21.02.2018 - 21:34 Uhr
Deutschland & Welt

Schwimmförderung in Bayern Seepferdchen reicht nicht

Mediziner, Sportpädagogen und Rettungskräfte haben bei einer Expertenanhörung im Landtag mehr Engagement des Freistaats bei der Schwimmförderung von Kindern gefordert. Nötig seien mehr Hallenbäder und für den Schwimmunterricht ausgebildete Lehrkräfte.

Drittklässler einer Grundschule erhalten Schwimmuntericht. Aber immer weniger Kinder in Bayern lernen Schwimmen. Viele Experten fordern ein größeres Engagement des Freistaats. Die CSU sieht hingegen keinen Handlungsbedarf. Bild: Martin Schutt/dpa
von Jürgen UmlauftProfil

München. Nach aktuellen Daten können in Bayern immer weniger Kinder schwimmen. Bei den Zehnjährigen ist es nur jedes zweite Kind. Nichtschwimmer kommen vor allem aus sozial schwachen und Zuwandererfamilien. Gerade für diese Personenkreise bedürfe es besonderer Unterstützung. In Bayern gab es in den vergangenen Jahren jeweils rund 100 Badetote. Kontinuierlicher Schwimmunterricht sei vor allem im Grundschulalter nötig, erklärte der Regensburger Kinder- und Jugendarzt Georg Leipold. "Wer das Seepferdchen hat, kann noch lange nicht schwimmen", warnte er.

Dieses Abzeichen, für das Kinder 25 Meter über Wasser halten müssen, sei im Grunde nicht mehr als eine Wassergewöhnung. Nach Einschätzung des Vizechefs der Wasserwacht in Bayern, Ingo Roeske, sollte jedes Grundschulkind die Schule mit Jugendschwimmabzeichen in Bronze verlassen. Dafür muss unter anderem 200 Meter am Stück geschwommen werden. "Schwimmen sollte eine Grundfähigkeit sein, das ist aus unserer Sicht ein Muss", sagte Roeske.

Mehrere Experten betonten, dass es in erster Linie eine Aufgabe der Eltern sei, ihren Kindern das Erlernen des Schwimmens zu ermöglichen. Viele seien damit aber entweder finanziell oder wegen beruflicher Belastung überfordert. Auch fehle es vielerorts an geeigneten Hallenbädern. Laut Roeske sollte der Weg zum nächsten Schwimmbecken nicht länger als 30 Minuten dauern. Um das zu gewährleisten, müssten die staatlichen Förderrichtlinien für Bau und Erhalt von Schwimmbädern geändert werden. Seit 2005 wurden in Bayern 43 Bäder geschlossen, 44 sind gegenwärtig von der Schließung bedroht, über 200 sind dringend sanierungsbedürftig. Die bayerische Präsidentin des Deutschen Sportlehrerverbandes, Barbara Roth, forderte die Aufnahme des Schwimmens als vierte Grundkompetenz nach Lesen, Rechnen und Schreiben in die Schülerzeugnisse, wie das in Frankreich der Fall sei. Dies erhöhe die Wertschätzung des Schwimmens und den Druck, es auch zu erlernen. Der bayerische Städtetag warb in einer Stellungnahme für ein Sonderförderprogramm für die Generalsanierung kommunaler Schwimmbäder. Nur so könne die Schließung weiterer Bäder verhindert werden. Die Opposition sah sich durch die Anhörung bestätigt. "Wir haben in Bayern einen eklatanten Mangel an Hallen- und Schulschwimmbädern", klagte Jürgen Mistol (Grüne). In der Folge sei es um die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung zunehmend schlecht bestellt. Das Erlernen des Schwimmens sei gesamtgesellschaftliche Aufgabe, für die sich der Freistaat stärker engagieren müsse.

Harry Scheuenstuhl (SPD) erklärte, Herkunft oder sozialer Status eines Kindes dürften bei der Schwimmfähigkeit keine Rolle spielen. Arme Kinder dürften kein höheres Risiko haben zu ertrinken. Bei der CSU sah man keinen großen Handlungsbedarf. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", kommentierte Max Gibis (CSU) die Klagen über zu große Entfernungen zum nächsten Schwimmbad. Er verwies zudem auf die Arbeitsgruppe von Staatsregierung und kommunalen Spitzenverbänden, die derzeit die Förderrichtlinien für Schwimmbäder auf Verbesserungsmöglichkeiten überprüfe.

Wer das Seepferdchen hat, kann noch lange nicht schwimmen.Kinderarzt Georg Leipold
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp