08.11.2017 - 14:34 Uhr
Deutschland & Welt

Richtig essen lernen: Familienbegleiterin Tina Habermeier gibt Tipps Es gibt keine Extrawürste

Von Michaela Süß

Nein, einem drei Monate alten Säugling darf man keine Schokoriegel zum Lutschen geben, auch wenn die Mutter das so gar nicht einsehen will: „Da steht doch Kinderschokolade drauf….“ Szenen wie diese erlebt die Kinderkrankenschwester Tina Habermeier immer wieder, wenn die Fachberaterin für Säuglings- und Kleinkindernährung in den Familien unterwegs ist. Gesundheitsorientierte Familienbegleitung heißt das, was sie aufgrund ihrer Zusatzqualifikation tut. Im Interview erzählt sie, wie‘s richtig klappt mit dem Essen für den Nachwuchs.

Kinder wollen Süßes. Am besten immer. Die beste Faustregel: Was auf eine Kinderhand passt, ist das Süßigkeitenmaß für einen Tag.
von Abenteuer FamilieProfil

Warum war denn nun dieser Schokoriegel nichts für das Baby?

In dem Alter ist das absolut nicht geeignet. Zum einen könnte sich das Baby – mit möglicherweise tödlichen Konsequenzen – verschlucken. Und zum anderen kann es die Schokolade in dem Alter noch gar nicht richtig verdauen.

In welchem Alter sollten Babys und Kleinkinder was essen?

Da gibt es verschiedene Empfehlungen. Aber bis zum 5. Monat sollte der Nachwuchs auf jeden Fall nur gestillt werden bzw. Milchersatznahrung bekommen.

Ab dem 5. oder spätestens ab dem 7. Monat sollte dann mit Breikost begonnen werden. Erst mal sollte man die Babys immer wieder Gemüse wie Karotten oder Kürbis probieren lassen. Eine Woche können dann stärkehaltige Lebensmittel wie Kartoffeln dazukommen und wieder eine Woche später kommt dann auch Fleisch dazu. Und so hat man schon die erste Mittagsmahlzeit ersetzt.

Wer Geduld und starke Nerven hat, kann auch das Konzept des sogenannten „Baby-led Weaning“ ausprobieren. Das Baby bekommt dabei die verschiedensten Lebensmittel angeboten und kann sich selbst nehmen und in den Mund stecken, was es möchte. Das geht zwar nicht ohne ein gewisses Maß an Dreck und Chaos ab – aber Studien haben gezeigt, dass die Babys bei dieser Ernährungsform genauso gesund ernährt sind wie mit konventioneller Breikost.

Aber welches System man in der Familie auch immer versucht – das Ziel ist es, dass Kleinkinder mit einem Jahr ganz normal am Tisch mitessen können. Spezielle Kinderlebensmittel sind etwas, das sie nicht brauchen.

Wie sieht es aus, wenn Mütter ihre Babys vegetarisch oder gar vegan ernähren möchten?

Ich sehe das kritisch,wenn zum Beispiel Mandel- oder Hafermilch statt Kuh-Vollmilch verwendet wird. Da sind die Folgen überhaupt noch nicht erforscht und absehbar. Hier sollte man sich auf jeden Fall vom Arzt beraten lassen. Problematisch ist es auch mit dem Verzicht auf Fleisch, denn Kinder brauchen Eisen und es ist schwierig, das anderweitig zuzuführen. Ein oder zweimal pro Woche Fleisch reicht, aber das sollte schon sein. An Stelle von Fleisch kann man übrigens dem Kind auch gerne mal Fisch anbieten. Wenn es den nicht mag, muss es aber auch nicht sein.

Wie führt man kleine Kinder an die verschiedenen Geschmacksrichtungen heran?

