Urteil um Todesschüsse an Silvester
Nicht eiskalt, aber ein Mörder

Ein Kreuz mit Lichtern erinnert in Unterschleichach ein Jahr nach der Tragödie an die elfjährige Janina. Bild: Nicolas Armer/dpa
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Bayern
23.12.2016
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Janina stirbt durch eine Revolverkugel, die ihren Hinterkopf trifft - während die Elfjährige gerade Silvester feiert. Der Schütze sagt, er habe das nicht gewollt. Das Gericht sagt trotzdem: Er ist ein Mörder.

Bamberg. Janinas Mutter fixiert den Mann, der ihre Tochter getötet hat. Mit einer Revolverkugel, die er in die Nacht feuert. Die Mutter ist nicht dabei, als es passiert, in der Silvesternacht vor fast einem Jahr. Nun aber, im Prozess gegen den Schützen, wendet sie ihren Kopf immer wieder diesem Mann zu. Sie stellt sich ihm. Er erwidert ihren Blick nicht - auch nicht nach dem Urteil.

Die einen nennen das vor Gericht Eiseskälte. Der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt sagt, der 54-Jährige wirke bedrückt. Zwölfeinhalb Jahre soll der gelernte Maurer ins Gefängnis - wegen Mordes. Dazu verurteilt ihn das Landgericht Bamberg am Donnerstag. Er habe den Eltern einen unwiederbringlichen Verlust zugefügt. Lebenslang bekommt er aber nicht, weil das Gericht nicht ausschließen kann, dass der körperlich kranke und depressive Mann vermindert schuldfähig ist. Das Urteil folgt dem Gutachten eines Psychiaters, der nicht ausschloss, dass der Schütze zum Tatzeitpunkt erheblich in seiner Steuerungsfähigkeit eingeschränkt war.

Am Tag zuvor steht er auf, zu seinem letzten Wort vor Gericht. Er verschränkt die Hände vor dem Körper, wankt leicht. "Ich bitte die Eltern um Verzeihung", sagt er, diesen einen Satz, und blickt starr nach vorne zum Richter. Die Eltern sieht er nicht an. Stille im Gerichtssaal. "Das war's?", fragt Schmidt. Das war's. "Ich hoffe, dass er es bis zum Ende seines Lebens bereut und ihm bewusst ist, was er uns angetan hat", sagt Janinas Mutter wenige Stunden zuvor. "Die Lücke wird sich nie schließen." Sie sagt aus vor Gericht, spricht über den Kampf mit dem Alltag nach Janinas Tod. Sie dreht ihren Kopf zum Angeklagten, er hält den seinen gesenkt.

Tränen im Sitzungssaal

Janinas Mutter trägt schwarze Kleidung, wie an jedem Verhandlungstag. Während der Verhandlung bleibt sie meist gefasst, viele ihrer Tränen sind still. Manchmal aber erträgt sie es nicht mehr, dann eilt sie aus dem Saal. Am vorletzten Prozesstag weint der Angeklagte. Aber nicht "live". Stattdessen sieht man seine Tränen in einem Video: seine Vernehmung bei der Polizei. Er weint, als die Sprache auf seinen Sohn kommt.

Im Gerichtssaal regt sich der Mann selten. Richter Schmidt hat Mühe, ihm Antworten zu entlocken. Auch in der Vernehmung strengen sich die Beamten an. Es geht um die Straße, auf der Janina feierte. "Da hab' ich früher auch geböllert", sagt er. "Aber seitdem der Sohn weg ist ..." Er bricht ab. Sein Sohn (15) ist - so beschreiben es Zeugen im Prozess - sein Ein und Alles. Doch der Junge lebt bei der Mutter, der Ex-Lebensgefährtin, seit sich das Paar getrennt hat - am 23. Dezember 2010. Das hinterlässt Spuren, auch an Silvester 2015.

Krank, depressiv, schlaflos

Der 54-Jährige, seit Jahren körperlich krank und deshalb auch depressiv, ist an diesem Abend allein. Er schläft vor dem Fernseher ein, nachdem er seine Schmerz- und Schlafmittel genommen hat. Doch er schläft nicht durch, kann Silvester nicht verschlafen. Das Geböller vor seinem Haus weckt ihn. Vor dem Haus, das er für seine Familie gebaut hatte.

In Jogginghose und Hausschuhen geht er in den Keller, nimmt eine seiner vier Waffen, einen Revolver, lädt ihn und geht in den Garten. Hinten rum, damit ihn die Menschen auf der Straße nicht sehen können. Da steht er im Dunkeln - und feuert. Er sagt: in Richtung Wald, nach oben, nicht auf Menschen. Der Richter dagegen sagt: Auf die Feiernden, zumindest mit einem Schuss. Heimtückisch und aus Ärger. "Jetzt ist alles kaputt", sagt der Mann bei der Vernehmung.

In den Tagen nach den Schüssen gesteht er nicht, obwohl die Polizei ihn befragt. Er habe, erklärt er später, immer gehofft, dass es nicht sein Schuss war, der Janina getötet hat. Er schweigt. "Aus Angst vor Konsequenzen für sich selbst", wirft Heyder ihm vor. "Wir gehen nicht davon aus, dass er keine Reue hat", sagt der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung. "Wir halten ihn auch nicht für einen eiskalten Menschen." Dennoch, Janinas Eltern hat er das Kind genommen.
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