20.12.2017 - 20:10 Uhr
Deutschland & Welt

Sorge umd Geburtshilfe Werdende Mütter auf Kliniksuche

Josef, Maria - und das Baby in der Krippe. Die berühmteste Geburtsgeschichte der Welt wird an Weihnachten unzählige Male vorgelesen. Aber wie steht es im Jahr 2017 um das Kinderkriegen in Zeiten von Hebammenknappheit und Kreißsaalschließungen?

Eine Hebamme hört in ihrer Praxis mit einem CTG die Herztöne eines Babys einer Schwangeren, die in der 25. Woche ist, ab. Viele Kliniken suchen dringend Hebammen. Archivbild: Uli Deck/dpa
von Agentur DPAProfil

München. Glaubt man Schilderungen in einschlägigen Foren oder Blogs und den Zahlen, die Verbände engagierter Eltern oder Hebammen vorlegen, ist die Herbergssuche des biblischen Paares Maria und Josef in heutiger Zeit werdenden Müttern und Vätern nicht fremd. Überfüllte Kreißsäle, zu wenig Personal, Kreißsaalschließungen auf dem Land: Wenn einer Frau gesagt wird, es gebe hier keinen Platz, sie solle sich doch bitte in eine andere Klinik fahren lassen, wird sie sich vermutlich fühlen wie die biblische Maria. Die Wahlfreiheit der Frauen beim Geburtsort werde eingeschränkt, "das ist schon ein Einschnitt", sagt Susanne Weyherter, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Hebammen-Landesverbands (BHLV). "Und das bedeutet auch Stress für Gebärende und hat damit Einfluss auf den Verlauf einer Geburt."

Defizite bei Betreuung

Landauf, landab beklagen Eltern und Hebammen große Defizite bei der Betreuung von Geburten. Denn - erfreulich - in Deutschland werden wieder mehr Babys geboren. Allein in München waren es mit über 18 000 Kindern im Jahr 2016 rund 1000 mehr als im Jahr zuvor. Gleichzeitig fehlen Personal, Räumlichkeiten und Kapazitäten in Kinderkliniken. Während in Ballungsräumen werdende Mütter teils panisch nach einer Hebamme und einem Platz in einer Geburtsklinik suchen, schließen auf dem Land kleinere Kliniken ihre Entbindungsstationen - weil sie kein Personal mehr finden.

Fahrtzeiten von 45 Minuten bis zum nächsten Kreißsaal seien keine Seltenheit mehr, heißt es beim Verein "Mother Hood", der sich dafür engagiert, dass Frauen selbstbestimmt gebären können. Nach Angaben des Hebammen-Verbands wurden seit 2015 in Bayern acht Kreißsäle geschlossen und zwei vorübergehend.

Geburtshilfe zähle zur medizinischen Basisversorgung, sagt Christian Bernreiter (CSU), Landrat in Deggendorf und Präsident des Landkreistags: "Es kann ja nicht sein, dass unsere Schwangeren irgendwann 90 Kilometer fahren müssen. Für einen Not-Kaiserschnitt muss die nächste Geburtshilfe eigentlich in 20 Minuten erreichbar sein." Bernreiter fürchte, dass die neuen Vergütungsregeln für freiberufliche Hebammen viele Entbindungsstationen in Existenznot bringen könnte.

"Mit dem geplanten Vergütungssystem gefährdet man nicht nur das bewährte bayerische Beleghebammensystem, sondern mittelfristig die gesamte Geburtshilfe in Bayern. Schon heute ist es schwierig, genügend Hebammen in die Fläche zu bekommen." Sie nehme die Sorgen sehr ernst, sagte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Sie betont aber auch: "Insgesamt ist die Geburtshilfe in Bayern auf hohem Niveau gesichert. Über 100 zugelassene Krankenhäuser in Bayern bieten Geburtshilfe an."

Im Frühjahr neue Zahlen

Um sich einen Überblick zu verschaffen, hat ihr Haus eine Studie zur Hebammenversorgung gestartet, Ergebnisse sollen im Frühjahr vorliegen. Denn das mit den Zahlen ist so eine Sache. Offiziell, so das Ministerium, gebe es keinen Hebammenmangel. Weyherter aber sagt, Hebammen seien oft in mehreren Gesundheitsämtern registriert, deshalb seien die Zahlen nicht aussagekräftig.

Zudem sei es ein großes Problem, Hebammen für die Arbeit im Kreißsaal zu begeistern - wegen steigender Arbeitsbelastung würden sich viele auf Vorsorge und Wochenbettbetreuung konzentrieren oder nur Teilzeit in der Geburtshilfe arbeiten. Die Arbeit im Kreißsaal sei kräftezehrend - Stichwort: Schichtdienst. "Man bräuchte neue Arbeitszeitmodelle zur Entlastung."

In der Debatte gibt es auch Stimmen, die sagen, es sei nicht schlimm, dass kleinere Häuser schließen. In großen Krankenhäusern seien Mütter und Babys sehr gut aufgehoben, weil man dort auf alle medizinischen Eventualitäten vorbereitet sei. Anders sieht das Axel Valet, Sprecher der Belegärzte im Berufsverband der Frauenärzte: Wenn es eine Notfallsituation in der Geburtshilfe gebe, schaffe eine Patientin einen langen Weg in eine größere Klinik nicht.

Auch bei den Belegärzten in der Geburtshilfe sei die Situation schwierig. Die Haftpflichtprämie sei zu hoch, als dass sich die Arbeit noch wirtschaftlich lohnen würde. Valet fordert deshalb, die Versicherungskosten staatlich zu lösen - genau wie bei Impfschäden: "Privatwirtschaftlich funktioniert das nicht."

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