Innovative Diagnostik von Bayreuther Forschern
Bei Krebszellen auf der Suche nach der Wahrscheinlichkeit

Vor dem Prototypen zur automatischen Analyse der Blutproben: Das Mitglied der Simfo-Geschäftsführung Dr. Stefan Schuster und der ärztliche Mitarbeiter, Molekularbiologe Daniel Lux (von links). Bild: cf
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Bayreuth
22.08.2017
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Jeder Tumor gibt Zellen ins Blut ab: Die Bayreuther Forschungs- und Entwicklungseinrichtung Simfo liefert als onkologisches Diagnostik-Zentrum Anhaltspunkte, welche Medikamente auf die sogenannten "zirkulierenden Zellen" in der Blutbahn wirken können. Das Unternehmen besitzt mit dieser Methode weltweit eine Alleinstellung.

Bayreuth/Weiden. Aus mehr als 40 Ländern - von Australien bis Brasilien - analysieren die Spezialisten aus Bayreuth jährlich etwa 10 000 bis 12 000 eingesandte Blutproben. "Wir testen unter anderem die Wirksamkeit von Medikamenten an zirkulierenden Zellen", sagt der Molekularbiologe Daniel Lux. An der Kurpromenade - direkt gegenüber der Lohengrin-Therme - hat das auf "Spezielle Immunologie, Forschung und Entwicklung" fokussierte Unternehmen seinen Sitz.

Das in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Institut erhielt von der EU die Auszeichnung als sogenannter SME-Instrument Champion als eines der innovativsten Biotech-Unternehmen in Europa, berichtet Dr. Stefan Schuster, verantwortlich für die Unternehmensentwicklung. Simfo arbeitet eng zusammen mit der Universität Bayreuth, dem Klinikum Bayreuth, der Universität Jena und dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg. Das von Simfo entwickelte Verfahren ("maintrac") basiert nach Angaben von Dr. Schuster auf 16 klinischen Studien mit insgesamt 950 Patienten in den vergangenen 12 Jahren: "Die Datenlage ist sehr gut." Dem jüngsten Auftritt beim weltgrößten Biotech-Kongress, der "Bio-Convention" in San Diego, gingen zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen voraus. Auf enormes Interesses stießen die Präsentationen der Bayreuther Wissenschaftler auch beim weltweit wichtigsten Krebs-Kongress, dem ASCO in Chicago.

Chance auf "Alarm"

Jeder Tumor gibt Zellen in die Blutbahn ab. Die "zirkulierenden epithelialen Tumorzellen" können selbst noch nach vielen Jahren zur Bildung der gefürchteten Metastasen beitragen, auch wenn der Krebs bereits als besiegt galt.

Neben der reinen Zell-Zählung versucht Simfo, die Wirksamkeits-Wahrscheinlichkeit von Medikamenten an den zirkulierenden Tumorzellen zu bestimmen sowie spezielle Oberflächen-Eigenschaften auf den Zellen zu charakterisieren. "Die Wirkstoff-Testung bietet uns die Möglichkeit, den Onkologen und den behandelnden Ärzten die für die Therapie wahrscheinlich wirksamsten Medikamente zu empfehlen. Im Optimalfall können wir - aufgrund der Zunahme der Zellenzahl - Patienten frühzeitig auf eine wiederauftretende Krebs-Aktivität aufmerksam machen."

Angesichts der so komplexen, hochsensiblen und sehr schwierigen Thematik sehen Daniel Lux und Dr. Stefan Schuster mit ihrer Diagnose-Möglichkeit über Blutproben ein "Individualisierungs-Werkzeug" für Krebs-Therapien: Gerade in der Ergänzung zur Chemo, die es bei bestimmten Krebsarten gerade mal auf eine Erfolgsquote von fünf bis zehn Prozent bringt. Die beiden Wissenschaftler sprechen vorsichtig zurückhaltend "vom Nachweis eines Zusammenhangs zwischen der Sensitivität der Zellen und dem Ansprechen der Medikamente". Eine neue Studie untermaure diese Zuversicht.

"Den Fuß in der Tür"

Neben der Wirksamkeits-Testung von Medikamenten an den Zellen wird in Bayreuth schon länger die Methode praktiziert, in Echtzeit die "lebendigen" Zellen über eine Blutprobe zu "zählen". Lediglich eine Firma in den USA beschreite einen "ähnlichen Weg". In der Regel müssen ansonsten direkt aus dem Tumor Gewebeproben (Biopsie) entnommen werden. Dr. Schuster und Lux erklären, dass die wiederholten Messungen dito Zählungen (viermal im Jahr) über Blutproben eine Diagnose erlauben, ob die medizinisch festgestellte Krebserkrankung "zur Ruhe gekommen ist oder nicht".

Die tückisch im Blut "zirkulierenden Zellen" werden vom körpereigenen Immunsystem nicht zerstört und können Jahrzehnte wie "Schläfer" überdauern. Eine signifikante Erhöhung der Anzahl dieser Zellen gilt den beiden Simfo-Experten als Alarmsignal. "Gibt es Tumor-Aktivität, ja oder nein? Wir haben dann mit unseren Daten quasi den Fuß in der Tür." Angesichts von rund 40 000 manuell ausgeführten Blut-Diagnosen in den vergangenen Jahren wächst bei Simfo der Druck zur Automatisierung. Wegen der hohen Qualitäts-Anforderungen und -Sicherung will Dr. Schuster die Tests zunächst weiter in Bayreuth durchführen.

Simfo GmbHDas auf das Testen der Wirksamkeit von Wirkstoffen sowie Zell-Zahl-Bestimmung/-charakterisierung spezialisierte Institut Simfo zählt rund 20 Mitarbeiter. Die Diagnostik wird noch nicht von den Gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, und stellt eine Individuelle Gesundheitsleistung (Igel) dar. Unter dem Dach der Arbeitsgemeinschaft Transfusionsmedizinisches Zentrum Bayreuth (TZB) arbeiten Simfo und das Medizinische Fachlabor Dr. Pachmann bei der Krebs-Überwachung zusammen. (cf)


Im Optimalfall können wir - aufgrund der Zunahme der Zell-Zahl - Patienten frühzeitig auf eine wiederauftretende Krebs-Aktivität aufmerksam machen.Dr. Stefan Schuster, Mitglied Simfo-Geschäftsführung
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