08.02.2018 - 21:10 Uhr
Deutschland & Welt

NSU-Prozess Witwe verzeiht Terrorhelfer

Das letzte Plädoyer der Nebenkläger im NSU-Prozess hat es in sich. Die Witwe eines Mordopfers verzeiht einem der Angeklagten, nicht aber Beate Zschäpe. Im Prozess fehlen jetzt nur noch die Plädoyers der Verteidiger.

von Agentur DPAProfil

München. Es ist ungewöhnlich still im Saal 101 des Münchener Oberlandesgerichts, als Yvonne Boulgarides am Donnerstag im NSU-Prozess ihren Schlussvortrag hält. Ihr Ehemann Theodoros war am 15. Juni 2005 in seinem Geschäft in München erschossen worden, mit der üblichen Mordwaffe des "Nationalsozialistischen Untergrunds", einer Ceska 83 mit Schalldämpfer. Die Mörder waren nach Überzeugung der Anklage Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und - in Mittäterschaft - Beate Zschäpe. Jetzt plädiert Yvonne Boulgarides als letztes der NSU-Opfer und enthüllt, dass sie gemeinsam mit ihren beiden Töchtern erst vor Kurzem einen der Angeklagten traf - und ihm verzeiht.

Kurz vor Weihnachten fand das Treffen nach ihren Worten statt, an einem geheimen Ort, weil Carsten S. als gefährdet gilt und im Zeugenschutz lebt. Angeklagt ist er im NSU-Prozess wegen Beihilfe zum Mord. S. hatte zugegeben, die Ceska-Pistole in einem Jenaer Szeneladen gekauft und nach Chemnitz gebracht zu haben, wo er sie Mundlos und Böhnhardt übergab. S. hatte auch geltend gemacht, sich schon lange von der rechtsextremen Szene gelöst zu haben. Das Treffen mit ihm "war einer der schwierigsten und emotionalsten Momente in unserem Leben", sagt Yvonne Boulgarides. Sie und ihre Töchter hätten ihn "als Menschen erlebt, der zutiefst bereut und dem das Gewissen den größten Teil seiner Strafe auferlegt". Bei den anderen vier Angeklagten, auch Beate Zschäpe, sehe sie dagegen keine Reue.

Dann spricht sie über ihre Familie und dass "mein Mann gern gesehen hätte, wie seine Töchter zu jungen Frauen heranwuchsen" und stolz gewesen wäre, als das erste Enkelkind geboren wurde. An dieser Stelle stockt sie und kämpft gegen Tränen an. "Ich weiß, dass wir die Zeit nicht zurückdrehen können."

Wie fast alle Nebenkläger vor ihr richtet auch Yvonne Boulgarides massive Vorwürfe gegen die Behörden. Sie zählt auf: Fehlende Aussagegenehmigungen für Geheimdienstler, kollektiver Gedächtnisverlust auch bei Behörden-Zeugen, Akten geschreddert, kein einziger Verantwortlicher zur Verantwortung gezogen - das sei "komplettes Organversagen" des Staates.

Jetzt tritt der Prozess in die letzte Etappe ein - bald fünf Jahre nach seinem Beginn. Bis zum Urteil fehlen nur noch die Plädoyers der Verteidiger. Die sollen für die Angeklagten Ralf Wohlleben, André E., Holger G. und Carsten S. je rund einen Tag dauern. Die zerstrittenen Verteidigergruppen von Beate Zschäpe wollten sich am Donnerstag noch nicht festlegen. Das Gericht ordnete als nächsten Verhandlungstermin den 20. Februar und als ersten Tag des Zschäpe-Plädoyers den 13. März an.

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.