18.08.2014 - 00:00 Uhr
BrandOberpfalz

"Turkmenisches Kammerorchester" begeistert in Brand - Beitrag des Festivals junger Künstler ... Atemberaubend vom ersten Takt an

"Rasanter Stillstand": Mit diesem Schlagwort charakterisiert der Wissenschaftler Hartmut Rosa die paradoxe Entwicklung der Gesellschaft. "Und was ist das Gegenrezept?", fragt Dr. h. c. Sissy Thammer, die Intendantin des Festivals junger Künstler Bayreuth, im Grußwort zum aktuellen Festspielbuch. Ihre Antwort ist kurz und präzise: "Kunst und Kultur!" Beides gab es beim Konzert im Rahmen des Festivals in Brand im Mehrzwecksaal in einem großen Reichtum.

Einen grandiosen Abend gestaltete das "Turkmenische Kammerorchester" des Konservatoriums der Hauptstadt Ashgabat in Brand. Voller Leidenschaft dirigierte der erst 26-jähriger Rasul Klychev. Bild: ld
von Bertram NoldProfil

80 Zuhörer hießen Bürgermeister Ludwig König und die Begleiterin willkommen, nachdem das "Turkmenische Kammerorchester" des Konservatoriums der Hauptstadt Ashgabat die Bühne betreten hatte. Es sollte ein Abend werden, der alles, was bisher in Brand an Orchestern gastierte, weit in den Schatten stellte. Es bedurfte nicht einmal eines ganzen Taktes, um einen ersten Eindruck von der Qualität des Orchesters zu erhalten.

Zuhörer schweben

Ein wundervoller, zarter, weicher, schöner und überaus angenehmer Ton beschlich den Saal, begann sich langsam und kontinuierlich auszubreiten, und wie von den 22 jungen Musikern auf Händen getragen, schwebend die Zuhörer einzuhüllen und mitzunehmen in eine Welt wundervoller Klänge.

Variationen von Tschaikowsky standen am Beginn des Abends und ihre Verschiedenheit öffnete dem Publikum einen Einblick in das ganze große Können dieses jungen sympathischen Ensembles. Da steht ein erst 26-jähriger Dirigent Rasul Klychev davor, der ganz offenbar die Gabe hat, seine Musiker zu Höchstleistungen zu motivieren, sie anzuhalten, genau das zu tun, was er verlangt, differenziert bis ins letzte Vortragszeichen.

Jeden einzelnen von ihnen scheint er am Finger zu haben und mit nur ganz kleinen Zeichen seinen Wunsch zu verdeutlichen. Jeder wird ihm so perfekt erfüllt, dass der Zuhörer nur staunen kann, dass das Konzert nicht nur zum Ohrenschmaus sondern auch zur Augenweide wird.

Dann aber ist wieder die große Gestik nötig. Das Crescendo kommt so, wie er es angibt: lang angelegt und sich kontinuierlich und ohne Bruch steigernd als würde man am Lautstärke-Regler eines CD-Players drehen. Er dirigiert hingebungsvoll und lebt diese Musik, ebenso wie es die Musiker tun. "Eine große Familie" nennt er sein Orchester.

Befreiendes Dur

Das hier scheint die perfekte Familie zu sein, in der absolute Harmonie und Stimmigkeit herrscht, in der alles gelingt. Selbst das Staccato und das Pizzicato sind ausdifferenziert bis in die letzte Kleinigkeit. Da atmet das Publikum hörbar auf, als er mit einem kräftigen Schlag das Stück beendet hat, nachdem sich das beengende Moll zum befreienden Dur entwickelt hat und ihm diese Freude bei der Verneigung anzumerken ist.

Eher unbekannte Stücke stehen auf dem Programm und viele Titel sind kaum geläufig: "Bu gun", "Name sen?" heißen zwei von ihnen. Und große Solisten gehören dem Orchester an: eine Flötistin, die mit einer beeindruckenden Leichtigkeit ihre schnellen Passagen bewältigt, der erste Geiger, der sein Instrument so spielt, als würde es Geschichten erzählen und noch hat man die Sängerin nicht gehört. Sie passt sich mit ihrer großvolumigen Stimme dem Orchester an, dosiert ihre Lautstärke so perfekt, wie es der Dirigent will und setzt vor allem ihr weiches, schwebendes Vibrato sehr gezielt ein.

Und da ist noch ein Klarinettist, der nahezu ein Wunder vollbringt. Reizvolle Variationen beschreiben den "Carneval zu Venise". Atemberaubend schnelle Läufe hat er zu bewältigen, die die Melodie umspielen. Die Suche nach dem zweiten Klarinettisten bleibt erfolglos. Er schafft das alleine und macht die Melodie durch kräftige Akzentuierung ihrer Töne innerhalb der Läufe hörbar. Es ist unglaublich! Täglich fünf Stunden übt er, erklärt er nach dem Konzert. Anders ist das wohl nicht möglich.

Voller Leidenschaft

Das ungeheuer schöne und interessante Konzert findet nach gut zwei Stunden mit einem Tango seinen Abschluss, bei dem sich alle Musiker noch einmal hingebungsvoll dem Wesen dieser Stilrichtung widmen und versuchen, das herauszuspielen, was Piazolla ausdrücken möchte: Leidenschaft! Nichts passt besser zu diesem perfekt aufeinander eingespielten Orchester.

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