17.11.2017 - 20:00 Uhr
Oberpfalz

Knisternde Spanung Das neue Rolf Kühn Trio beim Festival "Jazz November" in Bayreuth

88 Jahre ist Rolf Kühn mittlerweile alt. Seit gut 75 Jahren spielt er Klarinette und übt immer noch jeden Tag mindestens zwei Stunden. Er war von 1958 bis 1960 Mitglied der Benny-Goodman-Band und hat den Jazz in all seinen Facetten mitgestaltet. Die Legende lebt!

von Louis ReitzProfil

Tosender Applaus! Rolf Kühn betritt die Bühne im voll besetzten Becher-Saal und gesteht, dass dies sein erster Auftritt in Bayreuth sei. Wie kein anderer, neben Albert Mangelsdorff, hat er dem deutschen Jazz ein Gesicht gegeben. Er lässt sich in keine Schublade pressen und wartet mit einem völlig neuen Trio auf. Klarinette, Cello und brasilianische Perkussion, wie passt das zusammen? Fantastisch!

Der Naturklang des Holzblasinstruments harmoniert perfekt mit dem Cello, dezent gespielte Perkussionsinstrumente bereichern durch Klangfarben und Klangnuancen. Mit viel Luft und Pausen, Kontrasten und dynamischen Abstufungen entstehen Klanggemälde voller Spannung und wecken Emotionen. Die Klarinette intoniert ein Thema, fast unmerklich gesellt sich das Cello hinzu, ein Dialog entwickelt sich, kommentiert von einem Arsenal von Klangerzeugern. Melodien verweben sich, treffen sich zu gemeinsamen Phrasen, nichts ist vorhersehbar.

Hintergründige Statements

Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Mit hintergründigen Statements und Kommentaren in den Zwischenansagen illustriert Kühn seine Musik und sorgt für eine lockere, ungezwungene Atmosphäre, in der auch schwere Ton-Kost zum Hörgenuss wird. Rolf Kühns Tongebung auf der Klarinette ist einzigartig, seine Kompositionen wurzeln im Vermächtnis von Jimmy Giuffre, der in den 50er Jahren die Klarinette in den modernen und freien Jazz transponierte und Grenzen zwischen Klassik und Jazz auflöste.

Kühns Komposition "Lion's Speech" kennt man in unzähligen Versionen, aber mit dem neuen Trio wirkt sie frisch und unverbraucht, oder nach Kühns eigenen Worten "ganz anders". Getreu Duke Ellingtons Motto "It don't mean a thing, if it ain't got that swing" pulsiert der Swing durch alle Stücke, angereichert mit einer gehörigen Portion Blues-Gefühl. Kühns Kompositionen sind melodiös, fast mitsingbar und trotzdem frei angelegt. Gemeinsame Themen werden elegant intoniert, dazwischen gibt es viel Freiraum für die individuelle Ausgestaltung.

Die Cellistin Asja Valcic stammt aus Zagreb und lebt seit Jahren in Wien. Sie kommt von der Klassik und beherrscht ihr Instrument auf höchstem Niveau. Sie setzt alle Techniken und Klangfarben gezielt ein: Arco-, Pizzicatospiel, und Flageoletti wechseln wie selbstverständlich, es gibt elegische Melodielinien und rasende Tonkaskaden, aber auch Akkorde und swingende Bass-Linien, angereichert mit perkussiven Elementen.

Ein Klangforscher

Eine klangliche Bereicherung ist auch der brasilianische Perkussionist Amoy Ribas, der in Berlin lebt. Mit einem Instrumentarium, das aus Trommeln, Becken, Congas, Tamburin und unzähligen anderen Klangerzeugern besteht, unterlegt er den Kompositionen Rhythmen, die in die Beine gehen. Er unterstützt und kontrastiert und baut seine eigenen Klangvorstellungen ein. Selbst eine Whiskeyflasche, deren Tonhöhe sich durch einige Schlücke ändert, wird eingesetzt. Das alles zeigt musikalischen Geschmack und Einfühlungsvermögen, ohne dabei seine brasilianischen Wurzeln zu vergessen. Ein Klangforscher und Improvisator an der Arbeit, wobei der Groove aber nicht zu kurz kommt.

Ausklang am Piano

Bei Randy Newmans Komposition "Dexter's Tune", dem letzten Stück im Programm, setzt sich Rolf Kühn ans Klavier und überlässt die melancholische Melodie dem Cello. Ausdrucksvoll und fast romantisch zelebriert Asja Valcic die Melodie aus dem Film "Zeit des Erwachens" . Ein spannender Abend voller Emotionen geht zu Ende, ein Konzert ohne Längen oder Schwachpunkte, eine Sternstunde im Bayreuther "Jazz-November", der nun schon zum elften Male über die Bühne ging. "Wenn ich in zehn Jahren wiederkomme, werde ich noch einige Zugaben einüben", so verabschiedet sich der Meister. Bis dahin bleibt uns ja noch seine aktuelle CD "Spotlights", ein Album, das Rolf Kühn mit unterschiedlichen Besetzungen in Höchstform zeigt!

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