01.03.2017 - 20:00 Uhr
Deutschland & Welt

SPD-Hoffnungsträger begeistert in Vilshofen: Noch lange keine Asche aus Schulzens Haupt

Man blickt in glückliche, gar glückselige Gesichter. 5000 Menschen erheben sich, jubeln, rufen und drängeln, als der untersetzte Herr mit dem lichten Haarkranz samt Gefolge das große Zelt betritt.

Blumen für den Kandidaten: Martin Schulz bekam nach seiner Rede in Vilshofen einen Strauß überreicht. Bild: dpa
von Jürgen UmlauftProfil

Vilshofen. Ein kollektives Erweckungserlebnis. Ja ist denn schon wieder Weihnachten? Nein, es ist Politischer Aschermittwoch bei der SPD, und Martin Schulz ist gekommen mit dem alttestamentarischen Heilsversprechen, die gefühlt seit 40 Jahren darbende Sozialdemokratie aus dem finsteren Tal auf eine grüne Aue zu führen. Als "Der Mann, der der Union das Fürchten gelehrt hat" wird er angekündigt.

Zwischen seinem Erscheinen und seinem Auftritt hat die Regie aber eine Euphoriebremse eingebaut. Zwangsläufig, denn auch wenn Florian Pronold den SPD-Landesvorsitz bald abgibt, dem Chef der Veranstaltung die Bühne vorzuenthalten, geht gar nicht. Also spricht Pronold 15 Minuten, der Geräuschpegel im Zelt ist so hoch, als wäre er schon weg.

SPÖ-Kanzler als "Vorband"

Von ganz anderem Kaliber ist die selbst ernannte "Vorband" von Martin Schulz, Österreichs SPÖ-Kanzler Christian Kern. Er kündigt eine "staatsmännische Bierzeltrede" an und hält sich daran. Eindringlich redet er mit der Erfahrung aus 30 FPÖ-Jahren gegen den sich in Europa breit machenden Rechtspopulismus an und beweist, dass man auch ohne Gefühlsduseleien über soziale Gerechtigkeit sprechen kann. Wenn Schulz nicht noch käme, die 5000 hätten den Ösi Kern genommen.

Schulz braucht eine Weile, bis er auf Betriebstemperatur ist. Seine Seitenhiebe auf CDU und CSU zünden nicht so richtig, die Themen Flüchtlingspolitik und Gefahren des Nationalismus kommen sperrig daher. Brodelnd wird es im Zelt erst, als ihm das erste Mal die "hart arbeitende Bevölkerung" über die Lippen kommt. Schulz schlüpft da in die Rolle des kleinen Mannes, der "weiß, wie das ist, wenn man nachts wach wird aus Sorge um die Zukunft". Er rede das Land nicht schlecht, wenn er über mehr Gerechtigkeit und den mangelnden Respekt vor der Leistung der - jawohl - hart arbeitenden Bevölkerung rede. Es gehe nun mal nicht gerecht zu, wenn eine Familie im Ballungsraum kaum noch ihre Miete zahlen könne, wenn Wirtschaftsbosse trotz verheerender Fehlentscheidungen Millionenboni bekämen, die Verkäuferin aber wegen einer kleinen Verfehlung ihren Job verliere. Die SPD-Basis johlt, als ob das noch nie jemand gesagt hätte.

Jetzt ist Schulz in seinem Element. Milliarden seien für die Bankenrettung da, aber kein Geld gegen den bröckelnden Putz an Schulwänden, schimpft er. Und statt einer Steuerreform, von der ohnehin nur wieder die Reichen profitieren würden, wolle er Investitionen in Forschung, Infrastruktur, Kitas, den ländlichen Raum ... - der Rest geht im Lärm enthemmt klatschender und kreischender Menschen unter. Völlig aus dem Häuschen geraten sie, als Schulz verkündet, die SPD bei der Bundestagswahl zur stärksten politischen Kraft zu machen und selbst anzutreten, um Bundeskanzler zu werden. "Gehen wir am 23. September ins Bett und wachen am 24. mit dem Wahlsieg der SPD auf", greift er zu einem etwas schrägen Bild. Der Lärm im Zelt ist ohrenbetäubend.

Morgenröte

Noch einmal zurück zu Christian Kern. Martin Schulz sei kein sozialdemokratisches Strohfeuer, prognostiziert er. "Dieses Feuer wird weiter, höher und heller lodern", sagt er. In der Tat wirkt es in Vilshofen so, als würde sich die SPD ums knisternde Lagerfeuer linker und antikapitalistischer Parolen scharen und der, wie einer sagt, "sozialdemokratischen Morgenröte" entgegensehen. Auch fünf Minuten nach Schulz' Redeende klatschen sie sich noch die Hände wund. "Mei, des hamma lang net g'habt", schwelgt eine Frau. Fällt da der Aschermittwoch in diesem Jahr tatsächlich auf Weihnachten?

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