07.06.2018 - 14:05 Uhr
OTon

Böses Frühlingserwachen

"Frühling lässt sein blaues Band/Wieder flattern durch die Lüfte" reimte Eduard Mörike in typischer romantischer Verklärung. Doch das Band ist von der Hitze verblasst und an den Rändern schon leicht verbrannt.

Das Gesicht des Frühlings 2018: Teile eines Feldes in Brandenburg sind Ende Mai wegen der Hitze bereits braun gefärbt und vertrocknet.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Es flattert auch nicht, sondern hängt herum, lapprig vom Schweiß - genauso wie ich seit Tagen. Oder sind es schon Wochen? Ach egal, bei diesem schwülen Wetter zu denken ist wie Schwimmen durch Bitumen.

Gerade war es doch noch so schön weiß und still. Plötzlich piept und surrt und juckt es Tag und Nacht, Insekten rasen über die Wiesen, Vögel balzen brüllend und auch die selbst ernannte Krone der Schöpfung reiht sich in das hyperaktive Treiben ein. Verstopft die sozialen Medien mit Fotos von lachenden Menschen beim Partygrillweiherausflug mit perfektem Sonnenuntergang. "Schaut her", rufen sie, "wie happy ich in Springtime bin!" Oder wie es Mörike fast 200 Jahre früher formulierte: "Frühling, ja du bist's! Dich hab' ich vernommen!"

Doch weder Mörike aus dem 19. Jahrhundert, noch butterblume07 auf Instagram begreifen des wahren Lenzens Kern: Sonnenanbeter, die ihre winterblasse Haut schädlichen UV-Strahlen aussetzen, durstige Blätter und stillose florale Print-Muster.

Doch liebe Pollenallergiker, Schnellschwitzer, Lichtempfindliche, Spargelhasser, Kellerkinder. Klickt die Sommerselfies der Frühlingsverrückten in eurer Timeline weg und bucht euren jährlichen Skandinavien-Urlaub. Nur noch ein paar Monate und wir studieren bei Minusgraden wieder die perfekte Struktur der Schneekristalle - während bei den anderen die Winterdepression ausbricht.

Info:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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