35-Jähriger in Schweinfurt in Haft
Explosive Ermittlungen

Ein Blick auf die Grube, in der die Polizei die Chemikalien durch eine kontrollierte Sprengung zerstört hat. Bild: Nicolas Armer/dpa
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Bayern
27.03.2018
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Die Polizei findet literweise Chemikalien und Sprengstoff in einer Obdachlosen-Unterkunft in Schweinfurt. Nun steht sie vor einem Rätsel. Fest steht: Die Substanz war hochexplosiv.

Schweinfurt. Was plante ein Mann mit literweise Chemikalien und hochexplosivem Sprengstoff? Diese Frage beschäftigt die Ermittler nach dem Fund der Substanzen in einer Obdachlosen-Unterkunft in Schweinfurt. Das Landeskriminalamt (LKA) prüft, ob Anhaltspunkte für eine extremistische Tat vorliegen. Die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus bei der Generalstaatsanwaltschaft München ermittelt wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz und gegen das Waffengesetz. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf einen 35 Jahre alten Mann, dem die Chemikalien nach eigenen Angaben gehörten.

Kein Migrationshintergrund

Das hatte der Deutsche am Montag den Beamten gesagt, nachdem er an die Absperrung der Polizei am Fundort getreten war. Daraufhin wurde er festgenommen. Gegen den 35-Jährigen wurde am Dienstag Haftbefehl erlassen, wie ein Sprecher des LKA sagte. Der Mann sei in Deutschland geboren und habe keinen Migrationshintergrund, sagte ein Sprecher der Münchener Generalstaatsanwaltschaft. Ein Gerichtsvollzieher hatte am Montag die Polizei verständigt, weil er im Rahmen einer Zwangsräumung in der Sozial-Unterkunft etliche Chemikalien entdeckt hatte.

Zunächst hieß es, in dem Gebäude seien Chemikalien entdeckt worden, die zur Herstellung von Sprengstoff geeignet sind. Die Ermittlungen ergaben, dass dort auch hochexplosiver Sprengstoff deponiert war. Ersten Untersuchungen zufolge habe es sich um den Stoff TATP gehandelt, sagte der LKA-Sprecher.

Kontrolliert gesprengt

Neben einem möglichen extremistischen Motiv prüfen die Ermittler auch, ob der Tatverdächtige mit den Substanzen beispielsweise einen Geld- oder Fahrkartenautomaten habe sprengen wollen, erklärte der LKA-Sprecher. TATP gilt als sehr instabil und hochexplosiv. Auf einer Wiese in der Nähe des Fundorts wurde der Sprengstoff in der Nacht zum Dienstag kontrolliert gesprengt. Etwa 100 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. TATP war etwa bei den Pariser Terroranschlägen vom November 2015 von islamistischen Gewalttätern verwendet worden.

Insgesamt stießen die Ermittler auf mehr als 30 Liter Chemikalien und ein Kilogramm selbst hergestellten Sprengstoff. Die Wohnung hatte zuletzt eine 30 Jahre alte Frau bewohnt, die vorläufig festgenommen wurde, inzwischen aber wieder auf freiem Fuß ist. Auch zwei weitere Männer, die die Polizei festgenommen hatte, sind wieder frei.

"Mutter des Satans" - der Sprengstoff TATPDie Hauptzutaten können Nagellackentferner und Haarbleichmittel sein: Der Sprengstoff Triacetontriperoxid (TATP) lässt sich mit sehr einfachen Mitteln herstellen, ist billig und hat eine hohe Wucht. Das alles macht ihn attraktiv für Kriminelle. TATP, im Nahen Osten auch bekannt als "Mutter des Satans", wurde bei den Terroranschlägen in London 2005 und in Paris 2015 benutzt. Auch bei den mutmaßlichen Attentätern von Brüssel 2016 fanden ihn Ermittler. Jetzt wurde die Substanz nach Angaben des bayerischen Landeskriminalamts in der Obdachlosen-Unterkunft in Schweinfurt entdeckt. Sprengstoffe auf der Basis von Peroxid sind sogar für den Kriminellen hochgefährlich. Ohne Fachwissen und Vorsichtsmaßnahmen kann das Mischen in einer tödlichen Explosion enden.

Der fertige Sprengstoff kann zudem beim Umfüllen in ein Gefäß seinem Hersteller um die Ohren fliegen. Dann kommt der Transport: Sowohl Erschütterung als auch hohe Temperaturen oder Reibung können eine schwere Detonation auslösen. Das war auch der Grund, warum der Sprengstoff in Schweinfurt noch vor Ort in einer Grube kontrolliert gesprengt wurde. Deutsche Chemiker erkannten bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Sprengkraft von TATP - ein Zufallsfund. Wegen der Risiken bei der Handhabung erlangte der Stoff aber jahrzehntelang keine nennenswerte Bedeutung als Waffe, obwohl er 80 Prozent der Zerstörungskraft von TNT besitzt und preisgünstig in der Herstellung ist. Der erste dokumentierte Einsatz ist ein Anschlag auf eine Studentengruppe im israelischen Hebron durch die Terrororganisation PLO 1980. (dpa)
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