Vielfalt rund um das Beet - In Kleingärten fallen Schranken
Gesellschaft mit Wurzeln

Kleingärten bieten Kindern ein Naturerlebnis. Bild: Hartl
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Bayern
22.07.2014
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Amberg/Weiden. Hecken säumen die Wege zwischen den Parzellen der Kleingartenanlage, in jedem Garten steht ein Obstbaum und spendet Schatten für das obligatorische Gartenhaus. Gemüsebeete wechseln sich mit Blumenrabatten ab und aus einigen Gärten kommt der Klang von rauschendem Wasser in den Teichen und der Gesang der Vögel.


Valentina Beller bewirtschaftet ihre Parzelle ökologisch. Bild: Unger

Etwas versteckt, liegt eine Parzelle, die den anderen nur auf den ersten Blick gleicht. Hier ist das Reich von Valentina Beller. Ökologischer Anbau, Selbstversorgung aus dem eigenen Garten, Erhalt und Weitergabe von überlieferten Pflanz- und Verarbeitungsmethoden - Valentina Beller lebt ihren Traum. Die 69-Jährige, die 1990 aus dem Ural nach Amberg kam, bewirtschaftet den Garten seit drei Jahren.

Als sie ihn übernommen hat, war die Parzelle "in desolatem Zustand". Viel Arbeit, Geduld und Zeit war nötig, um aus der kleine Fläche eine Anbaufläche zu machen, die die Besitzerin das ganze Jahr über mit Obst, Gemüse, Früchten und Kräutern versorgt.

Valentina Beller steht in ihrem Garten und freut sich über die Ernte. Zwischen Johannisbeersträuchern, Tomatenpflanzen und Kohl führen schmale Wege zu den einzelnen Beeten. Die 69-Jährige, die in der alten Heimat als Lehrerin gearbeitet hat und seit 25 Jahren in Deutschland lebt ist mittlerweile im Ruhestand. Zumindest beruflich. "Es ist Begeisterung", beschreibt Valentina Beller, die Motivation weiterzumachen. "Ich lebe meinen Traum." In einer Art Gartentagebuch macht die 69-Jährige Notizen und sammelt Bilder. Ein eigener Gartenalmanach ist so entstanden mit Angaben zum Wetter, zu den nötigen Arbeiten und mit einer Liste, der Pflanzensorten und ihren Standorten. "Damit weiß ich genau, was als nächstes zu tun ist." Das Notizbuch ist noch nicht voll. Die jüngsten Einträge zeigen die Pläne für die nächste Zeit.



Mittlerweile hat sich nicht nur in der Kleingartenanlage "An der Vils" in Amberg herumgesprochen, dass es dort ein "Vorzeigeprojekt" zur ökologischen Selbstversorgung gibt. Auch aus anderen Anlagen kommen immer wieder Besucher. Gartenbesitzer können Valentina Beller nacheifern: Ihre Erkenntnisse, Erfahrungen und Tipps waren ein Thema im Jahrbuch 2013 von "Querbeet", dem Gartenmagazin des Bayerischen Rundfunks. Als Gartenexpertin hat Angelika Feiner vom Landesfachverband der Kleingärtner diesen Beitrag für das Buch erstellt.

Peter Donhauser, der Vorsitzende des Vereins, streift immer wieder durch die Anlage mit 127 Parzellen. Donhauser ist stolz auf die gelebte Integration zwischen den Beeten. "Wir haben etwa 30 Kleingärtner mit Migrationshintergrund. Aber ganz sicher bin ich nicht, da dies hier einfach keine Rolle spielt." Die Parzellen in der Anlage sind alle belegt. "Das liegt auch daran, dass wir eigentlich mitten in der Stadt liegen und damit keine langen Anfahrten zum Garten haben." Der 48-Jährige kennt die Anlage seit seiner Kindheit. "Wir hatten selbst keinen Garten und waren immer hier beim Onkel." So wie Donhauser, der die eigene Parzelle als "Urlaub vor der Haustür" bezeichnet, denken viele Mitglieder. "Hier hat man Freiraum, ist man raus aus den engen vier Wänden und weg von der Arbeit."

