19.08.2014 - 00:00 Uhr
Deutschland & Welt

Kommunen, Verbände und Initiativen im Kampf gegen sterbende Innenstädte Die Lehre aus der Leere

[Aktualisiert] Bayern und besonders die Oberpfalz sind schön, Innenstädte und Dorfkerne sind idyllisch. Die Welt ist in Ordnung. Abseits der Metropolen Regensburg und München sieht es anders aus. Der demografische Wandel hinterlässt seine Spuren. Leerstehende Ladenzeilen in den Städten, geschlossene Bäckereien und Metzgereien auf den Dörfern bleiben als sichtbare Zeugen. Die Region stemmt sich gegen Abwanderung und Verödung - gemeinsam in Organisationen und Verbänden oder als Einzelinitiative.

Tristesse auf dem Dorf. Bild: Wolfgang Steinbacher
von Alexander Unger Kontakt Profil

Claudia Schild-Jancker, Geschäftsführerin beim Stadtmarketing in Weiden, sieht sich und die Stadt in einer glücklichen Situation. "Wir haben in der Innenstadt kaum Leerstände." Die begehrten Standorte in der Fußgängerzone seien belegt und in den Seitengassen, die "etwas weg sind", sehe es kaum schlechter aus. "Nur ein Dauerbrenner, ein Laden ohne Heizung, liegt uns am Herzen - seit Jahren." Ein Leerstandsmanagement betreibt Stadtmarketing Weiden nicht. "Wir geben aber unser Wissen und Anfragen an die Wirtschaftsförderung der Stadt Weiden weiter."

Laden zu vermieten. Schilder wie diese sind in den Innenstädten immer öfter zu sehen. Bild: Wolfgang Steinbacher

Ein Geheimrezept gegen Leerstände in den Innenstädten kennt Claudia Schild-Jancker nicht. "Man muss schon mal was anstoßen, damit sich was tut in der Innenstadt." Die in anderen Städten oft geführte Klage wegen fehlender Parkplätze in der Innenstadt teilt Schild-Jancker nicht. Auf lange Sicht gesehen ist ihrer Meinung nach die Entscheidung für eine Fußgängerzone richtig. "Parkplätze würden das Flair zerstören."

Noch gibt es in Weiden kaum Leerstände im Herzen der Stadt. Bild: Michael Ascherl

Das sieht Emilie Leithäuser aus Amberg anders. Die stellvertretende Vorsitzende der Park- und Werbegemeinschaft (PWG) in Amberg sehnt sich förmlich nach Parkplätzen. "Wir haben über 50 Leerstände in und um die Fußgängerzone in der Innenstadt", betont Emilie Leithäuser. In Zusammenarbeit mit der örtlichen Gewerbebau soll nun gemeinsam Abhilfe geschaffen werden. "Die Gewerbebau versucht, Leute und Läden in die Altstadt zu bekommen." Ein weiteres Amberger Problem sind die hohen Mieten in der Premium-Lage und in den direkt daran angrenzenden Nebenlagen. "Die Besitzer warten lieber auf einen sehr zahlungsfreudigen Mieter und akzeptieren lange Leerstände ohne Mieteinnahmen, als mit den Preisen nach unten zu gehen."

Das ehemalige Kaufhaus Forum am Eingang zur Amberger Altstadt steht seit Jahren leer. Bild: Stephan Huber

"Die Amberger Innenstadt ist historisch und sehr feingliedrig. Da ist es alles schwieriger, als in einer durchgehenden geraden Strecke." Direkt am Einfallstor zur Innenstadt liegt, so Leithäuser, die Schlüsselstelle: das ehemalige Kaufhaus "Forum". "Auch das kann nur lebendig werden, wenn eine öffentliche Parkgarage in der Innenstadt ist." Die Diskussion um das seit Jahren leerstehende Gebäude soll nun neu angepackt werden. "Der neue Oberbürgermeister Michael Cerny packt das an."

Kaufhaus, Parkplätze und dann? "Das Warenangebot entscheidet." Emilie Leithäuser kritisiert das Sortiment der großen Ketten, die in der Innenstadt Filialen betreiben. Im Vergleich zu den Standorten in den großen Nachbarstädten Regensburg und Nürnberg gibt es, so Leithäuser, in Amberg die "zweite Wahl und Provinzware. Das zu ändern ist ein wichtiger Schritt." Die PWG wird selbst aktiv, um Menschen und damit Leben in die Innenstadt zu holen. "Wir bereiten gerade den nächsten verkaufsoffenen Sonntag vor. Der zieht unglaublich viele Menschen aus dem Umland an."

Neue und ungewöhnliche Methoden, um ein Ladengeschäft zumindest für kurze Zeit zu beleben und damit "nicht aus dem Blick zu geraten", sieht Emilie Leuthäuser sehr positiv. Von einem sogenannten Pop-up-Laden, wie dem, der erst vor Kurzem seine Premiere in Amberg hatte, ist sie begeistert: "Ich würde sofort auch nur für vier Wochen vermieten, wenn ich selbst einen freien Laden hätte. Nur, damit sich etwas tut in der Stadt."

