Zugunglück von Bad Aibling
Staatsanwalt will vier Jahre Haft für Fahrdienstleiter

Fahrdienstleiter Michael P. unterhält sich im Landgerichts Traunstein mit Anwältin Ulrike Thole. Bild: dpa
Vermischtes BY
Bayern
03.12.2016
11
0

Fünf Tage Beweisaufnahme, dann die Plädoyers - nun steht im Prozess um das Zugunglück von Bad Aibling das Urteil bevor. Am Montag verkündet das Gericht, ob es den Fahrdienstleiter ins Gefängnis schickt.

Traunstein. In seiner virtuellen Welt tötete er Dämonen mit dem Schwert. Kurz darauf starben beim Zusammenstoß zweier Züge zwölf Menschen. Der im Prozess um das Zugunglück von Bad Aibling angeklagte Fahrdienstleiter muss damit fertig werden, dass er durch sein verbotenes Handyspielen im Dienst und durch das Setzen falscher Signale Leid über viele Familien gebracht hat. Oberstaatsanwalt Jürgen Branz ließ in seinem Plädoyer am Freitag keine Zweifel an der Schuld des Mannes aufkommen. "Er hat den Tod von zwölf Menschen verursacht."

Am Montag will das Landgericht Traunstein sein Urteil verkünden. Die Anklagebehörde fordert vier Jahre Haft für den 40-Jährigen, die Verteidigung hält eine Bewährungsstrafe oder maximal zweieinhalb Jahre Gefängnis für ausreichend. Die Höchststrafe bei fahrlässiger Tötung beträgt fünf Jahre. Immer wieder war im Prozess vom Sondersignal Zs1 die Rede, oft wurde über das "Stellen einer Fahrstraße" geredet. Richter, Staatsanwalt und Verteidiger warfen mit Fachbegriffen wie Zentral- oder Streckenblock um sich.

Seit 10. November hat das Gericht herauszufinden versucht, wer am Zusammenstoß der beiden Nahverkehrszüge vom 9. Februar schuld war. Das Unglück kostete am Faschingsdienstag zwölf Menschen das Leben. 89 wurden verletzt, einige von ihnen so schwer, dass sie ihr Leben lang an den Folgen leiden werden.

Eindrücke vom Unglücksort

Es wurde am Freitag sehr still im Sitzungssaal, als der Staatsanwalt von seinen Eindrücken beim Eintreffen an der Unfallstelle kurz nach dem verheerenden Zusammenstoß berichtete: "Was ich dort gesehen habe, das hat sich bei mir in der Seele festgesetzt. Deshalb muss ich mich zurückhalten, damit ich nicht emotional werde."

Ein Nebenklägervertreter schilderte, dass sein Mandant in einem der Unglückszüge ein sterbendes Opfer in den Armen gehalten habe. Ein anderer Anwalt vertritt eine Frau, die im September ein Kind von einem Mann geboren hat, der beim Zugunglück starb. "Es wird seinen Vater nie kennenlernen", sagte der Anwalt. Nach der Beweisaufnahme besteht kein Zweifel, dass der Fahrdienstleiter eine Fehlerkette aneinandergereiht hat. Er hat es ja selbst gestanden und sich zu Prozessbeginn bei den Hinterbliebenen entschuldigt. Erst verlegte der 40-Jährige das Kreuzen der Züge auf der eingleisigen Strecke entgegen dem Fahrplan vom Bahnhof Kolbermoor nach Bad Aibling. Dann setzte er ein Sondersignal, das er nicht hätte geben dürfen. Dadurch schickte er beide Züge gleichzeitig los. Als er den verhängnisvollen Fehler bemerkte, drückte er die falsche Notruftaste, der Alarm kam nicht in den Zügen an.

Eher strafverschärfend könnte sich auswirken, dass der an sich erfahrene Bahnmitarbeiter bis kurz vor dem Unglück das Fantasy-Spiel "Dungeon Hunter5" auf seinem Handy spielte. Doch heißt es in der Fahrdienstvorschrift der Deutschen Bahn (DB) unmissverständlich: "Mitarbeiter im Bahnbetrieb dürfen Ton-, Funk-, Fernseh- oder Datenverarbeitungsgeräte nur betreiben, wenn dies für das Verrichten der ihnen übertragenen Tätigkeiten erforderlich ist". Fantasyspiele haben ganz sicher nichts mit Arbeiten zu tun.

Unfallstrecke nachrüsten

Im Prozess wurde auch deutlich, dass die Bahn an der Unfallstrecke seit über 30 Jahren eine veraltete Signaltechnik einsetzt. Der Unfallexperte Rüdiger Muschweck vom staatlichen Eisenbahn-Bundesamt sagte aus, dass die Deutsche Bahn eine Vorschrift von 1984, zusätzliche Anzeigen zu installieren, bis heute nicht umgesetzt hat. Die Bahn beruft sich auf die Einschränkung, dass sie dies nur im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten tun muss.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.