10.04.2018 - 20:34 Uhr
Deutschland & Welt

Schüss auf Polizistin Täter vor Gericht

Mit Prügel in der S-Bahn beginnt das Drama am Morgen des 13. Juni 2017. Kurz darauf bricht eine junge Polizistin zusammen - ein Randalierer hat ihr am Bahnhof Unterföhring in den Kopf geschossen. Jetzt hat der Prozess begonnen.

Der Angeklagte mit seinem Anwalt Wilfried Eisell im Gerichtssaal. Im Prozess geht es um die Schuldfähigkeit des Mannes. Bild: dpa
von Agentur DPAProfil

München. Der Angriff dauert 23 Sekunden. Der Mann stürzt auf den Polizisten zu, stößt ihn in Richtung der einfahrenden S-Bahn. Es kommt zum Gerangel, der Angreifer greift sich die Dienstwaffe des Polizisten - und richtet sie auf dessen Kollegin. Die Frau fällt zu Boden. Ein Zusammenschnitt aus Videoaufnahmen verschiedener Überwachungskameras dokumentiert die Geschehnisse am S-Bahnhof Unterföhring.

Dabei ist es am Dienstag sehr still in dem Gerichtssaal in der Münchener Justizvollzugsanstalt Stadelheim, wo der Prozess gegen den 38-jährigen mutmaßlichen Schützen begonnen hat. Ein als Zeuge geladener Polizeibeamter erläutert die Szenen, einige davon werden wiederholt. Auf den Videos bricht die junge, aus Sachsen stammende Polizistin drei Mal am Kopf getroffen zusammen.

Der 38-Jährige ist seit der Tat in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Die Anklage wirft ihm gefährliche und schwere Körperverletzung und versuchten Mord vor. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Schuldunfähigkeit zur Tatzeit aus und hat deshalb keine Anklage verfasst, sondern einen Antrag auf Durchführung eines Sicherungsverfahrens gestellt. Zu der Anschuldigungen schweigt der Mann am Dienstag. Dafür schildert er persönliche Details, mal auf Englisch, meiste aber auf Deutsch mit starkem Akzent. Er wurde in Starnberg geboren, wuchs in den USA auf. Vor einigen Jahren habe er zwei Mal versucht, sich umzubringen, sagt der Vater einer Tochter.

Angst vor Flugzeugessen

Anfang Juni 2017 reiste er aus den USA nach München, um Europa zu bereisen. Von München aus flog er nach Athen; am 12. Juni sollte es weiter nach Prag gehen. Doch der Mann bekam psychische Probleme. Er habe "sehr schlechte Gedanken" gehabt, habe nicht klar denken können. Also kaufte er sich stattdessen ein Ticket zurück. Er habe Verwandte in Schwabhausen und Dachau, erklärt er. Auf dem Flug sei er paranoid gewesen, habe gefürchtet, mit dem Flugzeugessen vergiftet zu werden.

Am Flughafen stieg er in die S-Bahn Richtung Zentrum, sagte der Staatsanwalt. Dort eskalierte die Situation zum ersten Mal: Der 38-Jährige attackierte einen Passagier, schlug ihm mehrmals ins Gesicht. "Aus dem Nichts" sei die Attacke gekommen, sagt das Opfer vor Gericht. Mitreisende trennten die beiden und alarmierten Polizei und Lokführer, der den Zug in Unterföhring stoppte.

Bis heute im Koma

Zu der Gruppe am Bahnsteig traten die junge Polizistin und ihr Kollege, um Zeugen zu vernehmen. Da ging der 38-Jährige laut Anklage erneut zum Angriff über. Es gelang ihm, sich die Dienstwaffe des Polizisten zu greifen, richtete sie gegen den flüchtenden Beamten und schoss fünf Mal. Ein Projektil prallte von der S-Bahn ab und verletzte einen Passanten. Die Polizistin hatte zwischenzeitlich ihre Waffe gezogen und zwei Mal auf den Angreifer geschossen.

Der Mann feuerte auf die Frau und traf sie in den Kopf. Sie liegt bis heute im Koma. Weitere sieben Verhandlungstage sind für den Prozess angesetzt. Es geht darum, inwieweit der Mann infolge seiner psychischen Erkrankung schuldunfähig und für die Allgemeinheit gefährlich ist - und dauerhaft in ein Krankenhaus muss.

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