Musikalische Lesung aus dem Briefwechsel zwischen Max Reger und Henri Marteau im Brander ...
"Merkwürdig, wenn man immer dankbar sein soll"

Lokales
Brand
03.04.2007
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Im gleichen Atemzug wie der Name Max Reger genannt wird, fällt auch der des Geigers und Komponisten, der bis zu seinem Tod in Lichtenberg in Oberfranken wohnte, dort seiner Frau eine Villa errichtete, die sie bis zu ihrem Tod 1977 selbst bewohnte: Henri Marteau. Zwischen den beiden Musikern bestand über sechs Jahre hinweg eine enge Freundschaft, die sich auch im Briefwechsel zwischen den beiden Künstlern ausdrückt.

Ein Teil der Briefe stand der Musikwelt immer zur Verfügung, einen anderen Teil verwahrte Marteau-Tochter Dr. Mona Linsmayer sehr streng. Nachdem sie ihn frei gegeben hatte, fand im Haus Marteau in Lichtenberg eine musikalische Lesung statt, die Dr. Barbara Pittner vom Bezirk Oberfranken angeregt hatte und unter der künstlerischen Leitung von Professor Dr. Günther Weiß über die Bühne ging.

Höhepunkt des Kulturjahres

Der Brander Bürgermeister Georg Zaus war damals dazu nach Lichtenberg gereist. Auch in Brand wünsche er sich diese Veranstaltung, hatte er am Ende gegenüber den Mitwirkenden geäußert, die spontan zusagten. Der Kulturelle Förderkreis, dessen Vorsitzender der Bürgermeister ist, machte die Musikalische Lesung zu einem Höhepunkt des Kulturjahres 2007 in Brand.

Professor Dr. Weiß ist Anfang März verstorben, doch war es der Wunsch seiner Frau, dass diese Veranstaltung in Brand trotzdem abgehalten wird.

Am Sonntag hatte sich dazu nun eine große Anzahl an Zuhörern im Mehrzwecksaal eingefunden. Dr. Barbara Pittner wandte sich einem einführenden Vortrag den Lebensdaten der beiden Komponisten zu, um beim Verlesen der Briefe die Aufgabe des Moderierens zu übernehmen. Nicht alltäglich war der musikalische Rahmen des Abends. Marteau-Werke werden heute nicht mehr verlegt und so hatte Jakob Schröder, Leiter der Kreismusikschule, Mühe gehabt, Noten zu beschaffen. Er wurde in der Staatsbibliothek in München fündig, wo ihm das Material nur unter strengsten Auflagen für diesen Abend überlassen wurde.

Farben- und spannungsreich

Drei Stücke hatte er mit seinen Söhnen Jonas (Geige) und Jakob Johannes (Bratsche) einstudiert: Berceuse, Feuillet d'Album und Andantino, recht farben- und spannungsreiche Stücke, die einen kleinen Einblick in Marteaus kompositorisches Schaffen gaben. Mit drei Chorsätzen - zwei Bearbeitungen und einem Originalsatz - beteiligte sich der Männergesangverein "Max Reger" an diesem Abend und schließlich trugen die Geschwister Julia und Nina Daubner unter Klavierbegleitung von Jakob Schröder zwei Reger-Lieder vor: O Stern im Meere und Abendlied, die beide auf großen Gefallen beim Publikum stießen.

Der Briefwechsel werde die Freundschaft neu beleuchten, erklärte Dr. Pittner eingangs. Mit keinem Geiger sei Reger so oft auf der Bühne gestanden wie mit Henri Marteau. Sie erinnerte an das Reger-Fest in Dortmund, bei dem Reger als der kommende Komponist des 20. Jahrhunderts gefeiert wurde. Mit einem Eklat beim Festbankett habe sich das Ende der Freundschaft angekündigt.

Die Sprecherin ging auch auf die Entwicklung Marteaus zu einem der großen Geiger an der Jahrhundertwende ein, seine Abstammung von einer wohlhabenden Familie in Reims, seine Heirat mit seiner Schülerin Blanche Hirsekorn. Reger sei aus ganz anderen Verhältnissen gekommen. Nach der Entdeckung des Genies durch Adalbert Lindner, seiner Berufung bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth und der Zeit in Sondershausen bei Hugo Riemann sei eine schwere Militärzeit gefolgt, nach der Reger als "verlorener Sohn" nach Weiden zurückgekehrt sei.

Nur in Deutsch schreiben

Die Briefe wurden vom stellvertretenden Intendanten des Hofer Theaters, Thomas Schindler, und Schauspieler Wolfgang Kaiser verlesen. Ausdrucksstark und gestenreich brachten sie die darin enthaltene Stimmung zum Ausdruck. Regers Hartnäckigkeit geht aus den ersten Briefen an Marteau hervor; immer wieder Nachfragen nach dem Aufführen seiner Werke und immer wieder Bitten, das eine oder andere Stück zu probieren und ihm die Eindrücke zu schildern.

"Bitte nur in deutsch schreiben!" bittet er den Franzosen Marteau. Dankbar zeigt sich Reger nach einem gemeinsamen Konzert in Frankfurt. Marteau sah in der Anfangszeit in Reger noch nicht den großen Komponisten, war jedoch zusehends von dessen Arbeit begeistert. Reger andererseits konnte nicht genug von der Interpretation seiner Werke durch Marteau bekommen. "Reizen denn diese Dinge Ihre Finger nicht?" fragte er einmal in einem Brief. Seine Verehrung vor dem großen Geiger zeigt sich in einem Stück, das er ihm widmet. Reger brachte es nicht rechtzeitig fertig und begründete die Verzögerung damit, dass "für Sie das Beste gerade gut genug" ist. Im Hellen, Sonnigen werde die Sonate stehen, wenn sie fertig ist. Bald wurde aus dem "Sie" ein "Du" und damit wurde auch die Sprache lockerer. Charakteristisch für Reger sein Sendungsbewusstsein und seine Einstellungen zu Kritikern. "Mein Lieber" lautet nun die Anrede in Briefen an Marteau und einer endet mit "Dein Rex Mager - Max Reger".

Auch Marteau bringt seine Wertschätzung Regers zum Ausdruck. "Ich bedauere, dass du nicht Franzose bist, ich wünsche unserem Land einen solchen Musiker wie du bist", schreibt er an Reger. Bis 1908 hatte sich die Freundschaft zu einer engen künstlerischen Bindung entwickelt.

Erlogen und erstunken

Irritationen gab es zur Hochzeit von Blanche und Henri Marteau. Das Gerücht, er und seine Frau wollten nicht teilnehmen, sei "erlogen und erstunken", schreibt Max Reger. Dann wird der Ton rauer. Nach dem Festbankett in Dortmund gibt es Anzeichen von Trennung. Die Frage wird diskutiert, wer für wen wichtig ist. Das Dortmunder Reger-Fest hätte auch Marteau zu Ehren verholfen. "Merkwürdig, wenn man immer dankbar sein soll", schreibt Reger. Schließlich spielen auch antisemitische Hinweise Marteaus eine Rolle beim Bruch der Freundschaft. Reger warnt Marteau in seinem letzten Brief: "Sei vorsichtig bezüglich des Judentums! Dass du mich nicht brauchst, weiß ich längst." Zeitlebens sei er ihm dankbar.

Bürgermeister Georg Zaus brachte am Ende seinen Dank gegenüber vielen Leuten zum Ausdruck, vor allem gegenüber den Mitwirkenden, die gemeinsam einen überaus interessanten Abend gestaltet hatten.