Ambulanzflüge als Kerngeschäft der FAI rent-a-jet AG in Nürnberg
In jeden Winkel der Welt

Die Statistik besagt, dass in der Notfallmedizin die Zahl der traumatischen Fälle relativ gering ist. Wir hingegen haben einen relativ hohen Anteil von Traumapatienten.
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Bayern
27.04.2013
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Ein Anruf um 4 Uhr. Für Volker Lemke kein Problem: Er wird immer drangehen. Das nächtliche Klingeln bedeutet Schwierigkeiten. Vielleicht ist die Crew gerade auf irgendeinem Provinzflughafen in Asien gelandet und die dortigen Behörden verweigern ihr das Einreisevisum. Dann hebt die Maschine ab in Richtung Hauptstadt, landet dort. Die Crew bekommt das Visum, startet in die Provinz, die ursprünglich direkt hätte angeflogen werden sollen. Der Umweg kostet Zeit - und natürlich auch Geld.

Volker Lemke ist Vorstandsmitglied der Flight Ambulance International (FAI) mit Sitz am Nürnberger Flughafen. Nächtliche Anrufe sind für den gebürtigen Freiburger keine Seltenheit, ganz im Gegenteil. Dass ihn das Klingeln des Handys weckt, daran hat er sich gewöhnt. Denn die Jets der Gesellschaft sind rund um die Uhr, rund um den Globus unterwegs.

Unter den "Top 5"

Rund 150 Anbieter von Ambulanzflügen gibt es weltweit, die meisten davon, "locker 70 bis 80", sitzen in den USA. Die FAI hat einen Spitzenplatz unter allen, "wir sind unter den Top 5", sagt Volker Lemke. Doch das ist der Lohn harter Arbeit. Als er vor achteinhalb Jahren in das Unternehmen eingetreten war, hatte die FAI im Ambulanzflugbereich zwei Jets im Betrieb, ein dritter war gerade gekauft worden. "Jetzt haben wir sechs und drei Ersatzmaschinen." Fünf davon sind in Nürnberg stationiert, der sechste ist in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate). "Mit sechs Jets haben wir eine der größten Flotten weltweit", sagt Lemke über das Kerngeschäft der FAI. Kein Ziel ist den Nürnbergern zu weit, kein Land zu entlegen: Sie fliegen nach Feuerland, nach Neuseeland, nach Japan, in die entlegensten Winkel der Erde.

Regierungen als Kunden

Volker Lemke spricht von einer breiten Kundenbasis im Ambulanzflugbereich. Zum einen sind es Versicherungsgesellschaften, die ihre verletzten Kunden, also Urlauber, zurückholen lassen. Andererseits sind FAI-Jets aber auch für Regierungen oder Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) im Einsatz, falls deren Mitarbeiter irgendwo auf der Welt schwer erkranken und in der Heimat behandelt werden müssen. "Da kann es sein, dass wir einen Patienten aus dem Jemen zurück in die USA fliegen", erklärt Lemke. Auch große Firmen beauftragen die FAI. "Manche von denen haben in Afrika riesige Camps, wo 1500 Menschen arbeiten. Sie haben zwar eigene Kliniken, aber dort kann nicht alles behandelt werden." Auch dann werden Menschen ausgeflogen, beispielsweise nach einem Herz- oder Hirninfarkt.

Und natürlich gibt es auch sehr betuchte Menschen, die sich zur Behandlung in die USA fliegen oder einen Angehörigen, der in einem Krankenhaus in seinem Heimatland liegt, zur weiteren Versorgung nach Nordamerika oder Europa bringen lassen. Geschieht irgendwo auf der Welt ein Unglück, dann dauert es nach Lemkes Worten ein bis zwei Tage, bis erste Anfragen kommen. Er erzählt von einem schweren Busunfall in Thailand. 32 Deutsche wurden verletzt, gottlob gab es keine Toten. "Allein wir haben acht Schwerstverletzte ausgeflogen."
So unterschiedlich die Ziele sind, so breitgefächert ist auch das medizinische Spektrum. "Die Statistik besagt, dass in der Notfallmedizin die Zahl der traumatischen Fälle relativ gering ist. Wir hingegen haben einen relativ hohen Anteil von Traumapatienten." Es sind Verletzungen und Erkrankungen von A bis Z: Sie reichen von Sportverletzungen über Jet-Ski-Unfälle, von Tropenkrankheiten bis zu Verbrennungen. In Afrika erkrankt ein Urlauber an Malaria, irgendwo anders fällt ein Tourist in den leeren Swimmingpool des Ferienressorts. "Das geht wirklich von der Frühgeburt bis zum Suizidversuch", erklärt Lemke.

Kommt eine Anfrage in der FAI-Zentrale rein, wird zunächst die Verfügbarkeit geprüft. Wird der Auftrag angenommen, geht es an die Erstellung des Zeitplans. "Um die Flüge kümmern sich die Dispatcher, sie machen komplett alles." Will heißen: die Flugplanung, die Überfluggenehmigungen, die Betankungen, die Ausfluggenehmigung, manchmal auch diverse Sondergenehmigungen.

Von Dubai nach London

An diesem Tag sind drei FAI-Jets gerade auf Ambulanzflügen unterwegs. Eine fliegt von Teheran nach Delhi und bringt den Patienten nach Stockholm. Eine zweite Maschine ist von Luxor in Ägypten nach Mauritius unterwegs, eine dritte hat ein Kind an Bord, das von Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten ins britische London verlegt wird. Nicht selten, dass die FAI kleine Patienten fliegt. "Der Anteil an Kindern ist relativ hoch", sagt Lemke. Für den Transport von Frühgeborenen ist ein Inkubator an Bord.

Volker Lemke hat sich längst daran gewöhnt, dass Unvorhergesehenes passiert. Zum Beispiel, dass der Zustand des Patienten anders ist, als er gemeldet wurde. Ob der Betreffende flugtauglich ist, entscheidet der Flugarzt. Mediziner, die für die FAI fliegen, müssen laut Lemke Facharzt-Reife in den Gebieten der Inneren Medizin, der Anästhesie oder der Unfallchirurgie sowie die Zusatzbezeichnung Rettungsmedizin haben. Viele von ihnen haben den Kurs Interhospitaltransfer der Deutschen Deutsche Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) absolviert. Kommuniziert wird meist in Englisch. "Das ist unsere Hauptsprache, weil mehr als 95 Prozent unserer Auftraggeber nicht deutschsprachig sind."
In Gesprächen mit Ärzten und Rettungsassistenten hört Lemke immer wieder, dass denen die Tätigkeit gefällt. "Ambulanzflüge sind ein sehr faszinierender Bereich." Es sei ein anspruchsvolles medizinisches Spektrum "und man kommt in jede Ecke der Welt". Sein Handy klingelt, es ist später Vormittag - und kein Notfall. Doch Volker Lemke weiß, dass es mit dem nächsten Klingeln schon wieder ganz anders ausschauen kann.
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