18.10.2017 - 20:42 Uhr
Deutschland & Welt

Sechs Jugendliche sterben in Gartenlaube: Prozess beginnt Feier wird zur Katastrophe

Er wollte seiner Tochter einen schönen 18. Geburtstag bereiten. Dafür orderte der Vater sogar extra Feuerwerk. Doch der Tag endete tragisch: Sechs Jugendliche starben in seiner Gartenhütte an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Nun äußert sich der Vater vor Gericht.

Der wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Familienvater betritt zu Prozessbeginn neben seinen Anwälten den Sitzungssaal im Landgericht Würzburg. Dem Angeklagten gehört eine Gartenlaube im Landkreis Main-Spessart, in der sechs junge Leute bei einer Geburtstagsfeier Ende Januar 2017 an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben waren, darunter seine zwei Kinder. Bild: Daniel Karmann/dpa
von Agentur DPAProfil

Würzburg. Es ist ruhig im Saal des Landgerichts Würzburg während der Verteidiger des Angeklagten dessen persönliche Erklärung verliest. Nur das Weinen und Schluchzen des 52-Jährigen durchbricht die Stille. Der Vater hat seine zwei ältesten Kinder verloren - weil er einen Stromgenerator in seiner Gartenlaube falsch aufgestellt hatte. Seine Tochter, sein Sohn und vier weitere junge Leute im Alter von 18 und 19 Jahren starben deshalb im Januar an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung.

Am ersten Prozesstag hat der Unterfranke die volle Verantwortung dafür übernommen. "Ich kann es mir nicht erklären. Ich will aber keine Schuld von mir weisen", las Strafverteidiger Hubertus Krause vor. Der Vater steht wegen sechsfacher fahrlässiger Tötung vor Gericht. Der im Häuschen aufgestellte Stromgenerator war nicht für Innenräume geeignet. Der Anklageschrift zufolge soll der 52-Jährige zudem eine wackelige Abgasableitung gebastelt haben, die im Laufe des Abends zusammengebrochen war. "Bei der Aufstellung des Generators missachtete der Angeklagte aus nicht nachvollziehbarer Nachlässigkeit Warnhinweise", heißt es in der Anklageschrift.

2013 hatte der Vater das Grundstück mit dem 50 Quadratmeter großen Gartenhaus gekauft. Weil es nicht an das Stromnetz angeschlossen ist, installierte er eine Solaranlage. Den benzinbetriebenen Generator besorgte er, damit auch Geräte mit einem höheren Strombedarf genutzt werden können. Vor Gericht versucht der Kraftfahrer so ausführlich wie möglich den Tag und die Vorbereitungen für den 18. Geburtstag seiner ältesten Tochter zu beschreiben. "Es sollte ein schöner Geburtstag werden." An dem Tag war es sehr kalt. Damit es die jungen Leute bei der Feier im Garten warm haben, fuhr er dreimal zum Grundstück. Er heizte den Holzofen an, brachte später die Geburtstagstorte und das Essen. Der Stromgenerator im Technikraum lief fast ununterbrochen.

Am Abend kommen seine Tochter und die fünf Jungs. Er habe ihnen noch viel Spaß gewünscht und gesagt, dass sie es nicht übertreiben sollen. Das Telefon legte er beim Schlafengehen extra neben das Bett. "Damit ich es mitbekomme, falls die Kinder noch etwas brauchen. Ich hörte aber nichts mehr von ihnen." Das tödliche Gas, das nicht gerochen und geschmeckt werden kann, hatte sich schnell in der Hütte ausgebreitet. Der Anklageschrift zufolge starben die sechs Teenager vermutlich ein bis zwei Stunden nachdem ihre Party gegen 21 Uhr begonnen hatte.

"Was im Januar passiert ist, ist die schlimmste Katastrophe meines Lebens. Sie alle waren Freunde, sie alle waren noch so jung", heißt es in der Erklärung weiter. Er selbst fand die Jugendlichen am Morgen. Zuerst habe er gedacht, sie schliefen noch. "Mein erster Gedanke war, dass sie zu viel getrunken hatten, denn ich nahm auch Geruch von Erbrochenem wahr." Als er seine Tochter sanft wecken wollte, fühlte sie sich kalt an - trotz einer Umgebungstemperatur von etwa 20 Grad Celsius. Wenig später sei ihm klar geworden, "dass etwas Schreckliches passiert ist". Der persönlichen Erklärung zufolge mussten er und seine Frau schon einmal ein Kind zu Grabe tragen. "Das ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann."

Die Verteidiger des Mannes könnten auf den Paragrafen 60 des Strafgesetzbuches plädieren. Demzufolge kann ein Gericht von einer Strafe absehen, wenn die Folgen der Tat für den Täter bereits so schwer sind, dass die Verhängung einer Strafe offensichtlich verfehlt wäre.

Gerichtssprecher Michael Schaller gab zu bedenken, dass nicht nur die Kinder des Angeklagten, sondern auch vier weitere Jugendliche in der Gartenlaube starben. Zwei Familien sitzen als Nebenkläger im Gerichtssaal. Nebenklage-Anwalt Wolfgang Kunz über seine Mandanten: "Es geht ihnen nicht gut. Sie haben ihr einziges Kind verloren." Die Eltern der toten Teenager sollten uneingeschränkt Antworten bekommen, damit sie das Geschehen verarbeiten könnten, sagte der 52-Jährige der persönlichen Erklärung zufolge. "Wir befinden uns in Trauer. Es ist nichts verarbeitet. Ich selbst muss neben der Trauer mit der Schuld leben."

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