16.03.2018 - 13:09 Uhr
Deutschland & Welt

Ein Fußball-Fan erzählt Im Bann der Bayern-Kurve

Egal wo sein Verein spielt, er ist fast immer dabei. Ein extremer FC-Bayern-Fan aus der Oberpfalz packt aus: Wie viel Geld er für seine Leidenschaft schon ausgegeben hat. Und warum es besser ist, in Deckung zu gehen, wenn spanische Polizisten auftauchen.

Bild: Peter Kneffel/dpa
von Julian Trager Kontakt Profil

Er findet es selbst irgendwie dämlich, macht’s aber trotzdem: Tom (Name von der Redaktion geändert) unterstützt den FC Bayern fast immer und überall – egal ob sein Verein in München, Lissabon, Aberdeen oder im ukrainischen Lemberg spielt. Warum er das tut? Tom überlegt kurz, dann lacht er. „Die Frage nach dem Warum darfst du dir nie stellen. Weil sonst musst du zwangsweise zu dem Ergebnis kommen: Es ist kompletter Bullshit.“

Denn: Es kostet Geld. Wie viel er bisher ausgegeben hat? „Ist mit Sicherheit ein Haus.“ Es raubt viel Zeit. In den besten Jahren seien 15 Urlaubstage allein für Auswärtsspiele draufgegangen. Es ist anstrengend. „Fürs Champions-League-Finale 2010 in Madrid sind wir am Freitag in der Früh mit einem Neun-Sitzer los. 23 Stunden Fahrtzeit, einfach.“

Ultra Gruppen

Oft werden Ultras mit Hooligans gleich gesetzt – zu unrecht. „Hooligans sind nur aufs Boxen aus“, sagt Tom. Ultras beschäftigen sich die ganze Woche damit, was sie im Stadion machen, wie sie ihren Verein inszenieren. „Was die in der Freizeit leisten, ist abartig – im positiven Sinne.“ Freilich gebe es auch negative Seiten. Bei manchen Ultra-Gruppen gehöre Gewalt dazu. Findet Tom nicht gut: „Hass und Gewalt haben beim Fußball und im Stadion nichts verloren.“

Hoeneß: „Für die Scheißstimmung seid ihr doch verantwortlich!“

Und wer dankt es einem? Niemand. „Du wirst nie was vom Verein hören. Teilweise springen’s sogar unter aller Kanone mit dir um.“ Tom meint Uli Hoeneß, der einmal auf einer Jahreshauptversammlung Richtung Fans schimpfte: „Für die Scheißstimmung seid ihr doch verantwortlich!“ Und trotzdem: Der 34-Jährige ist fast immer im Stadion, wenn sein FC Bayern spielt. 555 Mal, bis jetzt. Zählt er die Auswärtsfahrten im Europapokal zusammen, kommt er auf 139 352 Reisekilometer. Das sind dreieinhalb Erdumrundungen.

Also noch mal: Warum tut er das? In erster Linie ist da der Sport und natürlich der Verein. „Das ist mein Verein“, sagt Tom. Später ging es um die Freundschaften, die in der Fankurve entstanden sind. „Keine normalen Freundschaften. Da triffst dich Samstag in München, Mittwoch in Barcelona und Samstag in Hamburg.“

Schönstes Stadion

Tom braucht nicht lange überlegen: „Das Bernabéu in Madrid ist unerreicht.“ Vor allem wegen den „brutal steilen“ Rängen. „Ich mag diese alten, geschichtsträchtigen Stadien.“ Die hätten noch Flair. Im Gegensatz zu den neuen Arenen: „Diese 08/15-Stadien wie in Ingolstadt oder Regensburg haben nichts Individuelles mehr.“ Oder Donnerstag in Portugal. So wie 2007 bei Belenenses Lissabon – als die Bayernfans den Blockzaun zum Einstürzen brachten. „Nach einem Tor sind wir auf den Zaun gekraxelt, der in der alten Bruchbude einfach umgefallen ist.“ Für die Fans eine Gaudi, für die Polizisten nicht. „Die dachten wir wollen den Platz stürmen.“ Passiert sei aber nichts. Spanische Polizisten seien weniger tolerant. Eher: „Brutal aggressiv“. „Die sind bekannt, dass sie schnell den Knüppel rausziehen.“ Mit der Zeit hat Tom bei Auswärtsspielen einen Rundumblick entwickelt: „Wenn du siehst, dass die spanischen Polizisten sich sammeln, das Visier vom Helm runterziehen, heißt es: Deckung.“ Tom war auch im Stadion, als die Polizei im April 2017 auf Bayernfans einknüppelte. „Ich war aber im Block nebenan.“

Bombenanschläge in Madrid

2004 war er ebenfalls in Madrid – als bei Bombenanschlägen auf vier Züge 191 Menschen starben. Einen Tag zuvor spielte der FC Bayern gegen Real Madrid. Sein Hotel war einen Kilometer vom Bahnhof Atocha entfernt, wo sieben von zehn Sprengsätzen explodierten. „Ein mulmiges Gefühl“, sagt Tom, leiser als sonst. Viel schöner in Erinnerung: Das siegreiche Champions-League-Finale 2013 im Wembley-Stadion in London. Oder die Fahrt nach Lemberg in die Ukraine, wo im Osten bereits Krieg herrschte. „Davon haben wir nichts gemerkt. Wir haben nur gemerkt, dass es schweinekalt war.“ Ansonsten hat sich die Reise gelohnt: Freundliche Menschen, gutes Essen und eine schöne Altstadt. Auch ein Grund, warum er auswärts so oft dabei ist. „Du kommst ein bisserl in der Welt herum.“ In 14 Länder ist Tom seinem Verein bereits gefolgt.

Beste Stimmung

„Mir hat es in Neapel am besten gefallen“, sagt Tom. Aber auch die Briten beeindrucken ihn: „Wenn die laut sind, dann richtig – und alle.“ In Deutschland schaue es dagegen eher mau aus. „Es gibt bei uns keine richtig gute Kurve mehr.“ Vielleicht nur noch in Frankfurt und Stuttgart. Seit 18 Jahren schaut der Oberpfälzer Bayern-Spiele. In der Saison 2004/05 waren es 51 Spiele. In der Zeit hat er bei den großen Stadion-Choreografien mitgeholfen, viel Zeit auch außerhalb des Stadions investiert. „Das war eine Lebenseinstellung“, sagt Tom. Ähnlich wie bei den Ultras heute. Aber: „Ich bin kein Ultra. Ich war nie vollwertiges Mitglied in der Schickeria. Ich bin Fan.“

Ein kritischer Fan, der mittlerweile einen distanzierteren Blick auf den Fußball entwickelt hat – der habe sich doch stark verändert. Nicht immer zum Guten: „Die Sportart schafft sich momentan selber ab.“ Es gehe immer weiter in Richtung Event. Zwei Beispiele vom letzten Spieltag der vergangenen Saison, von der Meisterfeier: Go-Pro-Kameras an den Weißbiergläsern und ein Halbzeitauftritt von Popstar Anastacia, der den Wiederanpfiff verzögerte. „Lauter so Scherze, wo du dich fragst: Warum? Muss das sein?“

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