Forschungsreaktor bietet Chancen für Industrie und Medizin
60 Jahre Garchinger Atom-Ei

Der mittlerweile abgeschaltete Forschungsreaktor FRM I bei München - das sogenannte Garchinger Atom-Ei. Bild: Stephan Jansen/dpa
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Bayern
29.10.2017
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Vor 60 Jahren ging der erste Atomreaktor der Republik in Garching in Betrieb: Das Atom-Ei, benannt nach der Kuppel. Niemand dachte an Gefahren. Nachfolger FRM II löste mehr Kritik aus - bietet aber auch Chancen.

Garching. Der älteste "Patient" war eine römische Gottheit. Die bronzene Merkur-Figur aus dem zweiten Jahrhundert landete 2009 in Garching. Sie wurde dort per Neutronen-Tomographie untersucht. Ergebnis: Merkur ist hohl und seine Beine wurden nachträglich angesetzt - Indizien für antike Massenproduktion.

Der Forschungsreaktor FRM II in Garching wird von der Technischen Universität München (TUM) betrieben und dient Wissenschaft, Industrie und Medizin als Neutronenquelle. Hier wird Material untersucht und Grundlagenforschung in verschiedensten Bereichen betrieben. Bestimmte Tumore wie Kehlkopf- oder Hautkrebs werden behandelt und Radio-Isotope für Diagnostik und Therapien hergestellt.

Der knapp 435 Millionen Euro teure FRM II war 2004 eröffnet worden und ersetzte das Atom-Ei. Benannt nach seiner 30 Meter hohen Kuppel war FRM I am 31. Oktober 1957 als erster Atomreaktor in Deutschland in Betrieb gegangen. "Am Atom-Ei sind die Grundlagen dafür gelegt worden, dass Europa bei der Forschung mit Neutronen heute führend ist", sagt Professor Winfried Petry, wissenschaftlicher Direktor des FRM II. Die Neutronenquelle dient der Grundlagenforschung. Mit Neutronen lassen sich Materialien besser durchleuchten als mit Röntgenstrahlen. Automobilhersteller prüfen hier Motoren. Batterien werden getestet. Physiker kamen hier einer neuen Form magnetischer Ordnung auf die Spur. Sie biete Chancen bei einer noch dichteren Informationsspeicherung.

Noch im Januar 1957 beim Richtfest von FRM I gab es kaum Vorbehalte gegen Kerntechnik. Drei Wochen vor dessen Eröffnung am 31. Oktober sah die Lage schon anders aus: Es brannte im britischen Kernkraftwerk Sellafield, Radioaktivität wurde frei und verteilte sich bis zum Festland. Zwar gab es laut Petry weder im FRM I noch im FRM II je einen echten Störfall. Doch spätestens nach Tschernobyl 1986 formierte sich scharfer Protest gegen Atomenergie.

Gegner der Anlage fürchten bei Störfällen eine Freisetzung von Radioaktivität. Laut TUM ist das Gebäude aber wie kaum ein anderes gegen gesichert. Er sei der einzige Forschungsreaktor weltweit, der mit seiner 1,80 Meter dicken Stahlbetonhaut auch Flugzeugabstürze abfangen könne - eine Auflage wegen des nahen Flughafens in Erding. Selbst bei einem Totalausfall der Kühlung soll keine Gefahr drohen.

Hochangereichertes Uran im Betrieb lässt Kritik laut werden, es handele sich um atomwaffentaugliches Material. Petry entgegnet: "Wir setzen hochangereichertes Uran ein, das aber eben nicht atomwaffenfähig ist." Sobald es eine Möglichkeit mit niedriger angereichertem Uran gebe, werde man umsteigen, verspricht Petry. "Wir arbeiten hart daran."
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