Designerin Marion Stiegler (links) aus Ursensollen hatte direkt neben dem Nabburger Tor den ersten Pop-up-Laden Ambergs eröffnet. Bild: Steinbacher

Die Designerin Marion Stiegler aus Ursensollen hatte die Idee, einen Laden nur für kurze Zeit zu mieten. "Ja, es war gut", zieht die 37-Jährige Bilanz. "Viele sind in den Laden gekommen, haben geschaut, gestaunt und manche auch gekauft." Die Akzeptanz für das Konzept mit einem extrem kurzen Mietvertrag in einer "eher konservativen" Region bezeichnet die Ursensollerin als sehr positiv. "Skeptiker gibt es überall. Aber ich hatte das Glück, eine sehr aufgeschlossene Maklerin zu haben." Manche Besucher des Ladens waren von der Idee so begeistert, dass sie selbst überlegt haben, etwas Ähnliches zu machen. "Und viele Kurzzeit-Mieter nacheinander sind auch eine Dauerbelegung." Marion Stiegler ist so begeistert von der Idee und der Akzeptanz in Amberg, dass sie wieder etwas wagen will. Wo und wie? "Überraschung!"

Während sich in den kreisfreien Städten Stadtmarketingvereine und Einzelhändler zusammenschließen, um gemeinsam aktiv zu werden, bleibt diese Arbeit in den ländlichen Gemeinden und Verwaltungsgemeinschaften bei den Bürgermeistern hängen. Alois Böhm ist so einer. Voll berufstätig und Bürgermeister im Nebenamt in Altfalter (Kreis Schwandorf). In seiner Region haben sich die Kommunen in der "Leerstandsoffensive Brückenland Bayern-Böhmen" organisiert.

"Man muss immer im Kontakt bleiben mit den Hausbesitzern", berichtet Böhm. "Manchmal wird es fast als Schande empfunden, wenn ein Haus längere Zeit leer steht. Aber das ist es nicht. Man muss einfach aktiv werden." Auf der Internetseite der Leerstandsoffensive gibt eine Börse die Möglichkeit, leerstehende Immobilien anzubieten. Die Nachfrage nach dieser Vermittlung ist noch "begrenzt". Alois Böhm berichtet: "Die Eigentümer sind sich manchmal noch nicht klar, was genau geschehen soll. Vermietung oder Verkauf und zu welchen Preisen?" Die, wie es Böhm beschreibt, "oberpfälzer Mentalität", erarbeitete Werte nicht wegzugeben, hindere manchmal bei der Wiederbelebung. "Es frisst ja nix", sagt Böhm weiter, "warum soll ich also verkaufen, wenn der Erlös keine Rendite bringt?" Falsche, manchmal "überzogene" Preisvorstellungen tun ein Übriges: "Wenn die Erben in der Großstadt leben, haben sie manchmal keine Idee, welcher Preis auf dem Land angemessen ist."

Die Leerstandsoffensive präsentiert auf ihrer Internetseite die Standorte der Immobilien. Mit Suchfunktion für Interessenten. Screenshot: leerstandsoffensive.eu

Die Gemeinde Schwarzach mit ihren Siedlungsschwerpunkten Altfalter, Wölsendorf, Unteraubach und Weiding ist Böhms Ansicht nach noch nicht so gebeutelt von Abwanderung und Leerständen. "Hier ist es nicht so augenfällig, wenn etwas unbewohnt ist. Der große Druck ist noch nicht da." Mit Blick auf andere Regionen weiß Böhm allerdings genau: "Deren Entwicklung soll nicht nachgebildet werden. Es ist jetzt Handlungsbedarf vorhanden." Dazu versuchen er und seine Bürgermeisterkollegen auch die Infrastruktur zu verbessern. "Wenn Interessenten nach einem Bauplatz suchen, kommt die Frage nach dem Kindergarten, der Schule, dem Arzt und dann sofort nach dem Breitbandanschluss." Kreative Lösungen sind also gefragt, um nicht nur eine Fläche für den Hausbau, sondern Lebensqualität anzubieten zu können, wie sie heute erwartet wird. "Da musst du unbedingt mit den Kollegen in der Nachbargemeinde reden und Aufgaben gemeinsam anpacken."

Im Dorfladen in Altendorf (Kreis Schwandorf) gibt es nicht nur Lenbensmittel. Er ist auch Ort der Kommunikation im Dorf. Bild: Gerhard Götz

Breitband und Dorfladen lauten die "Mindestanforderungen" an die "neue Heimat" auf dem Land. Ersteres, um nicht von der Welt abgehängt zu sein und Letzteres, um nicht für jede Besorgung in die nächste Stadt fahren zu müssen. "Sonst heißt es", betont Alois Böhm, "die Semmel kostet bei uns 4,10 Euro. 30 Cent die Semmel und 3,80 Euro die Fahrtkosten."

