30.08.2014 - 00:00 Uhr
BechtsriethOberpfalz

Erstes Tattoo mit 74 Jahren: Anneliese Rötzer erfüllt sich Jugendtraum Gestochen scharf im Alter

Zwei Puppen sitzen im dunkelbraunen Schaukelstuhl. An der Wand hängt ein gesticktes Bild. Gegenüber ragt die dunkelbraune, rustikale Schrankwand in die Höhe. Davor stehen der passende Holztisch und moosgrün bezogene Stühle. Auf einem davon sitzt eine ältere Frau mit grauem, lockigem Haar. Anneliese Rötzer schiebt lächelnd den rechten Ärmel ihrer Bluse hoch. Gestochen scharf ziert eine kleine schwarze Rose ihren rechten Unterarm - ein Tattoo.

von Anne Spitaler Kontakt Profil

Das Ungewöhnliche: Sie hat es sich erst mit 74 Jahren stechen lassen. Jetzt ist sie 75 und findet es noch immer schick. Das Tattoo war ein Geschenk ihrer Familie. "Ich dachte erst, die wollen mich auf die Schippe nehmen, und dann: Jetzt zeig ich's ihnen, schauts ner her", kichert Rötzer.

Den Enkeln und Kindern hat sie immer wieder mal von ihrem Jugendtraum erzählt: eine dezente, schwarze Rose auf der Haut. "Als ich jung war, wollte ich schon immer ein kleines "Roserl", aber damals fehlte mir das Geld dafür." Zu der Zeit habe es noch weniger Menschen mit Tätowierungen gegeben. "Mein Schwager kam tätowiert aus dem Krieg zurück. Und auch eine Schulfreundin hat sich eines stechen lassen."

Straffe Haut

Das Rosen-Motiv hat sie gewählt, weil es sie an den Blumen-Garten aus ihrer Kindheit erinnert. Die Körperstelle hat die pfiffige Oma bewusst gewählt: "An der Schulter sieht's ja keiner, wenn ich ein T-Shirt anhabe. Am Unterarm ist die Haut schön straff. Da kann die Rose gar nicht runzelig werden." Die 75-Jährige lacht. Sie ist stolz auf ihr Schmuckstück.

Der elfjähriger Enkel hat beim Tätowieren die Hand der Oma gehalten. Er habe gehört, dass es weh tut. Ihre Lachfältchen werden noch ein wenig tiefer. "Der Tätowierer fand mein Alter ungewöhnlich und hat ein Foto für die Internetseite gemacht." Ein zweites Tattoo will sie nicht.

"Ich finde es nicht schön, wenn alles so voll ist. Das gefällt mir nicht. Aber jeder kann machen was er will." Die Dorfbewohner nehmen Annelieses Tätowierung gelassen und mit Humor. "Bis jetzt hat keiner was Abfälliges zu mir gesagt. Die meisten Menschen lachen und finden das Gesamtbild schön."

Dass die Seniorin ein abenteuerlustiger Mensch ist, der viel ausprobiert, zeigt nicht nur die Tätowierung. Das handgeschnitzte Nashorn im Regal weckt Erinnerungen bei ihr. "Ich habe die halbe Welt gesehen, war zweimal in Afrika, in Kuba und Tunesien. Alles weiß ich gar nicht mehr." So weite Reisen macht sie jetzt nicht mehr. Sie geht lieber in den Wald, um Kraft zu tanken, und radelt durch die Gegend. Mit einem "Pfiat di, Servus" schwingt sie sich aufs Rad. "Natürlich kein E-Bike", wie sie sagt, "Ich will schon richtig strampeln." Wohin sie heute fährt, weiß die 75-Jährige noch nicht.

5000 Stiche pro Minute

So offen wie Anneliese Rötzer haben noch mehr Menschen aus der Region mit unserer Zeitung über ihre Tattoos und die Geschichten, die dahinter stecken, gesprochen. Was sie dazu bewegt, sich Farbe unter die Haut bringen zu lassen, und wer ihnen 800 bis 5000 Mal pro Minute in die Haut sticht, lesen Sie in der Online-Story im Oberpfalznetz.

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http://www.oberpfalznetz.de/tattoo

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