Damit der gewährte Freiraum nicht in Wildwuchs endet, braucht es Regeln, die einzuhalten sind. Das Bundeskleingartengesetz und die Vereinssatzung geben die Spielregeln vor. Donhauser sieht sich da als Schiedsrichter, der auch schon mal mahnt, wenn ein "Gartler" sich durch zu viel Individualismus oder Nachlässigkeit "auszeichnet". "Es funktioniert gut hier. Wir sind hier bunt gemischt, wie die Gesellschaft auch." "Mit'm Reden macht man's aus" ist Donhausers Motto, um eventuell auftretende Unstimmigkeiten zwischen Nachbarn zu ordnen. "Wir sind ja alle Oberpfälzer."


Josef Ullmann bereitet den Garten für die Famile vor. Hier wird gemeinsam gefeiert und geerntet.

Dem stimmt auf dem Rundgang des Vorsitzenden sofort Josef Ullmann zu. Ein echter Oberpfälzer - aus Kasachstan. Ullmann hat seinen Garten seit fast 20 Jahren. "Weil ich das so kenne." Den Kleingarten nutzt Ullmann nicht nur zum Anbau. Spielsachen, ein Sandkasten und Kinderfahrräder haben einen festen Platz unterm Baum. "Das ist ein Ort für die ganze Familie, für gemeinsame Feste und Feiertage." Die Familie von Josef Ullmann ist, wie er selbst sagt groß. "Wir sind elf, zumindest im ersten Verwandschaftsgrad. Weiter zähl ich nicht." Die Familie teilt die Begeisterung für den Kleingarten. Eine Tochter bewirtschaftet eine weitere Parzelle in der Anlage. "Es werden immer mehr junge Familien", bestätigt Peter Donhauser. "Der Altersdurchschnitt sinkt, nur noch wenige Vereinsmitglieder sind über 70 Jahre alt."


Alois Neff erklärt den "Gartenzwergen" die Vogel- und Insektenwelt.

Wenige Gartentüren weiter spitzen unter dem Apfelbaum von Alois Neft Zipfelmützen in Grün und Rot hervor. Neft hat einen Kindergarten zu Besuch und jedes Kind hat eine Mütze als Geschenk bekommen. Alois Neft erklärt den Kleinen die Natur, die Vögel, die Nützlinge und Schädlinge in den Gärten. "Die Kinder bekommen so Wissen zum Anfassen. Das kann man nicht mit einem Buch vergleichen." Vogelnester anfassen, in eine Nisthöhle schauen oder auch Bienen im Stock in Aktion sehen, gehört hier zur Normalität. Otto Streber hat mehrere Bienenvölker auf seiner Parzelle. "Die tun nichts, die wollen nur fliegen", begrüßt er die Besucher. Der ökologische Nutzen für die Anlage und das "Unterrichtsmaterial" für die Nachwuchsgärtner ist keine Seltenheit mehr in bayrischen Kleingartenanlagen. Als vor einigen Jahren die Idee aufkam, Bienenvölker zu beherbergen, war die Zustimmung groß. Auch bei den Nachbarn von Otto Streber, die in der direkten Einflugschneise der Bienen ihren Garten haben.

Valentina Beller hat inzwischen ein Körbchen mit Beeren, Tomaten und Gurken für ihre Besucher fertiggemacht, Ablehnen? Undenkbar. Der Stolz, mit dem die 69-Jährige die Früchte ihres Wissens und ihrer Arbeit weitergibt lässt kein "Nein" zu. "Kommt wieder. Nächstes Mal sieht alles ganz anders aus."


Kleingärten als Ort der Integration

In Kleingartenanlagen treffen junge Familien, Akademiker und Rentner aufeinander, tauschen Informationen aus und teilen ihr Wissen. Es gibt keine Standesgrenzen, man hilft sich. Gärtnern liegt im Trend. Davon profitieren auch Kleingartenvereine. Die Wartelisten für freie Parzellen werden länger. Interessenten aus anderen Nationen finden nicht nur einen Platz im Grünen, sondern auch in der Gesellschaft.