Die Bürgermeister, die sich in der "Leerstandsoffensive Brückenland Bayern-Böhmen" zusammengeschlossen haben, erhalten viel Lob für ihre Arbeit. Das Planungsbüro Urban Management Systems aus Leipzig betreut das Projekt beratend seit 2011. Damals haben Mitarbeiter der Beratungsgesellschaft ein leerstehendes Haus in Altendorf bezogen und mitten im "Herzen des Problems" gelebt und gearbeitet. Die Ergebnisse daraus fließen seitdem in die Entscheidungen der Gemeinderäte ein.

Architektin Alexandra Schott ist eine von mehreren Mitarbeitern der Leipziger, die derzeit am Projekt arbeiten. "Die Oberpfalz hat Glück, dass sie das Problem erkannt hat, bevor es richtig zuschlägt", betont die 40-Jährige. In ihrer Heimat Sachsen kennt sie Städte, die es "voll getroffen hat. Die Statistiken zeigen, dass es auch in der Oberpfalz so kommen kann. Aber man hat es rechtzeitig erkannt und handelt jetzt gemeinsam."

Präsenz zeigen, immer wieder mit den Menschen sprechen und das Bewusstsein bei Hausbesitzern wecken, dass gehandelt werden muss. Schotts Erkenntnisse aus den Studien decken sich mit den Erfahrungen von Alois Böhm. "Es fällt den Oberpfälzern schwer, ein Gebäude freizugeben." Die Bürgermeister und deren Nähe zu den Menschen sind laut Schott "Gold wert". Der Landes- und Bundespolitik gibt Alexandra Schott gleich noch eine "Hausaufgabe" mit: "Infrastruktur, Nahversorgung und Breitband sind wichtige Standortfaktoren. Viele wollen gerne aufs Land ziehen, aber nicht bei - überspitzt gesagt - kaltem Wasser und Kerzenlicht leben."

Karin Fleischer ist ehrenamtliche Bürgermeisterin in Schirnding. Den Ort an der deutsch-tschechischen Grenze hat es wohl härter getroffen, als andere Regionen. "Schirnding war in einem Dornröschenschlaf. Nach dem Fall der Mauer ist alles über uns hinweggerollt. Wir wurden nicht wachgeküsst." Die Region im Nordosten von Bayern hat stark gelitten. Nach dem teilweisen Zusammenbruch der Porzellanindustrie waren viele Jobs weg, nach der Grenzöffnung sind Stellen bei Polizei, Zoll und Bahn abgebaut worden. Mit den Stellen sind auch die Menschen verschwunden. Rund 1300 Einwohner nennen Schirnding noch ihr Zuhause. "Wir haben noch die komplette Grundversorgung am Ort: Arzt, Zahnarzt, Kindergarten und Krippe, Bäcker, Metzger ..." Karin Fleischer zählt auf, woran es nicht mangelt. "Aber wir wollen junge Familien hier haben. Und denen können wir wenig bieten."

Die Landespolitik ist Fleischers Meinung nach stark gefragt. Finanzausgleich, Förderung, Projekte sollen kommen. "Hauptsache wir bekommen Hilfe." Einen Ortstermin mit den Entscheidern der Staatsregierung wünscht sich die 56-Jährige. "Damit sie mal sehen, wie es hier ausschaut." Jammern will Karin Fleischer trotzdem nicht. "Wir haben von den Abgeordneten der Region immer Unterstützung bekommen." Die nächsten Schritte im Kampf gegen die, so Fleischer, "überalternde Gemeinde" packt die ehrenamtliche Bürgermeisterin, die seit Mai im Amt ist, zielstrebig an. Aber sie weiß: "Es hakt an mehreren Stellen. Alles auf einmal geht einfach nicht."

Aktualisierung

Nach der Veröffentlichung eines Artikels ergibt sich Neues. Leser weisen auf Ähnliches hin, Behörden handeln aufgrund der Berichterstattung. Wir zeigen hier Reaktionen zum Artikel:

[18. August 2014]
Jitka Krivak: Auch in Tirschenreuth sieht es nicht gut aus, am Marktplatz drei Läden leer und keine Interessenten da. Und in den Seitenstrassen ist vieles leer.

Marc Rose: Leider stimmt der Bericht nur zum Teil. In Weiden stehen z.B. in der Türlgasse drei Läden leer, d.h. fast die halbe Strasse. Auch die Mietpreise verschrecken so manchen Interessenten. Teilweise zahlt man vor Eröffnung für Markler, Kaution usw bereits mehrere Tausend Euro, ohne etwas davon zu haben. Ich habe vor zwei Jahren für meinen Laden und Ausstellung etwas gesucht. Angebot war schon da, aber auch Preise wie in München.

Kommentare

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