08.03.2017 - 17:47 Uhr
Deutschland & Welt

Starkbieranstich am Nockherberg Intrigen und Koalitionen

Was für eine Vorstellung: Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Martin Schulz rauchen in einer Hotellobby in Bayern einen Joint. Irrsinn ohne Grenzen: Es ist Starkbierzeit am Nockherberg.

von Jürgen UmlauftProfil

München. Ja doch, dieses Fest musste sein. Das Erstaunlichste ist, dass die Jubilare nicht selbst draufgekommen sind. "Großer Festakt mit Übernachtung - 60 Jahre Opposition in Bayern". Aber nicht Bayerns SPD hat dazu eingeladen, sondern das Singspiel-Ensemble auf dem Nockherberg. Und Überraschung: Ein Hauptdarsteller ist Florian Pronold, der scheidende Landeschef. Wohl noch nie hatte in der Landespolitik eine tragendere Rolle gespielt, noch nie mehr Sendezeit am Stück im TV.

Es geht damit los, dass sich Pronold und der Grüne Toni Hofreiter im Duett den Frust über das Oppositionsdasein in Bayern vorsingen. Das Klagelied darüber, ständig an der übermächtigen CSU abzuprallen, ist eine anrührende Ode über das Elend von 60 Jahren Opposition. Kaum jemals dürften sich Bayerns Sozis in ihrem Leid besser verstanden gefühlt haben als in diesen wenigen Minuten. Es hat dann schon fast etwas von den Entzauberungskünsten des großen Bühnenautoren Bertolt Brecht, wie ausgerechnet die Linke Sahra Wagenknecht Bayerns Daueroppositionellen ihr Selbstmitleid vor die Füße wirft: "Hört endlich auf zu jammern, schreitet den Takt eures mutigen Herzens, wehrt euch gegen verderbende Unterdrückung und steht endlich euren Mann!" Doch antworten die nur erstaunt, dass man das noch gar nie nicht gemacht habe.

"SPD-Heiland" Schulz

Die Sozi-Szene ist aber nur der heftig beklatschte Einstieg ins Singspiel. Pünktlich zum beginnenden Bundestagswahlkampf haben dessen Macher um Regisseur Marcus H. Rosenmüller die Koalitionsspielereien aufs Korn genommen und mit einigen Intrigen gewürzt. Kurz, es geht darum, dass SPD und Grüne notgedrungen mit den Linken Rot-Rot-Grün basteln wollen, dabei versuchen, die Konkurrenz von der CSU sich selbst blamieren zu lassen, am Ende aber scheitern, auch weil der "SPD-Heiland" Martin Schulz und dessen "künftige Vorgängerin" und baldige Vizekanzlerin Angela Merkel sich am Rande der Party kennen- und lieben lernen. Auch wenn Merkel meint: "Ich glaube Deutschland ist noch nicht reif für einen Mann als Kanzlerin."

Dazwischen gelingt es dem Singspiel, die Doppelbödigkeit der CSU-Flüchtlingspolitik von den guten und den bösen Zuwanderern zu entlarven, das Phänomen Martin Schulz durch das Eindampfen seiner schwungvoll-empathischen Reden auf nichtssagende Floskeln zu entzaubern, die populistisch auf Rechts-Links-Verwirrung gepolte Dialektik einer Sahra Wagenknecht spitz aufs Korn zu nehmen und mit einem Dialog über das Liegen im Doppelbett aufzuzeigen, warum Merkel und Seehofer es nicht mehr schaffen, zueinanderzukommen. Und Markus Söder? Der Star vergangener Nockherberge spielt nur eine Nebenrolle, was dem Stück dieses Mal nicht schadet. Dafür kommt Joachim Herrmann groß raus.

Blamable Bavaria

War noch was auf dem Nockherberg? Ach ja, die Rede der "Bavaria" Luise Kinseher. Dieser Auftritt ist eigentlich die einmalige Chance, der versammelten Polit-Prominenz ungestraft und hintersinnig die Meinung zu geigen. Eigentlich. Doch dieses Mal hat die Rede - von kleinen Ausnahmen abgesehen - den Mantel des Schweigens verdient und den Brauerei-Gewaltigen vom Nockherberg sei nach sieben Jahren "Mama Bavaria" zugerufen: It's time for a change. Nur mit dem Blick auf den mutmaßlich letzten Auftritt Pronolds hatte die Bavaria recht. "Du bist ja wie einer der ganz großen Weine, die Qualität zeigt sich im Abgang."

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