14.12.2017 - 20:56 Uhr
Deutschland & Welt

Söders Wettbewerb "100 beste Heimatwirtschaften" Das Wirtshaus im Dorf lassen

Am künftigen bayerischen Ministerpräsidenten führt kein Weg vorbei: Jetzt sucht Markus Söder auch noch die 100 besten Heimatwirtschaften - zusammen mit dem Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga).

Robert Drechsel (Zweiter von links) am Stammtisch seines Schmankerlwirtshauses "Zum Alten Schuster". Bild: Herda
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Regensburg/München. "Wir wollen nicht nur die Kirche im Dorf lassen, sondern auch die Wirtschaft", flachst der Heimatminister. "Unsere typisch bayerischen Wirtshäuser sind zentrale Treffpunkte in ihren Gemeinden - hier kommen Menschen zusammen, hier wird die Dorfgemeinschaft gelebt", weiß Markus Söder. Sie verkörperten das bayerische Lebensgefühl in Reinkultur, mit ihnen würden Kultur und Traditionen hochgehalten. "Diese wichtigen Eigenschaften, die maßgeblich dem Erhalt unserer Heimat dienen, wollen wir mit dem Wettbewerb prämieren."

Eine Nachfrage bei einigen Oberpfälzer Wirten zeigt: Sie stehen dem Wettbewerb eher skeptisch gegenüber.

Uli Korb kann der Idee einiges abgewinnen: "Der Begriff Heimat-Wirtshäuser gefällt mir sehr gut", sagt der Dehoga-Geschäftsführer, "sie waren früher eine zweite Heimat, wo man sich austauschte und politisierte." Der Trend gehe woanders hin, dörfliches Leben finde dort nicht mehr statt. Deshalb müsse man dagegenhalten. "Zurzeit scheint ein regelrechter Wettbewerb zu laufen zwischen den Ministerien", freut sich Korb, "wer das Gastgewerbe in der Öffentlichkeit besser präsentiert."

Nussl lässt Minister antreten

Das Landwirtschaftsministerium fahnde nach "100 Genussorten", das Heimatministerium nach "100 Heimatwirtschaften", so hat sich Korb das vorgestellt, als er mit einer Dehoga-Delegation in der Staatskanzlei 40 Vertretern aus allen Ministerien gegenüber saß: "Entscheidend war, dass Kanzleichef Marcel Huber das Gespräch lenkte." Normalerweise würden sich die Ministeralien gerne den Schwarzen Peter gegenseitig zuschieben: "Diesmal hatten sie keine Chance, weil Huber, wenn es hakte, gleich nachhakte." Mit am Tisch der bayerische Bürokratiebeauftragte Walter Nussl: "Der kann Minister antreten lassen", sagt Korb respektvoll, "und hat Verständnis für uns, weil er selber einen Gewerbebetrieb hat."

Korb weiß, dass der Bürokratieabbau vielen Wirten stärker unter den Nägeln brennt als jeder Wettbewerb. "Wir haben alle neuralgischen Punkte vorgetragen." Dazu gehören:

Finanzprüfung: Korbs Brigade trug Beispiele vor, wie Wirte mit unverhohlenen Drohungen zu einer Art Ablasshandel gedrängt werden sollten. "Ich rede von einem Top-Betriebsleiter, der 30 Jahre nicht beanstandet wurde." Der neue Prüfer habe ihn begrüßt mit: "Wer nichts wird, wird Wirt." Bei der Schlussbesprechung sei der Beamte unentschuldigt 20 Minuten zu spät gekommen und habe ihm eröffnet: "Leisten Sie eine Nachzahlung von 200 000 Euro, dann bekommen Sie 30 Prozent Nachlass - sonst gibt's einen Prozess."

Vereine und die Quadratur des Kreises: "Die Leute sitzen im Tennisverein, in der Sommerkegelbahn und die Wirtshäuser bleiben leer", erläutert Korb. Ein ministerieller Leitfaden für Vereine sollte zeigen, was auf sie haftungsrechtlich zukomme, wenn sie Feste organisieren. "Wir haben bestimmt nichts gegen Vereine, aber wenn jede Feuerwehr eine komplett eingerichtete Küche und eine Freifläche für das ganze Dorf hat und kaum eine unserer Auflagen einhalten muss, dann ist das schon eine brutale Konkurrenz."

Schwellenwert bis 10 Mitarbeiter: Korb fordert, zumindest die kleinen Wirtshäuser nicht mit endlosen Dokumentationen zu quälen. So müsse der Wirt etwa in einer Gefährdungsbeurteilung den Arbeitsplatz einscannen und schriftlich darlegen, wo es kritische Punkte gebe - wie die nicht beleuchtete Stufe und körperliche und psychische Belastungen. "Nächste Woche sind wir im Arbeitsministerium", erzählt Korb. "Da geht's um die Künstler-Sozialkasse."

Der Freistaat Bayern, so Korbs Eindruck, wolle in vielen Fällen wirklich helfen, aber die Umsetzung über den Bundesrat sei schwierig: "Wir können da bundesweit nicht durchdringen, deshalb müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir landesweit umsetzen können." Dazu gehöre auch der neue Wettbewerb - als Beratungsinstrument und Imagekampagne gleichermaßen.

Der Hintergrund zum Wettbewerb

Das Bayerische Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat sucht gemeinsam mit dem Dehoga Bayern e.V. im Rahmen eines Wettbewerbs innovative "Heimatwirtschaften". Die 100 besten in Bayern werden im Mai 2018 mit einem Preisgeld von 1000 Euro, dem Gütezeichen "100 beste Heimatwirtschaften" sowie einer Urkunde ausgezeichnet. Außerdem werden alle Preisträger auf der Homepage des Staatsministeriums der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat sowie des Dehoga Bayern e.V. veröffentlicht.
Bewerben können sich alle Heimatwirtschaften mit regelmäßigen Öffnungszeiten einer bayerischen Gemeinde im ländlichen Raum. Über die Prämierung entscheidet eine Jury, die sich aus Heimatminister Markus Söder, der Präsidentin des Dehoga Bayern, Angela Inselkammer, und dessen Vorsitzender des Fachbereichs Gastronomie, Monika Poschenrieder, zusammensetzt.

Bewerbungen können bis 28. Februar 2018 eingereicht werden. Informationen über die Teilnahmebedingungen und die zur Bewerbung erforderlichen Unterlagen stehen im Internet bereit.

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