15.11.2017 - 18:32 Uhr
Deutschland & Welt

Oberpfälzer Reaktionen auf den Rentenbericht Arbeiten bis ins Grab

Die Renten steigen um drei Prozent: Das finden auch Gewerkschaften und Sozialverbände gut. Nur: Von einer gerechten Rente ist man nach Ansicht von Rudolf Kraus weit entfernt. Der Bezirksvorsitzende der Seniorenunion findet: "Deutschland behandelt die Rentner schlechter als vergleichbare Nachbarn."

Auf einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes warnt der DGB vor Altersarmut. Bild: Pilick/dpa
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Amberg/Weiden/Regensburg. Armin Schober (Name von der Redaktion geändert) ist 66. Ein Alter, indem der Schlager ein neues Leben verheißt. Für den Berufsfahrer ist das reine Illusion: "Ich arbeite, bis ich in die Kiste falle." Ihm bleibt nichts anderes übrig: "Mit der Grundsicherung kann man in Regensburg keine Miete bezahlen." Und die drei Prozent oben drauf? "Wer bisher die Grundsicherung bekommt, bemerkt die Steigerungen nicht", erklärt Peter Hofmann, DGB-Regionalsekretär in Weiden , "da jede Summe unter dem Grundsicherungsniveau auf diese angerechnet wird."

Ein Drittel ist arm

Bei Schober kommen verschiedene Gründe zusammen, warum die Rente zum Leben nicht reicht: "Ich konnte als Taxifahrer und mit einer misslungenen Scheinselbstständigkeit kaum Rentenpunkte sammeln." Dann kamen zwei Herzinfarkte und Arbeitslosigkeit hinzu. "Rund ein Drittel der Rentner in Deutschland kann unverschuldet von den Altersbezügen nicht leben", sagt Rudolf Kraus, der das Rentenhandwerk als Staatssekretär unter Norbert Blüm erlernt hat.

Der ehemalige Amberger Bundestagsabgeordnete hat kein Verständnis dafür, dass der berühmteste Satz seines Chefs zur Lachnummer degradiert wurde: "Dass die Rente nicht mehr sicher ist, liegt an falschen Entscheidungen der Politik." Den ersten Einschnitt habe die Wiedervereinigung verursacht, als zwei Volkswirtschaften zusammengelegt wurden, bei denen der Unterschied in der Produktivität bei 35 im Osten zu 100 im Westen gelegen habe: "Die Renten werden sich demnächst angleichen, und die Frauen, die in der DDR ja meist voll arbeiteten, beziehen schon länger eine höhere Rente als die im Westen." Später habe man versucht, den Anteil der privaten Vorsorge zu erhöhen, anstatt mehr Beitragszahler wie Beamte oder Freiberufler ins System zu integrieren: "Das hat in puncto Riester in keinster Weise funktioniert."

43 Euro mehr im Monat bleibt dem Durchschnittsrentner von der aktuellen Erhöhung - für viele Senioren gerade mal eine Kompensation ihrer Medikamentenzuzahlung. "Natürlich klingt eine Erhöhung von 3,09 Prozent erst mal gut", sagt Kraus. "Aber das ist nominal, ohne Inflationsausgleich." Außerdem: "Die Renten sind real seit 2000 vor allem fürs untere Drittel der Bevölkerung gesunken."

Das nimmt auch Claudia Spiegel, Referentin für Sozialpolitik beim VdK in Bayern bei den Versammlungen des Sozialverbands wahr: "Einem Drittel unserer Mitglieder geht es gut bis sehr gut, ein Drittel kommt einigermaßen über die Runden und ein Drittel kann sich die Heizung im Winter oder die Tasse Kaffee in der Woche mit der Freundin nicht leisten." Betroffen seien vor allem Frauen. "Die stellen sich nicht hin und sagen, ,mir geht's schlecht'."

Gut eine Million Menschen in Deutschland, sind auf Grundsicherung angewiesen - ein Anstieg um rund 100 Prozent seit 2003. "Untersuchungen schätzen die Dunkelziffer auf mehr als drei Millionen", ergänzt die Expertin. "Aus Unkenntnis, Scham oder Angst, dass Kinder in die Pflicht genommen werden könnten." Das sei aber erst ab einem Jahreseinkommen von über 100 000 Euro der Fall. Die Gründe dafür: "Änderungen der Formeln in der Rentenanpassung, die Leistungsausgliederung in der Krankenversicherung und die Hartz-IV-Gesetzgebung haben die Rentenversicherung unterminiert."

Kein Naturgesetz

Dabei ist sich der Politiker mit den Verbandsvertretern einig: "Es ist kein Naturgesetz, dass das Rentenniveau immer weiter sinken muss", sagt Kraus. "In der Öffentlichkeit hat man den Eindruck, dass es eine unaufhaltsame Spirale nach unten geben müsste." Die Nachbarländer Österreich, Schweiz, Frankreich, die Benelux-Staaten oder Skandinavien machten es vor: "Wenn man statt den Auszahlungsbeträgen die Prozentsätze vom Aktivlohn berücksichtigt, bekommen selbst die Rentner in Polen und Tschechien mit Sätzen um 75 Prozent wesentlich mehr." Es sei ein Denkfehler der Politik und meinungsmachender Wirtschaftsinstitute, ausschließlich die Relation der Beitragszahler zu den Rentenbeziehern in Bezug zu setzen - und zwar zugunsten der Unternehmen. Entscheidend sei nicht die Zahl der Arbeitnehmer, sondern deren Leistung.

"Nach Produktivitätsmaßstäben müssten die Renten heute um rund 20 Prozent höher liegen", fordert der Chef der CSU-Senioren. "In Österreich liegen die Mindestrenten um 60 bis 70 Prozent höher als bei uns." Rechnet man das heutige Niveau weiter hoch, würde sich die Situation der künftigen Rentner aufgrund der vielen Mini-Jobber weiter verschlechtern.

"Ich gehe davon aus, dass sich eine künftige Jamaika-Koalition getrieben durch eine stärkere Opposition und gezwungen durch die fortschreitende Digitalisierung dieser Thematik stärker annehmen muss", hofft der Sozialpolitiker. "Die Bundesrepublik ist nicht in erster Linie ein wirtschaftliches Unternehmen - die wichtigste Funktion der Politik ist, den Frieden zu erhalten, innen wie außen." Rentengerechtigkeit sei auch ein Mittel gegen den Erfolg der Populisten.

Renten-Empfehlungen des DGB

Der DGB schlägt vor:

  • Bürgerversicherung: Um mehr Beitragszahler ins System zu integrieren, könnten zunächst sogenannte Solo-Selbständige schnell miteinbezogen werden.
  • Mindestentgeltpunkte: Um Geringverdiener vor Altersarmut zu schützen, sollte man für die Berechnung ein höheres Gehalt ansetzen.
  • Guter Verdienst, lange Karrieren: Allgemeinverbindliche Tarifverträge, Rückkehrrecht aus der Teilzeit und Abschaffung privilegierter Minijobs seien ein wichtiger Schritt.
  • Rentenfremde Leistungen: "Wir wollen durchsetzen, dass bezahlt, wer bestellt", sagt Peter Hofmann, DGB-Regionalsekretär in Weiden. 2016 betrug die aufgebrachte Summe für versicherungsfremde Leistungen der Rentenversicherungen ca. 85 Milliarden Euro, der dafür geleistete Bundeszuschuss aber nur 64,5 Milliarden Euro. (jrh)
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