Der Weg zur eigenen ParzelleParzellen in Kleingärten sind begehrt. Die Wartelisten sind manchmal lang. Peter Donhauser, Vorsitzender der Kleingartenanlage „An der Vils“ in Amberg, rät Interessenten, den direkten Kontakt zu Vereinsvertretern aufzunehmen. Um herauszufinden, ob die Anlage zu den Wünschen passt, sollten Interessenten immer wieder die Anlage besuchen, um möglichst viel „Vereinsluft zu schnuppern“. Auch Vereine sehen sich Interessenten genau an. Die Vorsitzenden wollen gewachsene Gemeinschaften nicht „zerreißen“. „Familien mit Kindern haben aber gute Karten“, betont Donhauser, „Der Blick in die Vereinssatzung gehört unbedingt dazu. Da gibt es viele Regeln, die eingehalten werden müssen. Das gehört auch dazu.“

Das Thema Integration begleitet die Kleingärtner seit Jahrzehnten. Bereits nach dem Krieg haben Flüchtlinge und Vertriebene in Deutschland eine neue Heimat gefunden. Auch die ersten Ausländer, die als sogenannte Gastarbeiter aus Italien, Spanien, der Türkei und anderen Ländern kamen, haben den Kleingarten sehr früh für sich entdeckt. Dort treffen Menschen aufeinander, die einem gemeinsamen Hobby nachgehen - ohne hohe Mauern oder Schlagbäume. Nachbarschaftshilfe wird groß geschrieben. Das gemeinsame Interesse an einem schönen Garten und einer "guten Ernte" verbindet.


In Kleingärten lernen Kinder, mit und von der Natur zu leben. Bild: Hartl

Viele Migranten, die sich in der Region niedergelassen haben und heimisch geworden sind, kommen aus ländlichen Regionen. Sie sind mit Gartenarbeit und Gartenbau vertraut. Im Kleingarten können sie neue Wurzeln schlagen, ein eigenes Stück Land selbst gestalten. Das Wissen, das über die Generationen hinweg weitergegeben wurde, hat nicht mehr nur eine praktische Bedeutung. Es bekommt einen neuen Wert. Im Kleingärtnerverein können sich die unterschiedlichsten Kulturen kennenlernen, ohne die eigene Identität ablegen zu müssen.

Vor allem Migranten aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und aus Südosteuropa versorgen sich gerne selbst mit Obst und Gemüse und arbeiten in ihren Gärten. "Der Kleingarten ist ein idealer Ort für Integration", weiß Dr. Andreas Becker. Er ist Leiter der Bayerischen Gartenakademie an der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim. "Über den Gartenzaun hinweg gibt es Tipps zum Düngen, Gießen und Ernten. Man lädt sich gegenseitig zum Essen ein und entdeckt dabei, dass beispielsweise auch türkische Gerichte, zubereitet mit dem eigenen Gemüse, sehr lecker schmecken. Dadurch werden Vorurteile abgebaut." Das Hobby verbindet, die Vorschriften auch.



Drei Obstbäume, davon ein Apfelbaum und eine bestimmte Rasenfläche: In manchen Satzungen einer Kleingartenanlage wird streng vorgeschrieben, was in einem Schrebergarten alles gepflanzt werden muss. "Mittlerweile geht der Trend aber immer mehr zu individuell gestalteten Gärten", sagt Becker, "Jeder kann selbst entscheiden, welche Baumart, wie viel Rasenfläche oder Beete er in seinem Garten haben möchte." Die Menschen fühlen sich in ihrem eigenen kleinen Paradies wohl. Die rund 50.000 Schrebergärten in Bayern bieten einen persönlichen Rückzugsort zur Entspannung und einen idealen Ort für Kinder.

Vor allem junge Familien mit kleinen Kindern findet man immer häufiger unter den Pächtern. Die Kleinen spielen miteinander und es scheint, als sehe man hier ein Beispiel für gelungene Integration. "Die Eltern wollen ihren Sprösslingen ermöglichen, spielerisch zu entdecken, dass Schnecken glitschig sind und wie Tomaten aussehen, wenn sie noch nicht reif sind", sagt Becker.



Aus der Not geborenAuch als „Schrebergarten“ bekannt, sind Kleingärten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts fester Bestandteil vieler Städte. Im Zeitalter der Industrialisierung stiegen die Einwohnerzahlen der Städte sprunghaft an, und viele ihrer Bewohner waren sehr arm. Die Kleingärten boten ihnen eine Möglichkeit, Gemüse und Obst zum eigenen Verbrauch anzupflanzen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg halfen die Kleingärten dabei, die Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen.

Kleinstgarten auf dem Hausdach

Flächen, die in der Stadt brachliegen, nicht mehr genutzt werden oder auf eine weitere Verwendung warten, sind eine andere Art von "Kleingärten". Martina Dietrich, Architektin und Stadtplanerin aus Amberg berichtet über das "Urban Gardening". Die Lust, sich selbst zu versorgen, im eigenen Garten - egal wie groß der ist - Kräuter, Gemüse oder Obst anzubauen und zu ernten, bringt auch "Kleinstgärten" mitten in der Stadt hervor.

