02.07.2017 - 20:44 Uhr
Deutschland & Welt

Firmen denken angesichts Fachkräftemangel um Alter Hase statt Greenhorn

"Erfahren" und nicht "alt": In einigen Unternehmen findet ein Bewusstseinswandel statt - ältere Kollegen werden zunehmend wertgeschätzt. Das ist angesichts der demografischen Entwicklung auch bitter nötig. Viele Firmen haben jedoch noch Nachholbedarf.

In vielen Branchen mangelt es an Fachkräften, um freie Stellen zu besetzen. Für viele Firmen ist dies das Signal, ihre älteren Beschäftigten möglichst lange fit zu halten. Bild: Jens Kalaene/dpa
von Agentur DPAProfil

Nürnberg. Sie haben viele Jahre Berufserfahrung, sind loyal gegenüber ihrer Firma und souverän in Kundengesprächen: Ältere Kollegen sind für viele Unternehmen enorm wichtig. Auch wenn sie körperlich weniger belastbar sind und ihre Ausbildung lange zurückliegt, müssen sich die Firmen Gedanken machen, wie sie ältere Kollegen länger im Betrieb halten - oder sogar neu anlocken. Denn aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte bald rapide zurückgehen - in einigen Branchen ist ein Fachkräftemangel bereits spürbar.

Einige Betriebe haben das Problem erkannt und bereits Gegenmaßnahmen ergriffen. Der Großteil der Firmen habe jedoch noch Nachholbedarf, sagt Rudolf Kast, Chef des Demografie-Netzwerks: "Zwei Drittel der Unternehmen müssen noch ganz viel tun für ihren Wandlungs- und Bewusstseinsprozess."

Vor allem große Konzerne wie BMW, Deutsche Bahn, Telekom und Deutsche Bank hätten das "Demografie-Problem" verstanden. Kleinere Firmen und vor allem Handwerksbetriebe hätten mehr Probleme. "Das operative Geschäft steht immer im Vordergrund. Der Prozess des Nachdenkens kommt dann meist erst aus der betrieblichen Not heraus - und die ist mittlerweile groß."

Weit über 6 Millionen fehlen

Kast sagt: "Konservativ gerechnet verlieren wir 6,5 Millionen Fachkräfte bis 2030 aus der Regelbeschäftigung heraus in die Rente." Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung rechnet: Selbst bei 200 000 Zuwanderern pro Jahr werde 2060 die Zahl der Erwerbsfähigen um rund 6,9 Millionen niedriger liegen.

Dabei ist in den vergangenen Jahren die Zahl der älteren Beschäftigten laut Bundesagentur für Arbeit bereits stark gestiegen. Inzwischen ist etwa die Hälfte der 55- bis 65-Jährigen noch berufstätig. Auch international gesehen hat Deutschland damit einen großen Sprung gemacht, wie eine Studie der Beratungsgesellschaft PwC ergab. Arbeitnehmer würden zunehmend wertgeschätzt, zudem hätten die Hartz-Reformen Druck ausgeübt. Auch die gute Lage am Arbeitsmarkt dürfte geholfen haben.

Nachholbedarf gebe es noch bei der Quote der 65- bis 69-Jährigen. Sie befinde sich trotz deutlicher Fortschritte bei "international mäßigen" 15 Prozent. Auch beim tatsächlichen Renteneintrittsalter (2015: durchschnittlich 62,8 Jahre) und bei der Weiterbildung Älterer liegt Deutschland nur auf Platz 20. Es gelte immer noch, hartnäckige Vorurteile abzubauen, sagt Raspels - etwa, dass sich Fortbildung nicht mehr lohne. "Langsam aber sicher klärt sich das Bild dahingehend auf, dass man ein Leben lang lernen kann", sagt Kast.

Statt des aktuellsten Fachwissens hätten ältere Mitarbeiter "Erfahrungswissen, sagt Kast. "Sie wissen um Prozesse und Abläufe in Unternehmen. Sie wissen, an welchen Strukturen muss ich andocken, um Projekte zum Erfolg zu bringen." Der Gesetzgeber habe seinen Teil mit Einführung der Flexi-Rente getan. Nun seien die Arbeitgeber gefordert, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass es Älteren Freude mache, länger zu arbeiten. Eigene Gestaltungsmöglichkeiten und Flexibilität spielten hier eine große Rolle. Die Möglichkeiten reichen von Altersteilzeit über Homeoffice bis zu Sportangeboten.

Die Deutsche Bahn etwa hat vor vier Jahren einen "Demografie-Tarifvertrag" geschaffen. Ältere Kollegen mit besonders belastenden Tätigkeiten können ihre Arbeitszeit beispielsweise auf 81 Prozent verringern. Ihr Gehalt wird aber vom Arbeitgeber auf 90 Prozent aufgestockt.

Angebot wird angenommen

Ein Erfolgsmodell: Seit Ende 2015 habe sich die Zahl der Mitarbeiter, die die besondere Teilzeit im Alter nutzen, verdreifacht - von 504 auf 1500. Auch Lokführer Martin Seibert aus Amberg hat seine Arbeitszeit vor vier Jahren auf 80 Prozent reduziert. "Das war ohne Probleme möglich", sagt der 64-Jährige. Wenn er irgendwann in Ruhestand geht, würde er "weiter machen, solange man mich brauchen kann", sagt Seibert. Ein wenig Arbeit gehöre für ihn zum Leben dazu. "In der Generation über 50 stecken unwahrscheinliche Potenziale, die von vielen Unternehmen nicht genutzt werden", meint er.

Ältere Beschäftigte

Die Zahl der Älteren, die noch berufstätig sind, steigt seit Jahren. Betrachtet man die Gruppe der 55- bis 65-Jährigen, so hatten 2012 nur etwa 42 Prozent eine Beschäftigung. 2016 waren es schon 50 Prozent. Schaut man sich die Altersgruppen etwas genauer an, ergibt sich folgendes Bild: Bei den "jüngeren Älteren", den 55- bis 60-Jährigen, stieg die Beschäftigungsquote von 53 Prozent 2012 auf 60 Prozent 2016. Und bei den Älteren (60-65 Jahre) von 30 auf etwa 37 Prozent.

In absoluten Zahlen hatten im vergangenen Jahr 5,7 Millionen Menschen zwischen 55 und 65 Jahren eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. 2012 waren es etwa 4,5 Millionen. In der Gruppe der 55- bis 60-Jährigen stieg die Zahl von 2,9 auf 3,6 Millionen; bei den 60- bis 65-Jährigen nahm die Zahl der Menschen mit regulärem Job von 1,5 auf 2 Millionen zu.

Besonders viele Beschäftigte zwischen 60 und 65 Jahren gibt es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in internationalen Organisationen, Bibliotheken, Museen und Archiven sowie in der öffentlichen Verwaltung. Nur schwach vertreten sind die Älteren unter Tierärzten, in Werbung und Marktforschung sowie in Film und Fernsehen. (dpa)

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