich den Stoff vertieft aneignen. "Spannend wird es, wie der Lehrplan am G9 aussehen wird. Ich hoffe sehr, dass an seiner Gestaltung Fachleute mitwirken, die aus der Praxis kommen. Letztlich sind wir Schulleiter dabei genauso wenig involviert wie Lehrer und Schüler, wir werden aber auf jeden Fall das Beste daraus machen." Spannend werde es bei den Hochbegabtenklassen: "Werden diese geschlossen eine Klasse überspringen oder lassen nur einzelne die 11. Jahrgangsstufe aus?"

Johannes Werner , Schulleiter am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium Schwandorf , das auch Pilotschule des Modells "Mittelstufe Plus" ist: "Wir machen natürlich immer, was wir müssen. Aber - die Mehrheit der Schulleiter war für die Rückkehr zum G9. Trotzdem wird es durch den erneuten Wechsel natürlich einige Unruhe geben. Durch das Modell ,Mittelstufe Plus' bieten wir in Schwandorf ohnehin bereits eine G9-Variante an, die von 55 Prozent unserer rund 685 Schüler angenommen wird. In anderen Gymnasium sind es sogar deutlich mehr als die Hälfte, die ein solches Angebot nutzen." Er selbst habe im G8 zwar nie so große Probleme gesehen, wisse aber, dass viele Eltern vor allem mit dem verstärkten Nachmittagsunterricht nicht zurechtkamen. Nie richtig durchgesetzt haben sich die gebundenen Ganztagsklassen am Gymnasium. Es ist eigentlich kein schlechtes Modell, ist aber von den Eltern offensichtlich so nicht gewünscht. Wir bieten aber natürlich weiterhin offene Ganztagsklassen an."

Günter Jehl , Schulleiter an den Dr.-Johanna-Decker-Schulen (Gymnasium und Realschule) in Amberg und von 1998 bis 2002 Mitarbeiter am Bayerischen Kultusministerium: "Wir werden aus dem, was wir haben, immer das Beste machen: Diese Devise bin ich seit der Einführung des G8 gefahren. Dabei habe ich von Anfang an ein pädagogisches Argument für das G8 vermisst." Seine Freude über die Rückkehr zum G9 sei deshalb groß. "Im G8 werden Oberstufenthemen zu früh unterrichtet, das zusätzliche Jahr spürt man, wenn man den Stoff vermitteln muss. Aber - Hut ab, dass die Politik diese Entscheidung vollzogen hat."

Einer, der sich von Anfang an kritisch gegen das G8 stellte, ist der Schwandorfer Thomas Dobler . Zur Zeit der Einführung gehörte er dem Elternbeirat des Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasiums an. "Wir haben an den Petitionsausschuss geschrieben, sind ins Maximilianeum gefahren", erinnert sich Dobler. Aber die CSU-Mehrheit im Ausschuss habe alle Einwände abgebügelt. Dabei seien die Sorgen und Anliegen der Eltern berechtigt gewesen.

Peter Sailer , Vorsitzender des Elternbeirats am Weidener Augustinus-Gymnasium, sagt: "Die Entscheidung war längst überfällig." Das G8 sei als Schnellschuss wenig durchdacht gewesen. Vor allem Fahrschüler vom Land seien wegen der weiten Anfahrtswege zur Schule und des Nachmittagsunterrichts nicht selten knapp zwölf Stunden pro Tag aus dem Haus gewesen. Es sei nun gut, dass die Kinder wieder ein Jahr länger Zeit bekämen. Das bedeute für die Schüler weniger Stress und mehr Zeit, zu reifen.

Die konkreten Neuerungen im G9

Neue 11. Klasse: Diese wird eingefügt, um bisher erlernten Stoff zu vertiefen, aber auch um Zeit für die Entzerrung der Inhalte in den vorherigen Klassen zu erreichen. Am Beispiel Deutsch schilderte Spaenle, dass es künftig die Möglichkeit gebe, je Epoche mehr als nur eine Lektüre zu lesen. Durch die Vorverlegung des "P-Seminars" aus der Oberstufe, sollen die Schüler bereits zuvor in das "vorwissenschaftliche Arbeiten" eingeführt werden. "Das ist ein Qualitätssprung", sagte Spaenle. In Kooperation mit den örtlichen Arbeitsagenturen werde in die 11. Klasse auch ein Modul Berufsorientierung integriert.

"Überholspur": Für Schüler, die das Abi weiter nach acht Jahren erreichen wollen, wird es ein Förderkonzept in der 9. und 10. Klasse geben. Wer es nutzt, kann die 11. Klasse überspringen oder ein Auslandsjahr einlegen - muss beides aber nicht. Über den Zugang zum Förderangebot mit Wahlkursen in den Kernfächern soll der Elternwille entscheiden. Gleiches gilt für die Zulassung zum Überspringen. Als großen Vorteil des Modells wertete Spaenle, dass die "Überholschüler" im Klassenverband bleiben können. Das Konzept sei mit seinen Vorzügen "nahezu eine eierlegende Wollmilchsau", schwärmte er. (jum)

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