Dabei spielen Vorkenntnisse oder verfügbare Parzellen in Gartenanlagen keine Rolle mehr. "In manchen Städten bauen die Menschen auf den Flachdächern Tomaten an". Dabei sind nicht nur der Spaß am Gärtnern und die Gemeinsamkeit wichtig. "Die Zurückeroberung von versiegelten Flächen ist in den urbanen Gebieten ein großes Thema, wie beispielsweise beim Punkt Leerstand in Dresden."

In Regensburg will die Gardening-Gruppe der Bürgerbewegung „Transition Regensburg“ mit ihren Gärten zeigen, dass man in der Stadt nachhaltiger leben und weniger von den Discountern konsumieren kann. „Knubbelige Karotten werden sonst einfach weggeschmissen. Im eigenen Garten lernt man, dass das Gemüse genauso gut schmeckt, auch wenn es oft nicht gerade wächst. Es ist viel zu schade für den Abfall“, sagt Robert Eder, Mitstreiter der ersten Stunde bei der Bürgerbewegung „Transition Regensburg“.


Der „Transition-Garten für Alle“ an der Protzenweiherbrücke in Regensburg. Bild: spi

Seit einem halben Jahr pflanzen und ernten rund 25 Angestellte, Studenten, Kinder, Rentner, Bankkaufleute und Lehrer auf den 400 Quadratmetern in der Nähe der Protzenweiherbrücke gemeinsam Gemüse. Vorher war dort noch eine Wiese. „Weg von den Zierpflanzen, hin zu Nutzpflanzen und eine "essbare Stadt" schaffen, ist eines unserer Ziele“, sagt Eder.

Das ehemalige Quelle-Gelände in Fürth ist das Paradebeispiel für die neue Lust am Gärtnern. Dort ist der "Stadtgarten" entstanden, ein gemeinschaftlicher Garten auf dem alle gärtnern und mitgestalten können.

Entwickelt wurde die Idee von einigen Bluepingu-Aktivisten. Durch die Unterstützung von Kooperationspartnern, Förderern und von der Idee begeisterten Menschen erfolgte die Eröffnung der "Anlage" im Frühjahr 2012. Seitdem gärtnern die Projektmitglieder an mehreren Tagen in der Woche gemeinsam. Seit April 2013 hat auch ein Bienenvolk eine neue Heimat auf dem ehemals versiegeltem Gelände gefunden. So ist mitten in der Stadt eine grüne Oase entstanden.



Zum Selbstverständnis des Stadtgartens gehört, dass sich jeder, der Interesse hat, am Projekt beteiligen kann. Dabei spielt es keine Rolle, wieviel Zeit der Einzelne zur Verfügung hat, ob man Gartenprofi oder ein Junggärtner ist oder ob man einfach bei den bereits bestehende Aktionen und Projekten mitarbeiten möchte oder etwas ganz Neues wagen will. Jeder soll die Gelegenheit haben, mit Gleichgesinnten seine Umwelt aktiv mitgestalten zu können, egal, ob jung oder alt, fit oder mit Handicap. Im Stadtgarten treffen ganz selbstverständlich die unterschiedlichsten Ethnien und Nationalitäten aufeinander - geprägt von gegenseitigem Respekt.

Ökologischer Anbau von Nahrungsmitteln direkt vor der eigenen Haustür ist kein rein deutsches Phänomen. Auch in anderen Länder wächst der Wunsch danach. In Spanien gibt es beispielsweise das Madrider Netzwerk für Urban Gardening. Die Gärten dienen in erster Linie zum Anbau von Gemüse und haben langfristig das Ziel, Nahrungsmittelautonomie zu erreichen. Die urbanen Gärtner wollen den sozialen Zusammenhalt durch gegenseitige Unterstützung, Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer stärken. Das Konzept ähnelt dem der Gemeinschaftsgärten oder urbanen Gemüsegärten, deren Zahl auch in Deutschland wächst. Diese städtischen Grünflächen werden von den Bewohnern eines Viertels gemeinsam bewirtschaftet und auf innerstädtischen Brachflächen angelegt.

Linktipps

Der Landesverband Bayerischer
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Die Bayerische Gartenakademie