"Katze auf dem heißen Blechdach"
Schalter im Gehirn umlegen

Bei dem kinderlosen Ehepaar Brick (Stefan Willi Wang) und Maggie (Josephine Köhler) liegen Hass und Liebe dicht beieinander. Während ihm mit Alkohol der Sprung in kühle Gehirngefilde gelingt, fühlt sie sich wie eine Katze auf dem heißen Blechdach. Bild: Marion Bührle
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Bayern
14.12.2016
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Eigentlich handelt es sich um eine amerikanische Redensart: "Cat on a Hot Tin Roof" meint jemanden, der leidet, sich aber nicht zu retten weiß. Und gelitten wird bei dem Schauspiel "Die Katze auf dem heißen Blechdach" im Nürnberger Schauspielhaus gewaltig.

Nürnberg. Tennessee Williams (1911 bis 1983) kritisiert in diesem Stück eine Gesellschaft, in der sich alles um den materiellen Besitz dreht. Die Geschichte vom Plantagenbesitzer Harvey Pollitt, besser bekannt unter dem Namen "Big Daddy", gilt als abschreckendes Beispiel für eine bürgerliche Familie, die aus Habgier Gefühle heuchelt. Regisseur Georg Schmiedleitner verwandelt das Stück (zumindest im ersten Teil) in ein explosives Drama mit sarkastischen Dialogen und tiefsinnigen Themen.

Eine leere Bühne (Florian Parbs), grell erleuchtet von Neonröhren an drei Wänden, wird zum gnadenlosen Guckkasten. Keine Gefühlsregung, Geste oder Körperbewegung entgeht den Zuschauern, die wie Voyeure das Geschehen gebannt verfolgen.

Frieden im Kopf

Auf einer Art Altar sind unzählige Whiskyflaschen aufgebahrt. Ein fetter Eisblock liegt darauf, von dem sich Brick mit einem scharfen Messer ein paar Brocken herausschlägt. Immer wieder füllt er sein Glas, bis der Kick kommt, sich ein Schalter im Gehirn umlegt und endlich Stille und Frieden im Kopf herrschen. Was ihn zum Trinker macht? Der Ekel vor den Menschen und vor sich selbst.

Tiefe Töne

Die Kontrabassistin Maike Hilbig erzeugt mit dumpf und bedrohlich wirkenden Klängen die passende Atmosphäre für den bleiernen Druck und das heranziehende Gewitter, das sich über die Familie entlädt. Tiefe Töne zupfend, leicht über die Saiten streichend oder auf den Klangkörper klopfend erzeugt sie Gänsehaut.

Josephine Köhler, in der Rolle der nicht nur sexuell unbefriedigten Ehefrau Maggie, huscht dabei auf allen Vieren über den Bühnenboden hinweg. Immer wieder krümmt sie dabei die Finger wie Krallen einer Wildkatze, umschleicht den desinteressierten Gatten und versucht, ihn auf sich aufmerksam zu machen. Doch Stefan Willi Wang, als grandios kühler Brick, lässt sie gnadenlos abblitzen und stürzt sich auf das nächste Whisky-Glas.

Bis zur Pause hält sich die knisternde Spannung durch. Danach scheinen dem Regisseur die Ideen auszugehen. Die Inszenierung driftet ins Alberne und Groteske ab, wenn Maggie von Mae (eine etwas blasse Ruth Macke in der Rolle von Big Daddys Schwiegertochter) mit Tortenstücken vergewaltigt wird oder zum Finale Elvis Presleys Song "Love Me Tender" aus den Boxen quillt.

Auch Bricks Männerfreundschaft mit Skipper und deren eventuelle homoerotische Grenzerfahrung wird zu wenig ausgelotet. Während in Tennessee Williams Version am Ende sämtliche Whisky-Flaschen auf dem Rasen zersplittern und so etwas wie Hoffnung aufblitzt, landen Brick und Maggie hoffnungslos im Rock-'n'- Roll-Himmel.
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