Wissenschaftliche Aufarbeitung für Einsatzkräfte
Pilotstudie über Axt-Attacke

Die Experten Thomas Wurmb (Uniklinikum Würzburg, rechts) und Uwe Kinstle (Einsatzleiter Johanniter). Bild: Christiane Gläser/dpa
Politik BY
Bayern
17.07.2017
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Würzburg. Der Axt-Angriff eines jungen Flüchtlings in einem Regionalzug in Würzburg vor einem Jahr beschäftigt Experten der Notfallmedizin und des Rettungswesens auch wissenschaftlich. Um in solchen lebensbedrohlichen Einsatzlagen künftig noch effektiver arbeiten zu können, ist der Großeinsatz genau ausgewertet worden. "Wir haben fast 160 Qualitätsindikatoren entwickelt, um solche Einsätze vergleichbar machen zu können", sagte Thomas Wurmb, Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin des Universitätsklinikums Würzburg.

Ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling hatte am 18. Juli mit einer Axt und einem Messer in einem Regionalzug auf dem Weg nach Würzburg vier Reisende angegriffen und schwer verletzt. Anschließend flüchtete er zu Fuß, attackierte eine Spaziergängerin und wurde schließlich von Polizisten erschossen.

Diese objektiven Kriterien beleuchten nicht nur Fakten wie Wetterlage, Zahl der Patienten, Täter und Einsatzkräfte, Alarmierungskette, Einsatzdauer und Angriffswaffen. Es geht auch darum, ob und wo Orte für die Betreuung unverletzter Betroffener festgelegt und wie Absprachen getroffen wurden, welche Einsatzstrategie gewählt und wie die psychologische Betreuung gewährleistet wurde.

"Mit diesem Gerüst könnten Amokläufe und Terroranschläge sehr genau beleuchtet und vor allem Schlüsse daraus gezogen werden", sagte Uwe Kinstle von der Johanniter-Unfall-Hilfe, der als Einsatzabschnittsleiter am 18. Juli 2016 am Ort war. Diese Erkenntnisse sollen wiederum in Konzepte der Einsatzkräfte einfließen und so den Ablauf bei einer künftigen Notlage verbessern.

Die Würzburger Pilotstudie soll bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Erste Lehren aus der Axt-Attacke konnten allerdings schon vor Abschluss des wissenschaftlichen Berichtes gezogen werden: "Seitdem gibt es wieder das sogenannte Rote Telefon zwischen der Integrierten Leitstelle und der Polizeieinsatzzentrale. Also die klassische, analoge Standleitung", sagte Wurmb dazu. Denn die direkte und sehr schnelle Kommunikation aller Einsatzleiter sei der Schlüssel, um so viele Menschen wie möglich zu retten und die Einsatzkräfte im Anschluss unverletzt in den Feierabend schicken zu können.

Zudem seien bereits kurz nach der Attacke viele Polizisten zusätzlich in Sachen Erstversorgung und Einsatztaktik geschult worden. "Damit sie beispielsweise Blutungen bei Verletzten stillen können, wenn der Täter noch nicht gefasst wurde und der Rettungsdienst deshalb nicht zu den Opfern kommen kann, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen", sagte Kinstle. Zudem haben die Polizisten in Bayern schneller als zunächst geplant neue Schutzwesten und -helme bekommen.
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