07.01.2016 - 02:00 Uhr
Deutschland & Welt

Zeit wiederholt sich Ella Frenzel aus Haidenaab wird 80 und erinnert sich an ihre Flucht

Ella Frenzel aus Haidenaab feierte am Montag ihren 80. Geburtstag. Mit ihrer Vergangenheit kann die gebürtige Schlesierin die Situation der heutigen Flüchtlinge gut verstehen.

Das Alter sieht man ihr wahrlich nicht an: Die Jubilarin Ella Frenzel (Mitte) im Kreise ihrer Gratulanten (von links), Obst- und Gartenbauvereinsvorsitzender Norbert Veigl, Tochter Christine Frenzel, Bürgermeister Manfred Porsch, Gabi Frenzel, Hubert Stopfer und Gerhard Frenzel. Bild: hia
von Wolfgang HübnerProfil

Haidenaab. "Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, was wir damals durchgemacht haben", erzählt die Jubilarin. Flucht, Vertreibung und die Odyssee über 600 Kilometer sitzen tief. Deshalb könne sie auch sehr gut nachvollziehen, wie es den Flüchtlingen heute geht. Die Parallelen sind bemerkenswert, viele Situationen gleichen sich, sagt sie.

600 Kilometer Flucht

Am 4. Januar 1936 kam sie im schlesischen Lorzendorf, dem heutigen polnischen Wawrenczice, 60 Kilometer östlich von Breslau, auf die Welt. Mit ihrem älteren Bruder Helmut wuchs sie bei den Eltern, den Gutsangestellten Marie und Willi Frenzel, auf. Am 27. Januar 1945 kam dann vom Gauleiter der Evakuierungsbefehl. Mit Pferdewagen und kleinem Gepäck zog die damals Neunjährige mit Mutter und Bruder Richtung Westen. "Es war ein strenger Winter, ich hatte Bauchschmerzen, die Füße froren - aber das interessierte keinen", erzählt sie. Die Familie musste Vater Willi, seit Januar 1945 beim Volkssturm, zurücklassen. Tochter Ella Frenzel weiß bis heute nicht, was aus ihm geworden ist. Über 600 Kilometer musste sie mit Mutter und Bruder bis zur bayerischen Grenze zu Fuß zurücklegen. Über Waldenburg, Pilsen und Bischofsteinitz gingen sie in Eslarn über die Grenze und wurden in Wiesau registriert. "Wie sich heute die Bilder doch gleichen", wirft Frenzel ein.

Nach zahlreichen Zwischenstopps ging es nach Göppmannsbühl. Nahezu ein Jahr hausten um die 30 Leute im Gebhardtschen Saal, der in ein Flüchtlingslager umfunktioniert worden war. Ohne Pomp und Zierrat feierte Ella Frenzel dort ihre Erstkommunion.

Neue abgelehnt

Am Anfang waren die Menschen den Neuankömmlingen gegenüber eher reserviert: "Die Ablehnung war unverkennbar", sagt Frenzel. Nur allmählich respektierten die Einheimischen die "Neuen". Nach einem kurzen Intermezzo in Speichersdorf blieb Frenzel 1946 bis 1970 in Haidenaab. Die Jubilarin besuchte die städtische höhere Handelsschule in Bayreuth und bekam 1952 einen Job als Bürokraft bei einer Firma für Brillenetuis in Goldkronach. Nach drei Jahren wechselte sie zu einer Krankenversicherung, bei der sie bis zum vorzeitigen Ruhestand fast 40 Jahre arbeitete.

Zurück nach Haidenaab

Obwohl sie 1970 bis 2008 ihren Wohnsitz nach Bayreuth verlegte, wo Tochter Christine geboren wurde, hat sie ihre zweite Heimat Haidenaab nie aus dem Auge verloren. Hier erwarb sie 1994 ein "Gartenhaus" und baute mit Hilfe ihres Neffen Gerhard Frenzel aus. Seit 2008 ist es mit Tochter Christine ihr einziger Lebensmittelpunkt. Und so könnte es auch bleiben, wünscht sie sich: "Wenn Gott will, bis zum Alter meiner Mutter, die 96 Jahre werden durfte."

Wie sich heute die Bilder doch gleichen.Ella Frenzel
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