Schon während der Schwangerschaft werden die Vorlieben des Kindes angelegt. Je nachdem, was die Mama isst, so schmeckt etwa ab der 13. Woche auch das Fruchtwasser. Wenn sie also – frei nach dem Motto „Jetzt kann ich ja mal alles essen, was ich will“ - ständig Fastfood in sich reinstopft ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass das Kind später solch ungesunde Vorlieben entwickelt.

Auch die Muttermilch schmeckt später nach dem, was die Mama ist. Es ist also leichter, Babys an Breikost zu gewöhnen, die vorher gestillt wurden. Denn die kennen die verschiedenen Geschmacksrichtungen ja schon.

Generell ist es so, dass Babys und Kleinkinder eher süße und fettige Nahrung bevorzugen. Denn die Evolution hat folgendes Schema in uns verankert Süß + Fettig = nicht giftig. Für Gemüse, das ja manchmal eher bitter schmeckt, ist genetisch verankert: Bitter = reicht vom Nährwert her nicht zum Überleben und ist möglicherweise giftig… Es ist also ganz normal, dass Gemüse Kindern in den ersten Lebensjahren manchmal nicht schmeckt und sie es ausspucken.

Aber hier sollten Eltern einfach Geduld haben und es immer wieder anbieten - als kindgerechte Snacks zum Beispiel. Und die Erfahrung zeigt tatsächlich: Gemüsesticks mögen alle!

Was sollten Babys und Kleinkinder nur sehr wenig oder gar nicht essen?

Honig ist ein Problem, denn da kann (muss aber nicht) Botulinumtoxin enthalten sein. Für Säuglinge und Kleinkinder unter einem Jahr kann das eventuell tödlich sein. Also: Finger weg! Ansonsten darf der Nachwuchs alles essen, nichts ist verboten.Nur mit Salz und Gewürzen sollte man sehr sparsam sein, das brauchen kleine Kinder nicht.

Was tun, wenn das Kind nicht aufessen will?

Das ist ein Problem, das absolut überbewertet wird, sofern keine Krankheit vorliegt. Wenn das Kind nicht aufisst, muss es nicht. Eltern müssen allerdings konsequent sein: Es gibt keine Süßigkeiten und die Pausen zwischen den Mahlzeiten werden eingehalten. Außerdem gibt es keine Extrawürste: Alle essen das Gleiche. Es wäre ja auch dem Kind nicht vermittelbar, dass Mama sich die Spaghettis reinzieht und sagt „Du musst jetzt aber das gesunde Gemüse essen“…

Klar wird es, immer immer Zeiten geben, in denen Kinder mehr oder weniger essen. Aber mal ganz ehrlich: Bei kindlichen Trotzphasen kann man ganz gut auch mal vier Wochen lang mit Butterbrot überleben. Und vor dem vollen Teller verhungert ist auch keiner. Das lässt sich mit Konsequenz alles durchhalten, ohne dass das Kind Schaden nimmt.

Und wie sieht es mit dem leidigen Thema Süßigkeiten aus?

Es ist eine Illusion zu glauben – gerade im Medienzeitalter – ein Kind ohne Süßigkeiten großziehen zu können. Als Faustregel kann man es aber so halten: Was auf eine Kinderhand passt, ist das Süßigkeitenmaß für einen Tag. Bewährt haben sich auch feste Regeln – zum Beispiel „Süßes gibt es nach dem Mittagessen“. Außerdem dürfen Süßigkeiten nicht als Belohnung eingesetzt werden. Und Ausnahmen wie Kindergeburtstage oder Weihnachten müssen natürlich auch mal drin sein.

Was tun, wenn man gar nicht mehr weiter weiß?

Bei den Landratsämtern gibt es entsprechende Stellen, die weiterhelfen. Außerdem sind auch Kinderärzte, von Fachkräften geleitete Mutter-Kind-Gruppen, Babycafés im Krankenhaus oder Hebammen immer gute Ansprechpartner. Sie wissen, was zu tun ist oder wer ganz konkret helfen kann.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.