26.09.2017 - 14:43 Uhr
Deutschland & Welt

Wie Karl Schraml mit Parkinson lebt Frei werden im Kopf

Als gelernter Masseur kennt Karl Schraml den menschlichen Körper gut. Weiß um einzelne verspannte Muskelgruppen, streift in seiner Ausbildung unterschiedliche Krankheitsbilder und Symptome – auch Parkinson gehört dazu. Jetzt geht Karl Schraml zu seinem Hausarzt, längere Zeit schon will das Zittern seiner Hände nicht aufhören. Der 56-Jährige kann sich keinen Reim darauf machen. Die Diagnose stellt der Doktor noch am gleichen Tag in der Praxis: „Sie haben Parkinson.“ Heute, neun Jahre später, sitzt Karl Schraml in seinem Wintergarten, den paradiesischen Garten im Blick, wohltuend leise plätschert klares Wasser in den kleinen Brunnen. „Es gibt schlimmere Krankheiten, ich darf zufrieden sein.“

von Gesund & VitalProfil

Karl Schraml ist nie krank. Wenn, dann ist es mal eine Erkältung im Herbst, die den selbstständigen Masseur kurzzeitig schwächt, mehr nicht. „Sollte ich wirklich einmal ernsthaft erkranken, dann erwischt es mich wohl richtig“, sagt Karl Schraml schon mal lapidar. Mit 56 Jahren dann seine Diagnose: Parkinson. „Das war ein Schock, hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Innerhalb weniger Wochen ändert sich das Leben von Karl Schraml grundlegend – seinen Beruf kann der Masseur nicht mehr ausüben, die Zukunft wirft eine Vielzahl von beunruhigenden Fragen auf: Wie geht es weiter? Welchen Verlauf nimmt die Krankheit? Was genau bedeutet eigentlich Parkinson? Und was bedeutet Parkinson für mich ganz konkret? „Mein Hausarzt hatte Erfahrung auf dem Gebiet der Neurologie, konnte deshalb sehr schnell die richtige Diagnose stellen, entsprechend rasch wurde ich mit Medikamenten behandelt.“ Das ist alles andere als typisch, bei vielen Menschen, die an Parkinson erkranken, vergeht viel wertvolle Zeit bis zur Diagnosestellung und zum Therapiebeginn. „Nach gut einem halben Jahr war ich medikamentös gut eingestellt, vorbei waren dann die Zeiten, in denen ich nachts schlecht schlafen konnte, weil der Körper permanent auf Anschlag war.“

Wenn Karl Schraml spricht, wird schnell klar, dass sich der 65-Jährige intensiv mit Parkinson auseinandergesetzt hat. „Es hilft nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, sich runterziehen zu lassen und vor sich und der Krankheit davonzulaufen. Meine Erfahrung nach neun Jahren Leben mit Parkinson ist, dass eine positive Einstellung sehr viel Positives bewirken kann. Es geht darum, im Kopf frei zu werden.“ Freiheit, das ist für Karl Schraml tägliche Bewegung, abends durch seinen Garten streifen, 30 Kilometer mit dem Fahrrad zu fahren. Diese eigene Lebensweise in Verbindung mit den Medikamenten, ermöglichen Karl Schraml ein Leben mit hoher Lebensqualität. „Ich nehme drei Mal täglich meine Tabletten, unabhängig davon, wie es mir geht. Die Dosis in schlechten Phasen zu erhöhen, kommt für mich nicht in Frage – soviele Medikamente wie nötig, so wenig wie möglich.“

Gute Phasen, schlechte Phasen. Letztere durchlebt Karl Schraml mit einer gewissen Gelassenheit, denkt nicht daran, was in fünf oder zehn Jahren sein wird, ob seine Bewegungsfreiheit mehr und mehr eingeschränkt sein wird, wie und wo sich die Versteifung der Muskeln bemerkbar machen werden. „Für mich entscheidend ist, dass ich die – wie die Amerikaner sagen – Honeymoonphase genieße, die Zeit jetzt genieße, in der es mir gut geht.“ Dazu zählt auch und gerade sein Garten, der in traumhafter Pracht blüht. „Die Ruhe, die von hier ausgeht, ist wichtig für mich, denn alles, was dazu beiträgt, Stress im Gehirn zu verursachen, begünstigt den Fortschritt der Krankheit; mit mir selbst in Einklang zu sein, hilft mir, zu wissen, was gut und was schlecht für mich ist.“ Und was Karl Schraml gut tut, ist inmitten der blühenden Natur vor der eigenen Haustüre wunderbar zu beobachten.

Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Und gefragt nach seinem Wunsch für die Zukunft, fällt die Antwort von Karl Schraml wenig überraschend aus: „Dass es so bleibt, wie es ist.“

Text und Fotos: Norbert Eimer

Was ist Parkinson?

Neben Alzheimer ist Parkinson eine der häufigsten fortschreitenden Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Die meisten Betroffenen erkranken im Alter zwischen 50 und 79 Jahren. Bei der Parkinson-Krankheit liegt vor allem ein Mangel an dem Nervenbotenstoff Dopamin vor, ursächlich hierfür ist das Absterben spezieller Nervenzellen im Gehirn. Ein Dopamin-Mangel bringt das empfindliche Gleichgewicht der Botenstoffe durcheinander. Die Folgen sind Bewegungsstörungen mit den typischen Symptomen Bewegungsverarmung, bis hin zur Bewegungsstarre, Muskelstarre, Zittern sowie eine instabile Körperhaltung. Eine Heilung ist bislang nicht möglich, allerdings gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, die das Fortschreiten der Erkrankung hinauszögern.

Die Ursachen für eine Parkinson-Krankheit sind bislang nicht bekannt, erste Anzeichen fallen auf, wenn etwa 60 Prozent der dopaminhaltigen Nervenzellen abgestorben sind. Unterschieden werden vier klassische Hauptsymptome:

• Bewegungsverlangsamung (Bradykinese)
• Muskelversteifung (Rigor)
• Zittern (Tremor)
• Störung der Halte- und Stellreflexe (sogenannte posturale Instabilität)

Die Therapie setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen, der Einsatz von Medikamenten zählt zu den wichtigsten. Da es sich bei Parkinson um eine fortschreitende Erkrankung handelt und die Wirkung bestimmter Anti-Parkinsonmittel mit der Zeit abnehmen kann, ist in gewissen Zeitabständen eine Anpassung der Medikamente notwendig.

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