25.08.2017 - 20:40 Uhr
Deutschland & Welt

Parteihelfer mit Problemen Wahlkampf mit Handicaps

Die Plakatierung beginnt schleppend, Handzettel bleiben vorerst unverteilt, und für Infostände fehlen Helfer: Der Bundestagswahlkampf läuft in Bayern eher zäh an. Viele Parteimitglieder gehen lieber in Urlaub als auf Stimmenfang.

Markus Dießl (links, CSU), Gemeinderat aus Zeugendorf, und Andre Kraus (CSU), Gemeinderat aus Seukendorf, befestigen in Seukendorf ein Wahlplakat. Der Bundestagswahlkampf läuft in Bayern wegen der Ferien eher zäh an. Bild: Daniel Karmann/dpa
von Agentur DPAProfil

Nürnberg/München. Zum Glück gibt es das "Not-Team". Ohne das wäre Ingeborg Dorschner aufgeschmissen. Die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Pleinfeld (Kreis Weißenburg-Gunzenhausen) ist froh, dass in den vergangenen Tagen ein Kreis betagter Genossen in der Not bereitstand, um wenigstens in einem Teil der Ortschaft das Aufhängen der SPD-Wahlplakate zu übernehmen. "Das sind Leute, die sonst beim Plakataufstellen nur die Leiter halten. Jetzt sind sie halt selbst hochgestiegen."

Die Sozialdemokratin hat ein Problem: Sie muss einen Wahlkampf im tiefsten bayerischen Sommerloch auf die Beine stellen. Da kann schon das Aufstellen der Plakate zum Problem werden: "Die einen Genossen sind noch im Urlaub, die anderen starten gerade in den Urlaub", klagt Dorschner. Viele der 40 Pleinfelder Genossen sind Lehrer: "Die sind oft bis zum Ende der Sommerferien weg."

Nicht nur das Plakatieren läuft vielerorts parteienübergreifend eher schleppend an. Auch die Besetzung von Infoständen, die Verteilung von Handzetteln und Haustürbesuche haben Wahlkampforganisatoren lieber auf die heiße Phase Anfang September verschoben. Dahinter steckt oft der Mangel an Aktiven. Nach dem Motto "Sandstrand statt Infostand" erholen sich derzeit viele Helfer lieber am Meer oder in den Bergen, statt zu Hause auf Stimmenfang zu gehen.

Wahl besser im Oktober

Dass der Wahlkampf Anfang August ruhiger verläuft und erst Ende des Monats Fahrt aufnimmt, räumt der Sprecher der CSU-Landesleitung ein. Trotzdem hält Simon Rehak die bis Anfang September dauernden bayerischen Sommerferien für den Wahlkampf seiner Partei für nicht allzu problematisch. "Es sind ja nur wenige die gesamten sechs Wochen in Urlaub." Zudem, so zeigten frühere Erfahrungen, würden Wahlen meist "auf den letzten Metern entschieden". Und dann seien die meisten Parteiaktiven wieder aus dem Urlaub zurück. An der CSU-Basis hört sich das bisweilen anders an. So mancher hält den Zeitpunkt der Bundestagswahl zwei Wochen nach dem Ende der bayerischen Sommerferien für nicht allzu glücklich. Zu ihnen zählt auch Andre Kraus. Er organisiert den CSU-Bundestagswahlkampf in der kleinen Gemeinde Seukendorf im Landkreis Fürth. Ginge es nach ihm, sollten die Bundestagswahlen besser Anfang Oktober stattfinden. "Das Problem ist, dass man in den Sommerferien beim Haustürwahlkampf weniger Leute antrifft". An Aktiven fehle es ihm nicht: "Wir haben schon im Frühjahr abgestimmt, wer wann im Urlaub ist."

Für unproblematisch hält Rainer Glaab den Wahlkampf während der Sommerpause. Glaab leitet die Bundestagswahl-Kampagne der Bayern-SPD. "Es fahren ja nicht alle auf einmal in den Sommerurlaub", gibt der Sozialdemokrat zu bedenken. Zudem entschieden sich die Wähler immer später für eine Partei. Viel schwieriger seien Kommunalwahlkämpfe, die oft in die Faschingsferien hineinragen: "In der Faschingswoche brauchen Sie keinen Wahlkampf zu machen. Da sind alle beim Skifahren."

Nach anderen Gesetzen verläuft dagegen der Sommerwahlkampf der Grünen in den bayerischen Urlaubsgebieten. "Wir machen Wahlkampf, wo die Urlauber sind - und suchen den Kontakt zu Menschen, ganz gleich, ob sie aus dem Wahlkreis stammen oder nur zu Gast sind", berichtet etwa Bernhard Bystron, der den Wahlkampf für die Ökopartei im Landkreis Rosenheim organisiert.

Dort konzentriere man sich auf die "Hotspots" - dort, wo viele Menschen Urlaub machen: am Chiemsee, am Samerberg und am Sudelfeld, erläutert Bystron. Auf Großplakaten warnen die Grünen an vielen spektakulären Aussichtspunkten vor einer Zerstörung der Landschaft - ein Konzept, das nach Einschätzung des 32-Jährigen aufzugehen scheint: "So mancher Tourist fragt dann schon mal beim Pensionswirt nach, ob das mit der Beschneiungsanlage auf dem Sudelfeld denn wirklich sein müsse."

Skeptisch sieht der Düsseldorfer Parteienforscher Ulrich von Alemann den Versuch, den Wahlkampf in die Urlaubsgebiete zu tragen. "Das kommt bei vielen Urlaubern schlecht an", ist der Professor überzeugt, der an der Heinrich-Heine-Universität lehrt. Viele wollten in ihrem Urlaub nicht mit Wahlkampf behelligt werden. Das mache den Sommerwahlkampf generell schwierig.

Viele Briefwähler

Das sei der Grund, warum Sommerwahlkämpfe "eher unpolitisch" seien. Manche Parteien betrieben daher einen "Wohlfühlwahlkampf", berichtet er. Das sei etwa an Angela Merkels Plakatbotschaft "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" ablesbar. Erst in den letzten zwei bis drei Wochen wird nach seiner Einschätzung der Wahlkampf an Schärfe gewinnen. Das hält der Politikwissenschaftler für zu spät, "denn Sommerwahlen sind Wahlen mit hohem Briefwahlanteil". Weil viele Leute nicht sicher seien, ob sie am Wahltag zu Hause sind, machten sie schon jetzt ihr Kreuz.

Überhaupt kein Problem sieht die bayerische Linkspartei im Wahlkampf während der Sommerferien. "Unsere Klientel ist eh da. Die ist nicht sechs Wochen in die Karibik gefahren", meint Linken-Landesgeschäftsführer Max Steininger augenzwinkernd. Diejenigen, die zu Hause blieben, "machen eben drei Tage Balkonien und zwei Tage Wahlkampf". Und diejenigen, die arbeiteten, hätten in der Ferienzeit oft weniger beruflichen Stress - und damit mehr Energie für den Wahlkampf als während des Rests des Jahres.

Benachrichtigung

Alle zur Bundestagswahl am 24. September Wahlberechtigten müssten bis 3. September eine Wahlbenachrichtigung erhalten haben. Das teilte der Bundeswahlleiter am Freitag in Wiesbaden mit. Er wies darauf hin, dass sich Bürger, die bis dahin keine Benachrichtigung bekommen hätten, unverzüglich mit dem Wahlamt am Ort ihrer Hauptwohnung in Verbindung setzen sollten, damit eine Nachprüfung erfolgen könne. (KNA)

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