Ärztemangel in ländlichen Regionen
Kein Hausarzt mehr im Dorf?

Landarzt Roman Staudinger spricht bei einem Hausbesuch mit einem Patienten. Bild: Armin Weigel/dpa
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Bayern
11.02.2018
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Zwei Jahre lang hat Roman Staudinger gesucht: Jetzt hat er eine Nachfolgerin für seine Hausarztpraxis gefunden. Er ist heilfroh. Nicht jedem seiner Kollegen gelingt es, die Praxis in andere Hände zu geben.

Schöllnach/München. Seit 30 Jahren betreut Roman Staudinger seine Patienten in Schöllnach (Landkreis Deggendorf): "Man kennt sich, man wird gemeinsam älter." Ein Arzt auf dem Land habe ein besonders enges Vertrauensverhältnis zu seinen Patienten. Das ist einer der Gründe, weswegen sich die Internistin Andrea Freund entschieden hat, die Praxis zu übernehmen. Die 40-Jährige war Oberärztin im Krankenhaus Vilshofen. In einer Klinik bleibe man für die Patienten ein Fremder, sagt sie. "Sie werden entlassen, und man sieht sich in der Regel nicht wieder."

Für den 67-jährigen Staudinger ist Freund ein Glücksfall. "Die Leute haben echt Angst davor, keinen Hausarzt mehr zu haben", sagt er. Für ältere Menschen ohne Auto wäre das ein Problem. Deswegen hätte er es nicht übers Herz gebracht, die Praxis einfach zuzusperren. "Da gibt es ein gewisses Verantwortungsgefühl gegenüber den Patienten." Solange er gesund ist, hätte er weitergemacht.

Warum Allgemeinmediziner das Land scheuen? Der Trend, in Städte zu ziehen, spiegle sich auch in diesem Beruf, sagt Staudinger. Zudem schwinge die Vorstellung mit, dass Hausärzte früher schlecht bezahlt waren und ständig abrufbereit sein mussten. Das habe sich jedoch verbessert. Finanziell sei die Diskrepanz zu anderen Fachärzten nicht mehr so groß, die Bereitschaftsdienste seien gut geregelt. Auch das Themenspektrum von der Kinderimpfung bis zum Schlaganfall schrecke ab. Die Allgemeinmedizin werde zu Unrecht auf Husten, Schnupfen und Heiserkeit reduziert, findet Staudinger. "Manche Patienten schleppen sich kurz vorm Herzinfarkt in die Praxis - da kann es sein, dass einer aufhört zu atmen." Dann gelte es, schnell und alleine Entscheidungen zu treffen.

Anders als in einer Gemeinschaftspraxis in der Stadt sei man auf dem Land meist Einzelkämpfer. Etwa einmal im Quartal habe er einen Notfall, bei dem der Rettungshubschrauber kommen muss. "Die Piloten kennen sich hier schon aus", sagt Staudinger. "Die wissen, dass sie auf der Wiese hinter der Praxis landen können."

Prestigedenken, Arbeitsbelastung und Verdienst nennt auch Dieter Geis, der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, als Gründe für ausbleibende Nachwuchs-Landärzte. Häufig sei es auch für den Ehepartner des Arztes schwierig, einen Job auf dem Land zu finden. Andrea Freund lebt mit ihrer Familie in einem Nachbarort von Schöllnach. Das hat ihr die Entscheidung für die Praxisübernahme leichter gemacht.

Der Hausarztmangel auf dem Land ist kein neues Problem, jedoch wird es immer drängender. Laut KVB sind Hausärzte im Freistaat durchschnittlich 55 Jahre alt, in Wassertrüdingen ist der Altersdurchschnitt mit 62 Jahren am höchsten, in Ochsenfurt und Oberstdorf sind die Hausärzte mit 51 Jahren am jüngsten. Unterversorgt sind Feuchtwangen und ein Teil der Region Ansbach, eng wird es in Dinkelsbühl, Lohr am Main, Speichersdorf, Tirschenreuth, Vilsbiburg und im südlichen Ingolstadt.

Gesundheitsministerium und KVB wollen dem Landarztmangel mit Fördermitteln entgegenwirken. 2017 schüttete die KVB nach eigenen Angaben 1,75 Millionen Euro an Ärzte aus, die eine Praxis auf dem Land übernommen oder aufgebaut haben. So sei in Viechtach, Bogen, Selb und Waldsassen eine drohende Unterversorgung abgewendet worden. Das Gesundheitsministerium bezuschusst solche Niederlassungen ebenfalls. "Es passiert schon viel", findet Geis. Hilfreich könnte ein freiwilliges Primärarztsystem sein, das zusätzliche Anreize für Patienten bietet, erst den Hausarzt aufzusuchen. Eine weitere Option könnten niedrigere Krankenversicherungstarife für Patienten sein, die sich in einen Hausarztvertrag einschreiben.

Auch Freund hat Gelder beantragt. Sie hat ein Ultraschallgerät gekauft. So könne sie ihre internistische Kompetenz im Alltag stärker einbringen, sagt sie. Und Staudinger fällt der Abschied leichter: Er weiß seine Praxis und Patienten in guten Händen.

Die Leute haben echt Angst davor, keinen Hausarzt mehr zu haben.Landarzt Roman Staudinger
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Stefan Kreuzeck aus Weiden in der Oberpfalz | 16.02.2018 | 12:30  
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