21.05.2018 - 22:30 Uhr
Deutschland & Welt

FC-Bayern-Fan und Richter Thomas Müller Lokalderby im Gerichtssaal?

Von Höchststrafe war zu lesen, "Sechzger angeklagt - und der Richter ist Bayern-Fan!" titelte eine andere Zeitung. Zudem der Name des Richters: Ironie.

Amtsrichter Thomas Müller sitzt in einem Gerichtssaal im Strafjustizzentrum. Müller ist Fan des FC Bayern München. Bild: Sven Hoppe/dpa
von Agentur DPAProfil

München. Richter Thomas Müller ist nicht glücklich über die Reaktionen, die eines seiner Urteile vor rund zwei Wochen auslöste. Möglich gemacht hat er sie selbst: Als er das Urteil gegen einen Mann verkündet, der im Stadion mit Fahnenstangen warf, gibt er sich als FC-Bayern-Fan zu erkennen, das Feindbild schlechthin für viele Blaue.

"Mir ging es um das Gegenteil, ich wollte das Geschehene vom Fußball und Verein ablösen", erklärt der Amtsrichter. Sozusagen von Fan zu Fan: "Wir sind uns doch sicher beide einig, dass das nichts mit dem Fußball zu tun hat? Und nicht mit dem TSV 1860 oder Jahn Regensburg." Gegen Regensburg verlor der TSV an jenem Tag im Mai 2017, stieg aus der 2. Bundesliga ab und stürzte kurz darauf in die Regionalliga.

Eine Rivalität zwischen Roten und Blauen lässt sich in München unmöglich leugnen. Aber Respekt sei das Wichtigste. "Natürlich kotzt es mich an, wenn die Bayern gegen Dortmund verlieren. Bei bestimmten Mannschaften ärgert es einen einfach so richtig", erklärt der 58-Jährige schmunzelnd, andererseits mache diese Konkurrenz den Sport doch erst süß. "Und die haben auch ihre acht-, neunjährigen Buberl, die mit der Fahne ins Stadion gehen wollen." Erinnerungen an die eigene Kindheit kommen hoch. Sein Vater - der früher für den FC Bayern in der Oberliga Süd kickte - nimmt ihn mit zu Spielen. "An eines kann ich mich noch erinnern, Bayern gegen Duisburg - wahnsinnig viele Tore! - und danach haben ich und ein paar andere Kinder auf Beckenbauer gewartet". Mit Autogramm kehrte er glücklich nach Schwabing zurück.

Doch Fußballleidenschaft hat klare Grenzen, findet Müller. Enttäuschung oder Frustration rechtfertigen die Ausschreitungen des Löwen-Anhängers nicht. "Ich hab mir davor mehrere Spiele von 1860 im Fernsehen angeschaut und ich weiß nicht, wo die Überraschung herkam", sagt Müller. Dass Regensburg für den TSV ein schwieriger Gegner werde, sei klar gewesen." So erklärte er es auch dem Angeklagten. "Aber sehr vorsichtig, ich hätte das auch gröber rüberbringen können."

Als quietsch-ehrlich bezeichnet sich der Richter in Verhandlungen. Und: als unvoreingenommen. "Wenn mich etwas berührt in der Sache selber, dann muss ich sofort aufhören. Dann muss ich mich selbst als befangen anzeigen." Das tat er, als der Sohn einer engen Freundin auf der Anklagebank saß. Doch ob er unbefangen einen Prozess gegen einen 1860-Anhänger leiten könne, diese Frage stelle sich überhaupt nicht. Bei zahlreichen Verfahren gegen Rote aus der Ultra-Szene habe seine Neigung keine Rolle gespielt. Ohnehin ist seine größte Leidenschaft eine andere: Boogie-Woogie. Als Tänzer gewann Müller Europa- und Weltmeistertitel, lernte dabei seine Ehefrau kennen.

Den Randalierer verurteilt Müller wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und schwerem Landfriedensbruch zu zehn Monaten Haft auf Bewährung - samt Stadionverbot. "Damit bin ich weit unterhalb des Antrags der Staatsanwaltschaft geblieben", erklärt der 58-Jährige. Thomas Müllers erster Stadionbesuch war übrigens nicht für ein Spiel des FC Bayern. Der Vater nahm ihn als Buben mit zum TSV 1860 ins Grünwalder Stadion. "Das sehe ich heute noch vor mir: wie die Säulen da hochgehen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass es irgendwo ein größeres Gebäude gibt."

Umso schrecklicher findet der FC Bayern-Fan die Entwicklung des Münchner Traditionsvereins, des Rivalen. "Es wäre wunderschön, wenn es irgendwann mal wieder Derbys gäbe auf Augenhöhe, wo man sich richtig freuen oder ärgern kann."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp