16.09.2020 - 12:20 Uhr
BesserWissen

Unterwegs mit einem City-E-Bike

City-E-Bikes sieht man oft nicht an, dass in ihnen Motor und Akku verbaut sind. Man radelt also, gewollt oder ungewollt, im Tarnlook. Und erweitert dank Tretunterstützung den Radius. Ein Testbericht.

Form für alle: Den Trapezrahmen bewirbt der Hersteller mit „unisex“. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
von Agentur DPAProfil

Berlin (dpa/tmn) - Einst galten sie als uncool und hatten ein Rentner-Image: City-E-Bikes. Sie trugen klobige Akkus auf ihrem Gepäckträger oder am Sitzrohr und sahen lahm aus.

Mit dem technischen Fortschritt sind die elektrischen Komponenten aber immer kleiner geworden und konnten fast unsichtbar integriert werden. Das hat die City-E-Bikes für einen größeren Kundenkreis interessant gemacht.

Manche Hersteller betonen den erweiterten Aktionsradius, der sich der Motorisierung verdankt - und in Verbindung mit einer jüngeren Zielgruppe damit die Pendlerqualitäten der Räder. So zum Beispiel der estnische Hersteller Ampler, der sein entsprechendes Modell Stellar als „smarten Stadt-Commuter“ vermarktet. Commuter ist die englische Bezeichnung für Pendler.

- Der Einsatzzweck: Ampler zielt mit dem Stellar auf Radler, die tagein, tagaus von A nach B müssen - zur Arbeit, zum Supermarkt und zügig wieder zurück. Das Modell sei „für schnelle Fahrten im Stadtverkehr als auch für langsame Wochenendfahrten auf unbefestigten Straßen ausgelegt“, sagt Ampler-Sprecherin Tuuli Jevstignejev. Den Trapezrahmen bewirbt Ampler als „unisex“. Das passt in die Zeit.

- Die Technik: Die Akkuzellen sind im Rahmenrohr versteckt, es gibt kein verräterisches Display am Lenker. Auch den Einschaltknopf sowie die Ladebuchse am unteren Ende des Sitzrohres entdeckt man nicht sofort. Den Schub gibt ein Heckmotor in der Hinterradnabe mit gängiger Durchschnittsleistung von 250 Watt und 40 Newtonmeter (Nm) Drehmoment.

- Untypisch für ein E-Bike: Es gibt nur zwei Unterstützungsmodi. Grundsätzlich wechselt man zwischen den Stufen durch längeres Halten des Startknopfes. Über eine App und eine Bluetooth-Verbindung zum Rad können die Modi voreingestellt werden - etwa, wie stark der Motor unterstützt. Deckeln lässt sich auch das Tempo. Je nach Einstellung schont dies den Akku.

Die vollgeladene Batterie mit 336 Wattstunden (Wh) sorgt laut Hersteller für 45 bis 100 Kilometer Reichweite. Aber wie immer hängt die Ausdauer von vielen Faktoren ab: Gelände, Einstellung der Unterstützung, Fahrergewicht, Außentemperatur oder Wind. Jevstignejev nennt eine Faustregel: Für zwei bis drei Tage Alltagsradeln in der Stadt sollte es genügen.

Sind die Zellen leer, dauert das Nachladen etwa 2,5 Stunden. Allerdings muss das Rad zur Steckdose gebracht werden, denn die Batterie ist nicht zum schnellen Herausnehmen konzipiert. Dies ist dem Fachbetrieb vorbehalten, der dazu Spezialwerkzeug benötigt.

Ampler gewährt eine Zweijahresgarantie auf den Akku, der als defekt gilt, wenn seine Restkapazität innerhalb dieser Frist auf weniger als 70 Prozent sinkt. Es empfiehlt sich deshalb, Reichweitenwerte über die Nutzungsdauer als Hinweise auf Verschleiß zu notieren und miteinander zu vergleichen. Als Lebensdauer nennt die Sprecherin 600 Ladezyklen, „was etwa 40.000 Kilometern entspricht.“ Wer zum Beispiel täglich den einfachen Weg von acht Kilometern zur Arbeit und wieder zurück pendelt, bräuchte demnach nach rund elf Jahren Ersatz.

- Der Fahreindruck: Im Ferrari-roten Lack „Racing Red“ sieht das Testrad für ein City-Rad schon im Stand ganz schön flott aus. Natürlich ist es kein Sportrad, doch die Sitzposition geht in diese Richtung. Weil Sattel und der nur wenig nach oben gekröpfte Lenker in etwa auf einer Linie sind, ist die Körperhaltung leicht gebückt.

Cruisen ist damit nicht so sehr die Sache des Stellar, aber ein für den Radtyp wendiges Fahrverhalten, zu dem der kurze Radstand beiträgt. Andererseits spürt man auch einen gewissen Komfort: Die 42 Millimeter breiten 28-Zoll-Reifen gewähren gute Dämpfung bei normalen Straßenunebenheiten und verkraften auch Schotter. Die Griffenden des Lenkers sind, einem City-Rad ähnlich, nach hinten gebogen. Sofort einsatzbereit ist der Gepäckträger, denn er wird ab Werk mit einem Gummiband ausgeliefert.

Der Heckmotor, eine gemeinsame Entwicklung von Ampler und dem Motorenhersteller Aikema, agiert bauartbedingt leise; die Geräuschkulisse ist noch unauffälliger als bei manchem Konkurrenzmodell. Das maximal mögliche Drehmoment und die Position des Motors, der direkt an der Nabe effizient arbeiten kann, sorgen je nach Voreinstellung per App für ein gutes Beschleunigungsverhalten.

Für ein E-Bike mit Vollausstattung wiegt das Stellar mit 17,2 Kilo nicht sehr viel. Dass es sich zum Stromtanken auch in den Keller oder ersten Stock relativ unbeschwert tragen lässt, liegt aber auch daran, dass es sich am niedrigen Querrohr des Alu-Rahmens gut fassen lässt.

Die zehn Gänge der Shimano-Kettenschaltung aus der Deore-Gruppe RD-T6000 wechseln schnell und treffsicher, bieten für städtische Einsatzszenarien genügend Abstufung und eine ausreichende Bandbreite. Die hydraulischen Scheibenbremsen vom gleichen Zulieferer verzögern verlässlich bei Wind und Wetter.

Probefahrten in mehreren deutschen Städten können über die Ampler-Website vereinbart werden, über die das Stellar in zwei Rahmengrößen für Körpergrößen von 1,55 Meter bis 1,85 Meter bestellt werden kann.

- Ausstattung, Zubehör, Peripherie: Zur Vollausstattung zählen Trägersystem, Pannenschutzreifen, Schutzbleche, Beleuchtung und Reflektorelemente an Pedalen und Reifenflanken, Front- und Heckreflektoren und eine Klingel. Interessant ist vor allem das innovative Rücklicht der koreanischen Marke Lightskin: Es besteht aus fünf in der Sattelstütze integrierten LEDs.

Wer ein Display zum Überwachen der Fahrdaten möchte, muss auf sein Smartphone zurückgreifen, das er mit einer Halterung aus dem Zubehörhandel am Lenker festmachen kann. Die App informiert über Tempo, Ladestand, Restreichweite und weitere Parameter, etwa die Restkilometer zum Ziel über die integrierte Kartennavigation. Neben den Voreinstellungen der Unterstützungsstufen lassen sich Firmware-Updates laden, etwa für bessere Motorabstimmung.

- Der Preis: Mit 2490 Euro liegt der Preis eher unter dem Niveau der wenigen Konkurrenzmodelle. Der Versand ist - anders als bei anderen Anbietern - im Preis enthalten.

- Das Fazit: Vor allem im „Racing Red“ fällt man mit dem Stellar auf - trotz technischem Tarnfaktor. Wer das vermeiden möchte, wählt als Lackfarbe „Space Blue“. So oder so ist das Stellar ein City-E-Bike mit allem Drum und Dran, das sich kräftig und quirlig fährt und dabei nicht zu teuer ist.

© dpa-infocom, dpa:200914-99-560055/3

Markenlogo auf „Racing Red“: Mit dem roten Lack sticht das Stellar des estnischen Herstellers besonders ins Auge. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
Vollausstattung: Alles an Bord, natürlich auch eine Beleuchtungsanlage. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
Hier wird das Rad zum Leben erweckt: Am unteren Sitzrohr befinden sich der Anschaltknopf und die Ladebuchse. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
Lichtschau am Heck: Die Rückleuchten sind in der Sattelstütze integriert. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
Bremsen, schalten, lenken: Kommandozentrale am Lenker mit nach hinten gebogenen Griffenden. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
Kraftwerk im Zentrum: Der Motor ist in der Hinterradnabe untergebracht. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Die Akkuzellen versteckt Hersteller Ampler im Rahmen. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
Zupackend: Die hydraulischen Scheibenbremsen sind bei Wind und Wetter verlässlich. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
Pragmatisch: Das Ladegut hält ein Gummiband auf dem Heckträger. Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn
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